Die Kern-Zielgruppe der Sonder-Impfaktion lebt auf engem Raum in den Großwohnsiedlungen. Angesprochen sind am Wochenende aber auch Menschen außerhalb dieser Quartiere. © Uwe von Schirp
Coronavirus

Sonder-Impfaktion: „Die geht völlig an der Realität vorbei“

2000 Erwachsene aus Bodelschwingh, Nette und Westerfilde können sich von Freitag bis Sonntag gegen Corona impfen lassen. Der Sozialraum ist ein Hotspot. Erreicht das Angebot die Richtigen?

Rund 16.000 Menschen aus Bodelschwingh, Nette und Westerfilde sind berechtigt, sich im Rahmen einer Sonder-Aktion gegen Corona impfen zu lassen. Die drei Stadtteile sind der erste von vier Sozialräumen, für die die Stadt ein Sonderkontingent des Landes erhalten hat.

Die Zahl der Impfberechtigten ergibt sich aus der Einwohnerzahl in den drei statistischen Bezirken, abzüglich der Zahl an Kindern und Jugendlichen von geschätzt 20 Prozent. Es stehen allerdings nur 2000 Impfdosen zur Verfügung. Und: Für den Nachweis der Impfberechtigung reicht ein gültiger Personalausweis oder eine Meldebescheinigung.

Die Aktion läuft am Freitag (28.5.) von 14 bis 19 Uhr sowie Samstag und Sonntag (29./30.5.), jeweils von 10 bis 13 und von 14 bis 19 Uhr. Kurzzeitiges Impfzentrum ist die Dreifach-Sporthalle an der Dörwerstraße.

„Aktion geht völlig an der Realität vorbei“

Vier Seiten lang ist das Straßenverzeichnis, in dem die Stadt die Impfberechtigten verortet – darunter auch Neubausiedlungen wie den Bodelschwingher Berg oder die anderen Eigenheimsiedlungen in den drei Stadtteilen.

Auch die Anwohner der Neubausiedlung Bodelschwingher Berg sind impfberechtigt.
Auch die Anwohner der Neubausiedlung Bodelschwingher Berg sind impfberechtigt. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Claudia Rombach wohnt am Bodelschwingher Berg. Sie arbeitet in einem Krankenhaus und ist bereits einmal geimpft. „Eigentlich sollten doch die Menschen in sozialen Brennpunkten geimpft werden“, sagt sie im Gespräch mit dieser Redaktion.

„In unserer Siedlung besteht kein erhöhtes Infektionsrisiko.“ Das gebe es doch vor allem dort, wo Menschen in beengten Wohnverhältnissen leben. „Diese Aktion geht völlig an der Realität vorbei.“

Genauere Überprüfung relevanter Quartiere gewünscht

Bezirksbürgermeister Axel Kunstmann begrüßt grundsätzlich, „dass die Menschen in den Quartieren mit extrem hohen Inzidenzwerten geimpft werden sollen“. Und dass es hierfür zusätzliche Impfdosen gebe.

Bezirksbürgermeister Axel Kunstmann hätte sich eine genauere Auswahl der Wohnquartiere gewünscht, aus denen die Bewohner nun zur Impfung kommen dürfen.
Bezirksbürgermeister Axel Kunstmann hätte sich eine genauere Auswahl der Wohnquartiere gewünscht, aus denen die Bewohner nun zur Impfung kommen dürfen. © Stephan Schuetze © Stephan Schuetze

Er befürchtet aber, dass durch die großräumige Berechtigung sich auch diejenigen impfen lassen, „die eigentlich nicht angesprochen werden sollten, die nicht in den einkommensschwachen Problemquartieren leben“, schreibt er am Donnerstag (27.5.) in einem Pressestatement.

„Ich hätte mir gewünscht, dass bei der Auflistung der Straßenzüge von Seiten der Stadt eine genauere Überprüfung stattgefunden hätte, wo genau die relevanten Quartiere liegen, in denen schwierige soziale Verhältnisse vorherrschen“, erklärt Kunstmann.

Auch wenn Westerfilde, Bodelschwingh und Nette insgesamt als Aktionsräume definiert sind, so seien diese Ortsteile im Stadtbezirk doch nicht pauschal über einen Kamm zu scheren und eine gut gemeinte Aktion könnte möglicherweise den gewünschten Effekt verfehlen.

Straßenverzeichnis provoziert Impf-Neid

Eines sei allerdings auch klar. Der Stadtbezirk Mengede habe eine hohe Inzidenz. Gezielte Impfungen in den Quartieren würden nicht nur dem eigenen Schutz dienen, sondern dem Schutz aller Bürgerinnen und Bürger.

Axel Kunstmann nennt einen weiteren Aspekt: „Es ist nicht auszuschließen, dass diese Bevorzugung möglicherweise zu Neidverhalten und Unmut bei denjenigen führt, die sich aufgrund dieser sozialen Priorisierung ausgeschlossen fühlen und weiter auf einen Impftermin warten müssen.“

In der Sporthalle Nette wird am Wochenende geimpft.
In der Sporthalle Nette wird am Wochenende geimpft. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Diesen Neid provoziert allein schon das Straßenverzeichnis. Es orientiert sich an den statistischen Bezirken. In Nette ist das ein Problem. Denn die Grenze geht quer durch den geschlossenen Sozialraum. Einige Straßen führen über diese Grenze: etwa die Eugen-Richter-Straße, Walter-Schücking-Straße und Wodanstraße etwa.

In einer Presseinformation vom Donnerstagabend konkretisiert die Stadt die Adressen der Berechtigten. Impfen lassen dürfen sich Anwohner, die südlich der Donarstraße leben. Das entspricht zwar nicht der exakten Grenze des statistischen Bezirks, ist aber für die Netter gewiss eine Orientierung – und entspricht in diesem Bereich der städtischen Quartiers-Definition.

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Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp

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