Wie an diesem dritten Adventssonntag will Pfarrerin Renate Jäckel auch die Gottesdienste an Heiligabend feiern: unter freiem Himmel mitten im Stadtteil. © Uwe von Schirp
Coronavirus

Gottesdienst auf offener Straße: Gemeinde probt für Heiligabend

Weihnachtsgottesdienst mit Abstands-Gebot und ohne Gesang: Wie das funktionieren kann, hat eine Dortmunder Kirchengemeinde am dritten Advent geprobt. Nicht alle Nachbarn waren einverstanden.

„Weihnachten, Kirche und Familie gehören für mich einfach zusammen“, sagt Gerlinde Rossen. Das galt bisher immer – geht am bevorstehenden Corona-Weihnachten aber nur mit Einschränkungen. Wie zumindest der Einklang von Weihnachten und Kirche funktionieren kann, hat sie gerade erlebt.

Es ist der Vormittag des dritten Adventssonntags. Rund 20 Frauen und Männer stehen vor dem Schaufenster der Physiotherapie Remeda an der Wodanstraße. Der kleine Platz ist groß genug, dass weitere neun Personen hier auf Abstand hinzukommen könnten. Auf dem Pflaster markieren aufgesprühte weiße Kreidepunkte den jeweiligen Standplatz.

Vor 2000 Jahren keine Weihrauch-Duftkreationen per Versand

Vor der Eingangstür steht Renate Jäckel im Talar. „2020 ist es normal, dass nichts normal ist“, sagt sie. „Wer weiß, was uns noch erwartet.“ Zur gleichen Stunde verkündet Bundeskanzlerin Angela Merkel den ab Mittwoch (16.12.) geltenden harten Lockdown. Die Pfarrerin der Noahgemeinde wirbt für die Chancen, die die Krise biete: „Legen wir die üblichen Checklisten beiseite.“

Vor gut 2000 Jahren hätten sich die Verantwortlichen auch nicht auf die Geburt Jesu vorbereitet. Weihrauchhändler hätten nicht die neuesten Duftkreationen per Weihnachtslieferant zu den Heiligen Drei Königen gebracht. „Wenn so viel von dem Flitter weg ist, erkenne ich vielleicht besser, was der Sinn von Advent ist“, predigt die Theologin.

29 Menschen haben vor Physiotherapie Remeda und Sportklause Platz. Weiße Punkte markieren die Standplätze.
29 Menschen haben vor Physiotherapie Remeda und Sportklause Platz. Weiße Punkte markieren die Standplätze. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Gut eine halbe Stunde dauert der Kurzgottesdienst. Renate Jäckel spricht über eine mobile Verstärkeranlage. Die adventlichen Lieder erklingen aus einem Bluetooth-Lautsprecher, eingespielt von einem Smartphone. An der Haustür zwischen Physiotherapie und Sportklause hängt ein Zettel. Jäckel hat die Bewohner über den Gottesdienst an ungewöhnlichem Ort informiert.

Eine Mietpartei im 1. Obergeschoss empfindet die Feier offenbar als Störung ihrer sonntäglichen Ruhe. Und reagiert selbst mit einer Störung: Minutenlang ist ein lautes Staubsaugen zu hören – zunächst aus dem gekippten Fenster. Dann öffnet sich das Fenster ganz. Renate Jäckel nimmt es gelassen.


Probelauf für fünf Gottesdienste an Heiligabend

Der Gottesdienst ist ein Probelauf. Am Nachmittag des Heiligabends will Renate Jäckel an fünf dezentralen Orten in Nette im Freien Gottesdienst feiern. Der übliche Gottesdienst mit Krippenspiel in der katholischen Kirche St. Josef fällt aus.

Unter den Besuchern des Adventsgottesdienst ist Ingelore Hellmich. Sie stellt am 24. Dezember ihren Garten zur Verfügung. „Unser Garten ist so groß, dass ich ihn gerne mit vielen Menschen teile“, sagt sie. 25 bis 30 sollen auf dem unbebauten Grundstück an der Ecke Dörwerstraße/Herpersbusch Platz finden.

Gerlinde Rossen wird den Lehrerparkplatz vor der Albert-Schweitzer-Realschule betreuen. Sie wird die Standplätze der Teilnehmer markieren, die Teilnehmerliste führen und Handdesinfektion bereitstellen. Ordner werden darauf achten, dass durchgängig ein Mund-Nase-Schutz getragen wird.

Pfarrerin hat Plan C oder Plan D – „was möglich ist“

An allen fünf Standorten zusammen sollen rund 180 Netter nicht auf den gewohnten Weihnachtsgottesdienst verzichten müssen. Voraussetzung ist, dass Ordnungsamt, Schulamt und die Superintendentur des Kirchenkreises ihr Einverständnis erklären.

Renate Jäckel ist mit dem Probelauf zufrieden. Ihr „Plan B“ für die außergewöhnliche Weihnacht 2020 könnte aufgehen. Und wenn neue Beschränkungen wegen des Lockdowns das alles verhindern?

„Dafür habe ich Plan C“, sagt die Pfarrerin. „Dann frage ich beim Ordnungsamt an, ob ich mich alleine irgendwo hinstellen und die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel vorlesen darf.“ Keine Frage: Weihnachten und Kirche gehören zusammen. Und womöglich gibt es ja auch noch einen Plan D. Renate Jäckel: „Es kommt nur darauf an, was möglich ist.“

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp

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