Für einen Yoga-Retreat muss niemand tausende von Kilometern reisen. © picture alliance/dpa/PA Wire
Fitness

Yoga-Retreat – geht das nur an exotischen Orten oder auch ganz in der Nähe?

20 Kilometer laufen, 100 Kilo stemmen - darum geht es beim Yoga nicht. Trotzdem hat es mindestens genau soviel mit Fitness zu tun. Denn beim Yoga tankt der Geist neue Kraft.

Yoga boomt. Egal ob in den eigenen vier Wänden, im Yoga-Studio oder sogar auf Reisen suchen viele Menschen nach einer Auszeit vom Alltag, die den Berufsstress nicht durch Freizeitstress ersetzt. Insbesondere die Nachfrage nach Yoga-Reisen, sogenannten Retreats, wächst seit Jahren stetig.

Die Ziele sind oft exotisch, die Bilder verlockend – aber muss man wirklich erst viele tausend Kilometer reisen, um zu lernen, wieder mehr auf sich selbst zu hören? Oder gelingt es unter kundiger Anleitung nicht auch ganz in der Nähe Hektik, Geschwindigkeit und Rastlosigkeit für ein paar kostbare Stunden oder Tage außen vor zu lassen? Gibt es nicht auch den Retreat im Ruhrgebiet?

Maike Czieschowitz hat mir erklärt, was den Retreat so attraktiv macht. Sie ist Sprecherin von Yoga-Vidya, der nach eigenen Angaben europaweit größten Seminar- und Ausbildungseinrichtung für Yoga, Meditation und Ayurveda mit Dependancen in Dortmund, Bochum, Essen und Schwerte.

Yoga-Retreats sind mittlerweile eine sehr populäre Form von Urlaub. Wie kommt das?

Viele Menschen spüren, dass äußere Reize, wie sie in einem klassischen Urlaub erlebbar sind, nur zu einem gewissen Grad befriedigen. Ein Retreat ist hingegen eine Zeit der Zurückgezogenheit. Man nimmt für einen gewissen Zeitraum Abschied von seinem Alltag, von der normalen Tagesstruktur, von der Umgebung. Man nimmt sich heraus. Dahinter steht oft auch die Sehnsucht, sich aufzufüllen mit etwas, das länger anhält, als das, was äußere Reize einem geben können.

Oft suchen und finden die Menschen in der Zeit der Stille eines Retreats auch einen Gegenpol zu den ständigen Veränderungen, die wir im Alltag erfahren. Sie erleben ein Stück Unveränderbarkeit in einer lauten Welt. Und das findet man häufig allein. Ja, inspirierende Lehrer und Gleichgesinnte gehören dazu. Aber letztlich sind auch das äußere Einflüsse. Die letztliche Sehnsucht erfüllt sich immer nur im Kontakt mit sich selber.

Aber bei einem Retreat bin ich in einer Gruppe. Wie passt das zu dem Ziel, sich doch eigentlich selbst finden zu wollen?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erleben bei einem Retreat in der Regel eine ganz andere Tagesstruktur als die gewohnte. Das ist in üblichen Sinne kein erholsamer Urlaub, sondern der Tag beginnt mitunter schon um 5 oder 6 Uhr morgens zum Beispiel mit einer ersten Meditation. Die klare und feste Struktur bleibt über den ganzen Tag. Und während sie meditiert, Yoga macht, Stillezeiten einhält, vielleicht sogar schweigend isst, entwickelt die Gruppe eine Atmosphäre, in der es um andere Themen geht als im Alltag. Und das kann inspirierend für jeden Einzelnen sein.

Sind Retreats auch gut für Yoga-Anfänger? Gibt es Retreats die sich besonders für Anfänger eignen?

Es gibt tatsächlich Retreats für Einsteiger, bei denen zunächst mal eine Einführung, beispielsweise in die Meditation, angeboten wird. In der Regel wenden sich Retreats aber an Menschen, die schonmal Yoga gemacht, die schon meditiert haben. Darum ist es auf jeden Fall klug, sich vor einem Retreat beim Veranstalter oder beim Seminarleiter zu erkundigen, ob die angebotene Veranstaltung auch etwas für Anfänger ist oder sich doch eher an all jene wendet, die ihre geübte Praxis vertiefen möchten.

Online-Yoga erlaubt sogar den Retreat in den eigenen vier Wänden.
Online-Yoga erlaubt sogar den Retreat in den eigenen vier Wänden. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Und noch etwas sollte man wissen, wenn man sich für einen Retreat entscheidet: Das ist keine Italienreise, für die man sich zwei Landkarten kauft und dann mal loswandert. Bei einem Retreat begibt man sich auf eine innere Landkarte. Das was ich äußerlich sehen kann, ist total reduziert. Die Erkundungslandschaft ist die innere. Man stößt auf den eigenen Geist, auf Themen, die man in einem normalen Urlaub mit seinen äußeren Erlebnissen gerade versucht hätte, zu verdrängen.

Das klingt so, als könne ein Retreat auch eine echte Herausforderung sein?

Das ist so. Wer in einen Retreat geht mit dem Wunsch, ich lasse alles hinter mir und habe ansonsten einfach viele tolle Erfahrungen, den muss ich ein wenig runterpegeln. Sicher ist, dass man sehr intensive Erfahrungen haben wird. Und es kann gut sein, dass man an wunderbare Gefühle und Gedanken kommt. Dann herzlichen Glückwunsch. Aber die sehr häufige Erfahrung ist, dass das Gehirn – befreit von äußeren Einflüssen, an denen es sich sonst festhält – mit ganz vielen neuen Gedanken reagiert. Und das kann auch ganz schön anstrengend sein.

Wenn der Retreat meist nichts für Anfänger ist, ist dann der Workshop der richtige Einstieg?

Ja, das ist sicher der richtige Einstieg. Wenn wir hier Workshops anbieten, dann dauern die manchmal nur drei Stunden an einem Tag. Und um in sich selbst zu horchen, ob man bereit ist für längere Yoga- und Meditationsphasen, ist ein Workshop genau das Richtige.

Yoga an exotischen Orten ist für viele Erholungssuchende auf den ersten Blick die ideale Kombination.
Yoga an exotischen Orten ist für viele Erholungssuchende auf den ersten Blick die ideale Kombination. © picture alliance/dpa/AP © picture alliance/dpa/AP

Retreats im Ruhrgebiet – gibt es sowas? Oder muss ich außerhalb schauen? Die Ziele klingen ja oft eher exotisch.

Der Umgebungswechsel gehört bei vielen Retreats tatsächlich dazu. Anbieter, die ihrer Kurse am festen Ort anbieten, suchen sich meist für ihre Retreats beispielsweise ein Seminarhaus, das an einem anderen Ort liegt. Da macht es Sinn, einfach nachzufragen, ob ein Retreat nicht auch ganz in der Nähe stattfindet. Bei uns ist es so, das wir neben unsere Stadtzentren wie etwas in Dortmund vier Meditationszentren (Aschrams). Die sind im Allgäu, an der Nordsee, im Westerwald und in Bad Meinberg in der Nähe von Paderborn. Grundsätzlich kann man einen Retreat aber wirklich überall machen, sogar zu Hause, beispielsweise online, wenn die Retreatgruppe bei Zoom zusammen hat. Dass das geht, haben wir in den vergangenen 18 Monaten gelernt.

Beim Blick durch die vielen Angebote für Retreats fällt auf, dass vor allem in Deutschland häufig Klöster als Seminarort genutzt werden. Wie kommt das?

Ich glaube, Klöster haben schon an sich diese Ausstrahlung von Stille. Stille ist ja in vielerlei Hinsicht der Kontrastpunkt zu der Art, wie heute leben. Und ein Kloster verkörpert Schweigen und Spiritualität wie kaum ein anderer Ort.

Fällt es Menschen schwer, sich auf einen Retreat einzulassen? Sind die Erwartungen manchmal zu hoch, weil eine Art von moderner Hochdruckentspannung verlangt wird?

Unserer Erfahrung geht eigentlich eher dahin, dass die Menschen nach dem zweiten oder dritten Tag überrascht sind, was es mit ihnen macht, wenn sie in einer anderen Umgebung sind, in der es eine andere Struktur gibt. Die Auswirkungen sind nicht immer nur schön, wenn man weiter sehr stark an den Gewohnheiten des Alltags hängt. Körper, Geist und Seele reagieren. Und je bereiter man ist, da durchzugehen und sich für etwas Neues zu öffnen, woran Körper, Seele und Geist noch nicht gewöhnt sind, desto leichter wird man frei für etwas anderes.

Über den Autor
Sportredaktion Dortmund
61er-Jahrgang aus Bochum, seit über 35 Jahren im Journalismus zu Hause - dem Sport und dem blau-weißen VfL schon ewig von Herzen verbunden - als Sportredakteur aber ein Spätberufener.
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