Die drei Klassen der Jahrgangsstufe 8 der Robert-Koch-Realschule: Im Vordergrund halten die beiden Schüler die kleine Tafel hoch. © Britta Linnhoff
Robert-Koch-Realschule

„Stell dir vor, dein Leben wäre so“: Dortmunder Realschüler werden „Zweitzeugen“

Es ist nur kleines Schild – aber eines mit großer Bedeutung. Die Tafel in der Robert-Koch-Realschule zeugt von einer inneren Einstellung, die Schlimmes der Vergangenheit künftig verhindern soll.

Es waren sechs ganz besondere Schulstunden für die drei Klassen der achten Jahrgangsstufe der Robert-Koch-Realschule am Hombruchsfeld.

Dieses Mal waren nicht die Lehrer diejenigen, die vorne an der Tafel standen, sondern Mitglieder des Vereins „Zweitzeugen“. Im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung mit dem BVB sollen persönliche Überlebensgeschichten der Judenverfolgung zusammen mit den Schülerinnen und Schülern erzählt werden.

Schrecken und Erinnerungen an den Holocaust werden so bewahrt. Besonders wichtig in einer Zeit, in der es immer weniger Überlebende dieses Grauens gibt. Das Erinnern ist das eine. Das andere: Die Jugendlichen sollen so ermutigt werden, sich für Demokratie und gegen Rassismus zu engagieren.

Dieses Foto entstand in einer anderen Schule. Aber auch in der Robert-Koch-Realschule schrieben die Realschüler Briefe an Überlebende. Für die sei es wichtig,
Dieses Foto entstand in einer anderen Schule. Aber auch in der Robert-Koch-Realschule schrieben die Realschüler Briefe an Überlebende. Für die sei es wichtig, „dass Kinder in Deutschland sich für ihre Geschichte interessieren“, sagt Bildungsteamleiterin Ksenia Eroshina, © Marina Kauffeldt © Marina Kauffeldt

Seit Dezember 2020 ist die Robert-Koch-Realschule in Hombruch eine der Zweitzeugen-Schulen. Einmal im Jahr finden diese Workshops statt – im achten Jahrgang.

An diesem Mittwoch im September 2021 sind Ksenia Eroshina und Simon Jüntgen von dem Projekt Zweitzeugen hier am Hombruchsfeld. Sie haben jede Menge im Gepäck, persönliche Schicksale von Menschen in der NS-Zeit, dazu Audio-Dateien, in denen diese Menschen ihr Schicksal erzählen.

„Was habe ich zu tun mit Sachen, die 80 Jahre her sind?“

Den beiden gelingt es, den Jugendlichen begreiflich zu machen, was es bedeuten würde, wenn es hieße: „Stell dir vor, dein Leben wäre so.“ Wäre es tatsächlich so, dann könnte der eine bereits nicht mehr zur Schule kommen, der andere könnte sein Fußballtraining vergessen, die andere ihren Musikunterricht. Es macht sich Betroffenheit breit im Klassenraum.

Eroshina und Jüntgen schaffen es auch, die Frage zu beantworten, die sich der ein oder andere im Vorfeld gestellt haben mag: „Was habe ich damit zu tun, was vor 80 Jahren passiert ist?“

„Es sind die Verbindungen, die dann von den Schülern gezogen werden“, sagt Ksenia Eroshina, die Geschichte studiert hat. Verbindungen zu Judenwitzen, die die Jugendlichen in ihrem heutigen Alltag hören oder zu Attentaten auf jüdische Einrichtungen.

„Emotionaler und bewegender“ Elternabend

Und noch etwas erreichen sie offenbar: Es wird diskutiert. Nicht nur in den Klassen, sondern auch Zuhause, mit der Familie. Lehrer Christian Große zum Beispiel berichtet von einem Elternabend nach so einem Workshop, der sehr „emotional und bewegend“ gewesen sei. Man habe über das Schicksal der Oma gesprochen. Das ist schon ein Jahr her, aber es ist hängen geblieben bei ihm und anderen.

Mit dem neuerlichen Besuch der Zweitzeugen-Vertreter hat die Robert-Koch-Realschule nun auch ihr offizielles Siegel erhalten. Die Tafel soll in einer Vitrine im Eingangsbereich der Schule ihren Platz finden.

Nun auch ganz offiziell eine Zweitzeugen-Schule

Der Verein Zweitzeugen wurde 2014 gegründet und hat aktuell rund 200 Mitglieder. Mehr als 100 Ehrenamtliche und derzeit vier Vollzeitkräfte engagieren sich in acht Teams. Das Projekt hat unter anderem den „startsocial Sonderpreis“ der Bundeskanzlerin und den Zukunftspreis der Israelstiftung in

Deutschland bekommen. Seit 2019 ist der Verein anerkannter Träger der freien Jugendhilfe. Seit 2020 gibt es auch Angebote im BVB-Lernzentrum im Stadion.

So gibt es am 27. September zum Beispiel in den Räumen des Fanprojektes Dortmund eine Zweitzeugen-Multiplikatorenveranstaltung, zu der Lehrerinnen und Lehrer sowie Pädagogen eingeladen sind. Am 1. Oktober berichtet Zeitzeuge Dr. Leon Weintraub ab 17 Uhr in einer digitalen Veranstaltung seine (Über)Lebensgeschichte – gedacht für Erwachsene und Jugendliche ab 15/16 Jahren.

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Britta Linnhoff

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