Amir Aletic (Mitte) ist schon lange als Schiedsrichter im Amateurfußball unterwegs. Dabei setzt der Kommunalpolitiker immer auf Dialog. © privat
Fußball-Schiedsrichter

„Soll ich dich abschlachten?“ – Schiedsrichter spricht über Erfahrungen auf dem Platz

Amir Aletic ist schon lange als Schiedsrichter aktiv. Der Kommunalpolitiker erzählt wie er Probleme mit Gewalt und Rassismus im Amateurfußball wahrnimmt und warum er als Nazi beschimpft wurde.

Bist du Kurde? Soll ich dich abschlachten? Amir Aletic muss nicht lange überlegen, greift zur Gesäßtasche und zeigte dem Spieler, der diese beiden Fragen vorher ihn Richtung seines Linienrichters geschleudert hat, die Rote Karte. Aletic ist seit 1993 Schiedsrichter im Amateurfußball und hat in seiner Laufbahn schon ein paar Ausfälle miterlebt.

Diese Szene ist jedoch die erste, die ihm in den Kopf kommt, als er gefragt wird, was sein schwierigstes Spiel gewesen sei. „Das war natürlich sehr, sehr brisant“, sagt der 42-jährige Aletic. Eigentlich sei er keiner, der viele Karten gebe, sondern einer, der lieber mit den Spielern spreche, in diesem Fall sei aber nicht mehr viel zu reden gewesen.

„Die Spieler wissen gar nicht, was sie da von sich geben“, sagt Aletic mit Blick auf die Bedrohung seines Linienrichters. „Das ist Politik, die sie unhinterfragt wiedergeben. Das hat auf dem Platz und darüber hinaus nichts verloren.“ Dem Schiedsrichter ist wichtig, dass es auf und neben dem Platz fair zugeht. Deshalb engagiert er sich selbst auch in der Politik. Aletic ist Beisitzer des SPD-Stadtbezirksvorstandes für die Nordstadt, in der er selbst lebt – und gerne lebt, wie er sagt.

„Haben sie uns wieder einen Nazi vorbeigeschickt, der uns verpfeift?“

„Ich liebe die Nordstadt. Deshalb will ich hier auch etwas tun, gegen die Drogen-Dealer, gegen die Trinker und gegen die Armut“, sagt Aletic. Das sei auch ein Grund, warum er in die Politik gegangen ist. „Ich möchte die Wohnqualität verbessern, ich möchte, dass alle gleiche Chancen haben.“ Viele hätten das Gefühl, dass es die für sie nicht gebe. Das spiegle sich auch auf dem Platz wider.

„Haben sie uns wieder einen Nazi vorbeigeschickt, der uns verpfeift?“, hätten Spieler einer Mannschaft, in der viele Mitglieder migrantische Wurzeln haben, vor einem Spiel so laut gefragt, dass Aletic es gehört hat. Der Schiedsrichter sagt über sich selbst: „Ich sehe eher aus wie ein Deutscher, habe meine Wurzeln aber auch woanders und bin selbst Muslim.“

Zwischen acht und neun Kilometer läuft der Schiedsrichter Amir Aletic im Schnitt. © privat © privat

Amir Aletic ist in Dortmund geboren. Seine Eltern stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien und sind als Gastarbeiter in die Ruhrgebiets-Stadt gekommen. Weil sie viel arbeiten, wächst Aletic bei seiner Tante in einer Region auf, die heute auf dem Staatsgebiet von Bosnien und Herzegowina liegt. Als der Jugoslawien-Krieg beginnt, holen seine Eltern ihn zu sich nach Dortmund.

„Dass die Spieler Angst haben, von jemandem verpfiffen zu werden, der deutsch aussieht, kommt aber wahrscheinlich nicht von ungefähr“, vermutet Aletic. „Da muss ja etwas vorgefallen sein.“ Er habe das Gefühl, dass auch heute noch viele Vorurteile gegenüber Spielern mit Migrationsgeschichte herrschen und sie sich deshalb benachteiligt fühlen. „Da hat sich nicht viel geändert.“

„Migranten sind in Gremien oftmals unterrepräsentiert“

Sprüche wie „Da kommen die Araber, die spielen besonders aggressiv“ seien immer noch gängig. „Spieler mit Migrationshintergrund sind häufiger an Spielabbrüchen beteiligt, sie werden allerdings auch nach meiner Wahrnehmung häufiger provoziert“, sagt Aletic und erzählt von einem Spiel, in dem ein Spieler von den gegnerischen Fans immer wieder als „Kanake“ beschimpft worden war.

Die taz schrieb zur Gewalt von Spielern mit Migrationsgeschichte im Fußball: „Was ungern laut gesagt wird, findet durch Untersuchungen und Studien eine traurige Bestätigung. Wenn es im Kreis der rund 6,5 Millionen Aktiven, die unter der Obhut des Deutschen Fußball-Bundes kicken, handfesten Streit gibt, zählen Spieler mit Migrationshintergrund überproportional oft zu den Tätern.“ Aletic ergänzt: „Sie werden aber dann von den Spruchkammern häufig auch härter bestraft.“

Amir Aletic ist Schiedsrichter beim TuS Bövinghausen. © privat © privat

Migrantenvereine würde sich deshalb eher zurückziehen. Aus einem Miteinander würde so ein Gegeneinander, sagt Aletic. „Dabei ist Fußball Integration pur. Sport fördert die Integration. Das muss sich aber auch in den Gremien zeigen. Da sind Migranten oftmals immer noch unterrepräsentiert.“

Aletic habe beim Fußballkreis schon mehrmals angesprochen, dass es einen Integrationsbeauftragten geben müsse und habe sich auch dazu bereit erklärt, diese Aufgabe zu übernehmen. „Das stieß allerdings auf wenig Anklang.“

Aletic hat selbst Diskriminierung erfahren

Er selbst habe nicht das erreichen können, was er hätte erreichen können, weil sein Nachname eben nicht typisch-deutsch ist, glaubt er. Aletic pfeift selbst Bezirksliga, bis zur Oberliga steht er an der Liga. Gerne wäre er als Hauptschiedsrichter noch ein, zwei oder drei Ligen aufgestiegen. „Als Migrant hattest du es aber nicht leicht, wenn du niemanden hattest, der dich unterstützt hat.“

Aletic, der im Juni als Schiri zum TuS Bövinghausen gewechselt ist, musste eine schriftliche Prüfung ablegen, als er in die Landesliga aufsteigen wollte. „Mir sagte man nach der Prüfung, ich hätte 16 Fehler gemacht. Da frage ich mich bis heute, wie das gehen soll“, sagt Aletic. „Als ich in die Bezirksliga aufgestiegen bin, hatte ich in einem Test mit offenen Fragen zwei Fehler und dann soll ich bei einem Ankreuz-Test 16 Fehler gemacht haben. Da müsste ich ja besoffen gewesen sein.“

Er habe das damals als diskriminierend und unfair empfunden. „Es hat mir fast die Lust am Pfeifen genommen und ich war kurz davor aufzuhören“, sagt Aletic. Er blieb trotzdem dabei. „Ich habe Spaß am Pfeifen, ich habe Spaß am Fußball“, sagt Aletic, „und ich bin ein Freund der Spieler.“ Er wolle niemanden unnötig verwarnen oder vom Platz stellen. „Nächste Woche geht es für mich weiter und es soll dann auch für den Spieler weitergehen.“

Die Hemmschwelle ist gesunken

Trotzdem ließe er sich nichts gefallen. „Bei mir ist man an der falschen Adresse, wenn man das letzte Wort haben will“, sagt der Schiedsrichter. Er mache da auch einen Unterschied in den Ligen aus. In den höheren Ligen könne man den Spielern eher etwas sagen. „Die stehen darüber. In den unteren Ligen ist es emotionaler. Sie fühlen sich sofort persönlich angegriffen.“

Er habe festgestellt, dass die Hemmschwelle niedriger geworden sei, sagt Aletic auch mit Blick auf die jüngsten Gewaltausbrüche im Dortmunder Fußball. Dass es mehr Gewalt gebe, habe er aber nicht wahrnehmen können. „Die Wahrnehmbarkeit nimmt einfach zu. Die Leute haben ihr Handy dabei, weil es Kameras an den Plätzen gibt, gibt es Videos von solchen Vorfällen, über die dann auch die Medien berichten. So rückt das natürlich in den Fokus.“

Der 42-Jährige sieht das Gewalt- wie auch das Rassismus-Problem eher gesamtgesellschaftlich. Es schlage sich logischerweise auch im Fußball nieder. Er selbst habe aber keine Gewalt-Erfahrungen gemacht. „Ich habe die Regeln und die Sportgerichtsbarkeit, die mich schützen.“ Beleidigungen würden von ihm abprallen, sagt er. „Ich habe eine dicke Haut und nehme das nicht persönlich. Ich sehe das immer im Kontext des Sports.“

„Noch bin ich schneller als die Hälfte der Oberliga-Spieler“

Und dieser Sport fehle ihm gerade. „Wir als Schiedsrichter sind ja auch ein Team und fahren als Gespann zu den Spielen. Ich stehe sonst jeden Sonntag auf irgendeinem Platz in ganz NRW oder am Samstag als Fan bei Borussia“, sagt Aletic. „Bei mir kribbelt es auch in den Finger, ich freue mich auf jedes Spiel, das ich leiten kann. Das ist schließlich mein Hobby und mein Sport.

„Schneller als die Hälfte der Oberliga-Spieler“

Er messe immer seine Laufleistung. Zwischen acht und neun Kilometern kämen meist zusammen, sagt Aletic. Solange er läuferisch bei einem Oberliga-Spiel mithalten könne, werde er auch weiter pfeifen. „Noch bin ich schneller als die Hälfte der Oberliga-Spieler“, sagt der Schiedsrichter und lacht.

Wenn es wieder losgehe, freue er sich auch auf die Spieler und Trainer – auch auf die, die viel reden, sagt Amir Aletic: „Ich kenne die Leute ja, die viel diskutieren. Ich lasse mich davon aber nicht beeinflussen. Bei mir steht bei jedem Spiel wieder die Uhr auf Null und jeder bekommt eine neue Chance.“

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland

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