Ein polizeibekannter Täter brach Peter S. Firmenwagen auf und stahl unter anderem Laptop, Handy und das Portemonnaie. Schnell fasste die Polizei den Dieb. Für S. ist der Fall bis heute noch nicht abgeschlossen. Davon zeugt die Korrespondenz mit der Staatsanwaltschaft und dem Gericht. © Uwe von Schirp
Spektakulärer Kriminalfall

Polizei erwischt Dieb mit Beute – Opfer bekommt sein Geld nicht zurück

Ein Dieb stiehlt aus einem Auto eine Aktentasche und Geld. Schnell fasst die Polizei den Täter mit der Beute. Der Geschädigte hat sein Geld auch nach zwei Jahren noch immer nicht zurück.

Es ist Mittwoch, der 26. Juni 2019. Ein heißer Tag. Schon morgens um 10 Uhr klettert das Thermometer auf 28 Grad. Peter S.* besucht für seinen Arbeitgeber einen Kunden. Den VW Caddy parkt er vor einer Reitanlage am Holunderweg in Hamm.

„Ich bin nur kurz rein, musste nochmal raus ans Auto und hab dann schon die Scherben gesehen“, erzählt er. An seinem Firmenwagen ist die Seitenscheibe eingeschlagen. Aktentasche mit Handy, Portemonnaie, Dienstlaptop und Unterlagen für eine bevorstehende Kur liegen nicht mehr auf dem Beifahrersitz. „Es war alles weg“, berichtet Peter S.

Sein Kunde handelt schnell, alarmiert die Polizei, lässt Scheck- und Kreditkarten von Peter S. sperren. „Nach fünf Minuten war die Polizei da“, erinnert sich der Martener. Die Beamten nehmen eine Anzeige wegen eines „besonders schweren Fall des Diebstahls aus Kraftfahrzeugen“ auf.

Suche in brütender Hitze

Und sie geben dem heute 61-Jährigen einen Tipp. Zum wiederholten Mal seien in der Gegend aus Autos Dinge gestohlen worden. Die Täter seien bekannt: Drogenabhängige, die sich meist in der Nähe aufhalten.

Vor der idyllischen Reitanlage (oben links im Bild), unweit der Ahse, schlug der Dieb die Autoscheibe ein.
Vor der idyllischen Reitanlage (oben links im Bild), unweit der Ahse, schlug der Dieb die Autoscheibe ein. © RVR 2020 /aerowest © RVR 2020 /aerowest

„Die Polizei hat vorgeschlagen, durch den Wald zu gehen und zu suchen“, erzählt S. Meist nähmen sie nur das Geld und würfen die anderen gestohlenen Sachen weg. „Ich bin gelaufen und habe gesucht“, erzählt der Techniker. „Ich war total verschwitzt und dreckig.“

Er sucht in Sträuchern, wühlt in Mülltonnen. In einer Kleingartenanlage trifft er auf eine ältere Dame. „Sie müssen etwas trinken bei der Hitze, hat sie gesagt“, berichtet Peter S. Dann habe sie ihm ihr E-Bike gegeben. „Einfach so. Sie können doch nicht den ganzen Weg laufen.“

Er trifft Menschen und entschuldigt sich für sein Aussehen und das Wühlen im Müll. Nach zwei Stunden gibt der Dortmunder die Suche in der unbekannten Umgebung auf. An seinem Dienstwagen findet er ein Pappschild hinter dem Scheibenwischer. Er solle direkt zur Wache kommen. „Die Polizei hatte den mutmaßlichen Täter geschnappt.“

Täter stößt frontal mit Polizist zusammen

Die Flucht des „polizeibekannten Pkw-Einbrechers“ endete bei einem Verkehrsunfall auf einem Radweg an der Fährstraße, heißt es am frühen Nachmittag in einer Pressemitteilung der Polizei Hamm. Gegen 10.20 Uhr war der Täter mit einem anderen Radfahrer frontal zusammengestoßen.

Sein Pech: Der andere Radler war ein Polizist aus Hamm, der in seiner Freizeit unterwegs war. Der Dieb versuchte zu flüchten. Der Beamte gab sich als Polizist zu erkennen und hielt den 38-Jährigen bis zum Eintreffen des Streifenwagens fest.

Als Peter S. zur Wache kommt, nehmen die Beamten Fingerabdrücke von seinem Firmenwagen. „Dann wollten die Polizisten wissen, wieviel Geld ich im Portemonnaie hatte. Es waren 250 bis 300 Euro“, erklärt S. „Zwischen den Scheinen befand sich ein zu einem Drittel abgerissener 20-Euro-Schein. Das habe ich angegeben.“

Treffpunkte der Junkies

Längst schon habe er den Schein bei seiner Bank eintauschen wollen, sei aber nicht dazu gekommen, erklärt er. An diesem Mittag ist er für Peter S. ein Beweis, dass es sein Geld ist. Doch es hilft nicht. Der Martener nimmt nach der Spurensicherung nur sein Handy und den Laptop entgegen. „Das Geld durfte die Polizei mir nicht rausgeben“, erzählt er.

Kurios: Das Portemonnaie fehlt. Zwei Tage später ruft Peter S. die Polizei in Hamm an. „Ich wollte wissen, ob der Täter im Knast sitzt.“ Saß er nicht. Der Dortmunder liest die Pressemitteilung der Polizei. Auf einer Karte im Internet versucht er den Fluchtweg nachzuvollziehen.

Am Samstag (29.6.) fährt S. mit seiner Frau nach Hamm. „Zwei Stunden sind wir im Wald spazieren gegangen.“ Bei 33 Grad im Schatten suchen sie die Geldbörse. Ein Hundebesitzer nennt ihnen Treffpunkte der Junkies und damit mögliche Fundstellen.

Verlassene Bude am Kanal

„Guck mal da, die verlassene Bude“, habe seine Frau dann gesagt. Hinter der Bude am Datteln-Hamm-Kanal werden sie fündig: Portemonnaie, Scheck- und Kreditkarten, Personalausweis, Führerschein – und die Unterlagen für die bevorstehende Kur.

Das Paar alarmiert die Polizei. Die kommt zu Fuß zu der abgelegenen Stelle. Nach der Beweissicherung nimmt Peter S. seine Papiere wieder entgegen. „Gut, dass ich nicht alles neu beantragen musste.“

Die Fährstraße führt von der Eigenheimsiedlung (unten) mitten in den Hammer Kurpark und zum Datteln-Hamm-Kanal. Hier stieß der auf dem Fahrrad flüchtende Täter frontal mit einem Polizisten in Zivil zusammen.
Die Fährstraße führt von der Eigenheimsiedlung (unten) mitten in den Hammer Kurpark und zum Datteln-Hamm-Kanal. Hier stieß der auf dem Fahrrad flüchtende Täter frontal mit einem Polizisten in Zivil zusammen. © RVR 2020 /aerowest © RVR 2020 /aerowest

Mehr als zwei Jahre und zwei Monate sind vergangen. Auf dem Esstisch des Paares liegt ein Stapel Korrespondenz. Ladungen, Ausladungen, Umladungen zur Gerichtsverhandlung gegen den mutmaßlichen Täter sind darunter. Zweimal wurde der Termin verschoben.

Akte beim Landgericht

„Der Richter hatte keine Frage“, sagt S. „Es war wohl ein klarer Fall. Ich habe dann gefragt, was mit meinem Geld ist. Dazu sollte ich Bescheid bekommen.“ Die 250 bis 300 Euro hat Peter S. bis heute nicht. Mehrfach fragte er bei der Staatsanwaltschaft nach. Die jüngste Antwort stammt aus der letzten Augustwoche 2021.

Mittlerweile soll die Akte beim Landgericht Dortmund liegen, sagt S. Ein Berufungsverfahren. Viel mehr weiß der Martener nicht. Allein: „Er hat ausgesagt, in meiner Aktentasche sei kein Portemonnaie gewesen.“

„Es geht mir gar nicht mehr um das Geld. Wenn ich es noch bekomme, spende ich es gerne den Flutopfern“, sagt der Geschädigte. „Es geht mir ums Prinzip. Ich will wissen, was wird mit meinem Geld? Wo ist es?“

* Mit Rücksicht auf die Privatsphäre des Geschädigten haben wir den Namen anonymisiert.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
Zur Autorenseite
Uwe von Schirp

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.