Dieses Szenario wird es auf Phoenix-West vorerst nicht mehr geben. „Das Hoesch“ darf nicht mehr draußen bewirten. © Stephan Schütze
Große Resonanz

Reaktionen auf Camping-Dinner-Verbot: „Tolle Idee aus Willkür zerstört“

Wohnmobil-Dinner werden in ganz Deutschland gefeiert als super Idee, auch im Lockdown ein gastronomisches Erlebnis anbieten zu können - kontaktlos und sicher. In Dortmund wurde das verboten.

Das Camping-Dinner im eigenen oder gemieteten Wohnmobil am „Hoesch“ auf Phoenix-West war an den Wochenenden fast immer ausgebucht. Die Sehnsucht nach einem Abend außer Haus mit Bewirtung und gutem Essen, ohne die Corona-Regeln zu gefährden, ist offenbar groß. Doch jetzt bleibt es auch freitags und samstags auf dem Parkplatz neben dem alten Hochofen dunkel.

Das Dortmunder Ordnungsamt hat den Betreibern das Angebot untersagt. Der Betrieb von Gaststätten sei nicht erlaubt, und die Wohnmobile seien eine Erweiterung der Restaurants. Die Hoesch-Inhaber Ben Blume und Thorben Zitt wollen juristisch gegen das Verbot vorgehen.

„Ein wirklich mieses Zeichen“

Die Entscheidung bringt auch die Gastronomie-Gemeinde in Dortmund und darüber hinaus gehörig auf die Palme.

„Mal abgesehen von der Rechtslage: das Aktiv-werden der Dortmunder Behörde in Bezug auf eine weithin geduldete Praxis, die nun wirklich keine Gefahrenquelle für Superspreader-Ereignisse ist, ist ein wirklich mieses Zeichen in diesen Zeiten, in denen Gastronomen jeden Strohhalm ergreifen, ökonomisch zu überleben und Gäste zu binden“, schreibt Tom Thelen im Newsletter von Coolibri und „Ruhrgebiet geht aus“.

Eine Bochumer Gastronomin hätte in der Nachbarstadt auf Nachfrage weiterhin grünes Licht für ihr Camping-Dinner-Angebot erhalten. Unter anderem im münsterländischen Vreden und in Herbern boomt das Angebot. Auch in Dortmund machen Gastronomen einfach weiter wie bisher und hoffen, dass sie nicht ins Visier des Ordnungsamts geraten – oder angeschwärzt werden.

Auch Gäste aus Niedersachsen nutzten die Gelegenheit zu einem gemütlichen Dinner im Eigenheim auf vier Rädern.
Auch Gäste aus Niedersachsen nutzten die Gelegenheit zu einem gemütlichen Dinner im Eigenheim auf vier Rädern. © Stephan Schütze © Stephan Schütze

Auf Facebook häufen sich die Kommentare, die Unverständnis, Ärger und Trauer über die Dortmunder Entscheidung ausdrücken. „Es ist wirklich traurig“, schreibt dort eine gute Kennerin der Gastronomie-Szene und verweist auf einen WDR-Beitrag über das Camping-Dinner auf Phoenix-West. Da sei Dortmund, seine Industriekultur und sein kulinarisches Angebot einmal bundesweit wahrgenommen worden, und dann wird es verboten. „Offensichtlich wollen wir gar nicht vom Bier-Bratwurst-Fußball-Image weg. Im Umland geht’s.“

Eine andere Nutzerin schreibt: „Eine tolle Idee wird zerstört durch eine an den Haaren herbeigezogene Rechtsgrundlage. Peinlich Stadt Dortmund, einfach nur peinlich!“

Viele werfen dort die Frage auf, warum beispielsweise bei McDrive unterwegs gekauftes Essen im Auto verzehrt werden darf, im Wohnmobil aber nicht. Sie sprechen von „Willkür und Schikane“. „Es ist unfassbar mit welcher Arroganz hier irgendwelche ,Vollpfosten‘ solche Entscheidungen treffen. Ein kleiner ,Lichtblick‘ in diesen trüben Zeiten wird mit Füßen getreten.“

Die Verwaltung sei hier deutlich über das Ziel hinausgeschossen und zerstöre eine gute, Corona-konforme Idee.

Diesen Tenor nehmen auch zahlreiche Leserbriefe auf, die die Redaktion erreichten. Von „Bestürzung und großem Unverständnis“ schreibt ein Leser, selbst Wohnmobilbesitzer und ehemaliger Kriminalbeamter. „Mit Bestürzung, weil die bürokratische und unflexible Entscheidung der Stadtverwaltung eine innovative Idee von Gastronom*Innen ,von der Theke wischt‘, mit der diese ihre aktuelle und bereits lang anhaltenden Notsituation zumindest ein wenig lindern konnten.“

Die Ziele der Coronaregeln seien nicht gefährdet und die angeführte Begründung, ein Wohnmobil sei keine Wohnung im rechtlichen Sinne nicht nachvollziehbar. Er nennt dazu Tatbestände im Strafgesetzbuch, bei denen Wohnmobil oder Wohnwagen durchaus als Wohnung gewertet werden (§ 244).

Begegnungen finden gar nicht statt

Der Leser wirft die Frage auf: „Was/welche Ziele hat der Verordnungsgeber mit der Einschränkung der Gastronomie verfolgt? Der bloße Hinweis darauf, dass die Gäste ja entgegen des Verbotes an Ort und Stelle verzehren, ist kurzsichtig…“ Die im Restaurant schwer kontrollierbaren Bewegungen und Begegnungen wie Thekenaufenthalt, Toilettengänge, Rauchertreffen fänden bei einem „gemütlichen, isoliert intimen und romantischen Wohnmobil-Dinner“ überhaupt nicht statt.

Ein Unternehmensberater für Gastronomie/Hotellerie schreibt mit „herzlichen Grüßen an den Amtsschimmel“: „Es ist nicht nur beschämend, wie das Ordnungsamt, gerade in einer so schwierigen Zeit für Gastronomen, reagiert. (…) Der Hinweis, dass der Restaurantinhaber ordnungsrechtlich lediglich seine Betriebsstätte verlagert hat und dies verboten ist, mag nur den Ordnungshütern Freude bereiten. Man muss in einem solchen Fall jedoch intensiv Gedankenhygiene betreiben, um ein solches Verbot in der so schwierigen Zeit überhaupt auszusprechen. Der Gastronom hatte durch seine Existenznot eine glänzende Idee umgesetzt und sollte von der Stadt eher mit einem Geldpreis als mit einer Ordnungsstrafe belohnt werden.“

Einen Leser stört besonders die Ungleichbehandlung von großen Schnellrestaurant-Ketten und den heimischen Gastronomen: „Wohnmobile sind völlig autark und somit Corona-konform. Wenn man nicht will, finden keine unnötigen Kontakte statt. Man ist praktisch in seinen eigenen vier Wänden. Das ist genau so, als wenn der Lieferdienst an Ihrer Tür klingelt und Ihnen Waren oder Speisen bringt, das ist auch nicht verboten. Beim Wohnmobil-Dinner findet genau das statt. Der Service klopft und stellt die Speisen ab und ich hole diese in mein Wohnmobil. Völlig kontaktlos. Da werden Mensch kreativ um zu überleben und statt man stolz auf solche kreativen Ideen ist, wird hier die Keule geschwungen.“

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Seit 2001 in der Redaktion Dortmund, mit Interesse für Menschen und ihre Geschichten und einem Faible für Kultur und Wissenschaft. Hat einen Magister in Kunstgeschichte und Germanistik und lebt in Dortmund.
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Susanne Riese

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