Sascha Hildmann, Trainer des BVB-II-Konkurrenten Preußen Münster, schaut während der Fußball-Spiele immer mal wieder auf sein Handy. Warum? © imago images/Thomas Bielefeld

Trainer Sascha Hildmann muss während der Spiele immer sein Handy checken – Warum?

Wer ihn auf der Trainer-Bank regelmäßig verfolgt, kann sich schon mal verwundert die Augen reiben. Ist das Spiel seiner Mannschaft so uninteressant oder warum guckt Sascha Hildmann ständig auf sein Handy?

Selbst wenn es mal heißhergeht in einem der Spiele seiner Mannschaft, kann es sein, dass Sascha Hildmann, Trainer von Preußen Münster in der Regionalliga, regelmäßig auf sein Handy schauen muss. Checkt er die WhatsApp-Nachrichten seiner Frau oder die Ergebnisse auf den anderen Plätzen?

Nein, das sind nicht die Gründe, warum der in Haltern wohnhafte Hildmann während der Partien auf sein Smartphone schauen muss. Die Gründe sind ernster, weniger erfreulich. Denn Hildmann leidet seit 15 Jahren an Diabetes.

„Sascha, Du wirst doch kein Diabetes haben?“

Mit 35 Jahren – Hildmann hatte da gerade seine Karriere als Fußballprofi (u.a. 36 Zweitliga-Spiele für Alemannia Aachen) beendet und seine Trainer-Ausbildung begonnen – habe er seine Diagnose erhalten. „Ich war mit Freunden im Angelurlaub“, erzählt der begeisterte Angler und Bootsfahrer. „Da musste ich ständig auf die Toilette, trank fünf bis sechs Liter Wasser am Tag und nahm viel ab.“

Zurück zuhause suchte der heute 49-Jährige einen Arzt auf, dessen erste Diagnose: „Sascha, Du wirst doch kein Diabetes haben?“ Nach einer Blutzuckermessung wies Hildmanns Körper einen hohen Blutzuckerspiegel auf, für den Arzt gab es keine zwei Meinungen. Hildmann war an der im Volksmund auch „Zuckerkrankheit“ genannten Krankheit erkrankt.

Wie habe er sich in diesem Moment gefühlt? „Meine Welt war zusammengebrochen. Ich habe mich gefragt, warum ich sowas bekomme.“ Schnell googelte der Trainer nach Symptomen und Folgen der Erkrankung. „Der größte Fehler, den man nie machen sollte.“ Denn er fand nur heraus, wie schlecht es den Leuten geht, sah faule Füße, die eine häufige Folge einer un- oder falsch-behandelten Diabetes-Erkrankung sein können.

Doch nach dem ersten Schock berappelte sich der heutige Coach von Preußen Münster wieder. Mit anderen Leuten habe er sich ausgetauscht, die ihm Mut zusprachen. Einer von ihnen war Dimo Wache, ehemaliger Bundesliga-Keeper von Mainz 05. Der Torwart geht ebenfalls sehr offen mit seiner Diabetes-Erkrankung um. Sein Leitspruch: „Nicht die Diabetes bestimmt mein Leben, sondern ich bestimme die Diabetes.“ Ein Spruch, den sich Hildmann zu Herzen nahm.

Im schlimmsten Fall lebensgefährlich

Seit Beginn seiner Erkrankung muss sich der Trainer täglich Insulin spritzen. Es ist ein wichtiges Hormon für den Stoffwechsel im menschlichen Körper und dient vor allem dazu, Traubenzucker (Glukose) aus dem Blut in die Zellen weiter zu schleusen. Auch an „allen möglichen Ernährungsseminaren“ habe er teilgenommen, denn einfach mal eine Cola trinken, wenn man Lust darauf hat, kann ein an Diabetes erkrankter Mensch nicht.

„Man muss ständig wissen, was man gegessen hat und ständig seinen Blutzuckerspiegel überprüfen“, sagt Hildmann. Sonst läuft man Gefahr zu unterzuckern, wodurch man ohnmächtig werden kann. Im schlimmsten Fall kann eine Unterzuckerung lebensbedrohlich sein.

Das hinderte den Trainer aber nicht, weiter Sport zu treiben, sich dem Stress bei einem Profi-Fußballverein auszusetzen. Denn wie Dimo Wache ihm bereits empfahl, möchte Hildmann über seine Diabetes bestimmen und nicht andersrum. Das rät er auch Amateursportlern, die ebenfalls an Diabetes erkranken. „Man muss sich in die Krankheit reinfuchsen“, erklärt er. Wenn alles eingespielt ist, ist selbst Leistungssport kein Problem mehr.

Und warum nun schaut Hildmann während der Spiele auf sein Handy? Dort hat er eine App installiert, Dexcom G6, die einen vor einer Unterzuckerung warnt. Der 49-Jährige muss sich zuvor eine kleine Nadel in den Arm stechen, die dann seine Blutzuckerwerte an die App überträgt. „Das ist eine richtig gute Sache“, sagt er.

Die Cola steht für den Notfall immer bereit

Denn ohne diese App müssen Diabetes-Patienten ihren Blutzuckerspiegel mithilfe eines unangenehmen Verfahrens bestimmen: Sie stechen sich in den Finger, pressen einen Blutstropfen auf einen Teststreifen und legen diesen in ein Blutzuckermessgerät, welches das Ergebnis anzeigt. Besonders wenn sich erste Anzeichen einer Unterzuckerung andeuten und die Finger zittern, kann das Verfahren eine Tortur sein.

Mit der App ist das anders: Da hat Hildmann direkt auf dem Bildschirm, wie sein Blutzuckerwert aussieht. Er kann direkt reagieren, wenn er zu niedrig oder zu hoch ist. Hinter seiner Trainerbank hat er auch immer eine Cola stehen, die den Blutzuckerspiegel ausgleichen soll, falls dieser zu niedrig ist.

Aber was passiert, wenn einmal der Ernstfall eintreten sollte und der Trainer unterzuckert? Hildmann trainierte zwischen Dezember 2019 und September 2019 den 1. FC Kaiserslautern auf dem berüchtigten Betzenberg. In der ersten DFB-Pokal-Runde der Saison 2019/20 gewann sein Team mit 2:0 gegen den Bundesligisten Mainz 05. „Das sind emotionale Spiele“, sagt er. In denen er dann schonmal seine Erkrankung vergisst?

„Nein“, sagt er. Mittlerweile habe er seinen Körper kennengelernt. Die ersten Anzeichen einer Unterzuckerung merke er schnell. Falls aber doch der Ernstfall eintreten sollte, wisse der Mannschaftsarzt der Preußen, Dr. Tim Hartwig, Bescheid. Ein flüssiges Gel, das Hildmann immer dabei hat, würde ihm dann in den Gaumen reingedrückt, wo es direkt in das Blut übergeht.

„Bin für jeden gerne Ansprechpartner“

Mit seiner Erkrankung möchte der Trainer offen umgehen, auch um ein Beispiel für andere Betroffene abzugeben. In Kürze möchte er auch an einer Studie teilnehmen, die die Berufsgenossenschaft in Auftrag geben wird. Sie soll aufklären, ob Diabetes eine Spätfolge des Profi-Sports sein kann.

Ihm ist wichtig zu betonen, dass man auch mit der Krankheit „ganz normal das Leben bestreiten kann“. Er rät allen betroffenen Sportlern, ihre Leidenschaft weiterhin auszuüben. „Man darf sich nicht unterkriegen lassen“, sagt er. Für Fragen sei er immer empfänglich. „Da bin ich gerne für jeden ein Ansprechpartner.“

Wichtige Fragen rund um eine Diabetes-Erkrankung finden Sie hier.

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