200 Kinder besuchen die Grundschule. Flächendeckendes Internet gibt es hier nicht. Und das ist nicht das einzige Problem im Distanzunterricht. © Stephan Schuetze
Corona-Lockdown

Diese Dortmunder Grundschule ist das Schlusslicht der Digitalisierung

Lockdown. Viele Schüler lernen von zu Hause. Eine Dortmunder Schule aber ist von Konferenzen übers Internet weit entfernt. Die Leiterin findet, man sei das Schlusslicht. Es gibt viele Gründe.

Etwa 200 Kinder besuchen die Widey-Grundschule. Seit Montag (14.12.) entscheiden die Eltern wegen des Corona-Lockdowns, ob ihre Kinder am Präsenzunterricht teilnehmen – oder auf Distanz zu Hause lernen. Rund 60 Prozent der Eltern lassen ihre Kinder in den heimischen vier Wänden, erklärt Schulleiterin Katrin Multmeier.

Derzeit ist viel von Videokonferenzsystemen oder von Live-Streams aus dem Klassen- ins Kinderzimmer die Rede. Davon ist die Widey-Grundschule mitten im Kirchlinder Dorf weit entfernt. 117 Jahre ist sie alt. Wie die 14 Lehrerinnen und Lehrer nun den Distanzunterricht organisieren müssen, mutet wie ein irreales Märchen aus vergangener Zeit an.

Durchaus real sind die Rahmenbedingungen. Die Schule verfügt über 18 Laptops, allesamt ohne Kamera. Die Lehrer setzen sie in den dritten und vierten Klassen ein. „Die Schüler lernen mit neuen Medien umzugehen, etwa eine Internet-Recherche zu machen“, sagt Katrin Multmeier. Das Wort „digitale Bildung“ fällt in dem gut 30-minütigen Gespräch mit dieser Redaktion nicht.

Kein Internet wegen der alten dicken Schulmauern?

Das weitaus größere Problem ist die Anbindung ans Internet. „Wir haben kein flächendeckendes W-Lan“, erzählt die Schulleiterin. Drahtloses Internet gibt es seit kurzem – je nach Sichtweise – zumindest im Lehrerzimmer.

„Wir haben eine Q-Box“, erklärt Multmeier. Damit kann in den Klassenzimmern eine Verbindung ins Internet hergestellt werden – Stunde für Stunde, einer nach dem Anderen. „Ich weiß nicht genau, warum die Schule nicht mit Internet versorgt werden kann“, sagt die Schulleiterin. „Vielleicht liegt es an den alten dicken Schulmauern.“ Immerhin: 2022 solle die Schule ein neues Gebäude erhalten.

Schulleiterin Katrin Multmeier muss mit ihren Kollegen den Distanzunterricht improvisieren. Sie hofft auf erste Verbesserungen im kommenden Frühjahr.
Schulleiterin Katrin Multmeier muss mit ihren Kollegen den Distanzunterricht improvisieren. Sie hofft auf erste Verbesserungen im kommenden Frühjahr. © Carolin West © Carolin West

Während des Lockdowns bleiben die Schulen für die Klassen 1 bis 7 im Grundsatz geöffnet. Anders ist das bei den weiterführenden Schulen, die ab Klasse 8 in den Distanzunterricht gehen müssen. Hier ist eine digitale Versorgung noch dringender.

„Wir sind Schlusslicht“

„Ich glaube, dass wir Schlusslicht sind“, sagt Multmeier. Andere Grundschulen seien in der Digitalisierung ein ganzes Stück weiter. Sie sorgt sich, dass die 200 Kinder im Lernen benachteiligt und digital abgehängt werden. Denn die Infrastruktur in der Kirchlinder Grundschule ist nur die eine Seite.

Die andere sind die Möglichkeiten zu Hause. Nach einer Befragung haben zwar 80 bis 90 Prozent der Eltern eine E-Mail-Adresse. Sie verfügen aber in den allermeisten Fällen nur über ein Smartphone, keinen Computer. „Zum Lernen brauchen die Kinder aber mindestens ein Tablet“, sagt Katrin Multmeier.

Auf den neuerlichen Lockdown war das Kollegium der Widey-Grundschule trotzdem vorbereitet. Seitdem die Zahlen im Herbst immer weiter anstiegen, haben die Lehrer Wochenpläne mit Aufgaben für die Schüler erstellt. Vor allem, um bei einem Corona-Fall oder bei Quarantäne den Unterricht weiterführen zu können.

Prinzip der Improvisation

Die Aufgaben gibt es ganz klassisch auf Papier. Denn nur 30 Prozent der Schüler-Familien haben einen Drucker. Da hilft dann selbst das Smartphone als E-Mail-Empfangsgerät nicht. Immerhin solle ihre Schule im März neue Tablets erhalten. Sie stehen dann den Schülern zur Verfügung, die zu Hause über keine entsprechenden Geräte verfügen.

In absehbarer Zeit solle die Schule auch digitale Tafeln bekommen. „Wir freuen uns, wenn es endlich soweit ist“, sagt Multmeier. „Und wir hoffen auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Schulträger.“ Das ist die Stadt Dortmund.

Bis dahin gilt das Prinzip der individuellen und bewährten Improvisation. Wenn Eltern keine E-Mails empfangen oder Aufgaben ausdrucken können, bekommen sie einen Briefumschlag – mit Abstand am Schultor. Korrekturen gibt es dann per Mail, Telefon oder in einem Brief – hier im alten Dorf, am Ende des Jahres 2020.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp

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