Silke Burstedde an der Ladentür der „Sattelkammer". Sie beklagte, dass sie schließen musste, während vergleichbare Geschäfte öffnen dürfen. © Britta Linnhoff
Geschäft muss schließen

Was braucht ein Pferd, was genau ist „Tierbedarf“ im Corona-Zeitalter?

Was braucht ein Pferd? Zu fressen, sicher. Was braucht ein Pferd außerdem unbedingt, was also ist „Tierbedarf“ und darf auch jetzt - im Lockdown - verkauft werden? Es gibt Streit.

Für Silke Burstedde ist dieses Geschäft ihr Traum, sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht: Seit sieben Jahren gibt es die „Sattelkammer“ an der Hombrucher Straße 61. Derzeit ist das Fachgeschäft für den Reitsport geschlossen. Das Ordnungsamt habe das so verfügt, berichtet die 50-Jährige.

Ein Drittel des Ladens ist mit Flatterband abgesperrt

„Die sind hier Ende Dezember mit sechs Leuten in den Laden gestürmt, vier vom Ordnungsamt und zwei Polizisten“, sagt sie. Dabei waren sie und ihre Mutter Annelie Burstedde, die ihrer Tochter im Geschäft unter die Arme greift, sich keiner Schuld bewusst gewesen, sagen sie. Schließlich erlaube die Corona-Schutzverordnung doch die Öffnung von Futtermittelmärkten und Tierbedarfsmärkten. Und genau das seien sie, finden die beiden. Der weitaus größte Teil ihres Sortiments auf den rund 120 Quadratmetern sei eben dies: Hier stehe alles, was die Tiere bräuchten. Das eine Drittel, das Ware für die Reiter biete, haben sie abgesperrt.

Der Bereich im Geschäft mit der Ware für die Reiter ist abgesperrt.
Der Bereich im Geschäft mit der Ware für die Reiter ist abgesperrt. © Britta Linnhoff © Britta Linnhoff

Aber was braucht so ein Pferd, was ist Tierbedarf? Darüber gehen die Meinungen der Bursteddes und des städtischen Ordnungsamtes derzeit auseinander. Die beiden Frauen haben sich an das Amt gewandt, wollten wissen, ob die Schließung tatsächlich sein müsse. Denn, so sagen die beiden, alle anderen Reitfachmärkte in der Umgebung (in Lünen, Kamen, Bergkamen Datteln, Recklinghausen und Castrop-Rauxel) hätten schließlich geöffnet. Davon hätten sie sich teils selbst überzeugt und auch Kunden sowie Händler, die Ware anliefern wollten, hätten sie darüber informiert: „Wie kann es sein, dass diese Geschäfte das gleiche Sortiment haben und öffnen dürfen, während wir zumachen müssen“, fragt sich Silke Burstedde.

Sie und ihre Mutter verstehen unter Tierbedarf nicht nur Futter, sondern zum Beispiel auch Decken (gerade bei den derzeitigen Temperaturen), Bandagen, Gamaschen, Salben, Trensen oder Halfter. Annelie Burstedde kann sich die Differenzen nur so erklären, dass man im „Ordnungsamt nicht so viel Ahnung von Pferden hat“, oder „soll man so ein Tier von 600 bis 800 Kilo an der Mähne führen?“

Definitionsfrage: Was sind Güter des täglichen Bedarfs

Die bisherige Korrespondenz mit dem Ordnungsamt hat lediglich die unterschiedlichen Auffassungen festgehalten: Es sei so, teilt das Ordnungsamt den Bursteddes mit, dass Paragraph 11 der Corona-Schutzverordnung den Betrieb von Futtermittel- und Tierbedarfsmärkten zulasse. In der Begründung sei aber klargestellt, dass nur Geschäfte die „zur Deckung des Bedarfs an Gütern des notwendigen, täglichen Bedarfs dienen, zulässig bleiben“ Und weiter: „Gamaschen, Trensen, Halfter etc. stellen keine notwendigen Güter des täglichen Bedarfs dar.“

Zu klären sei, ob es sich bei dem Geschäft um ein zulässiges Handelsgeschäft mit „Versorgungsrelevanz“ handele oder um einen „Mischbetrieb“. Für die Definition sei der Sortimentsschwerpunkt entscheidend: „Ist dieser in den Zeiten vor den Beschränkungen nicht im privilegierten Sortimentsbereich, ist der Verkauf auf privilegierte Ware zu beschränken.“ Bursteddes werden aufgefordert, zum Beispiel durch Fotos den Sortimentsschwerpunkt nachzuweisen. Doch das würde den Frauen nicht helfen, solange es unterschiedliche Definitionen von notwendigem Tierbedarf gibt.

Was Mutter und Tochter vor allem zu schaffen macht, ist die „ungleiche Behandlung“, so wie sie es empfinden: Wieso dürfen sie nicht, was andere offenbar dürfen? Silke Burstedde, die den Laden seit sieben Jahren führt, hat viele Jahre in einem Reitsportgeschäft gearbeitet, dann in Lünen-Brambauer angefangen, sich selbstständig zu machen und kam dann nach Hombruch. Das, was sie jetzt durch telefonische Bestellungen und Abholen an der Ladentür verkaufen könne, „reiche hinten und vorne nicht“. Der Frust darüber, dass andere öffnen dürfen, und sie nicht, sitzt tief.

Eine Anfrage unserer Redaktion an das Ordnungsamt blieb bisher unbeantwortet.

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Britta Linnhoff

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