Die Sportanlage am Bärenbruch ist nach wie vor gut besucht. Dieses Bild wurde am Freitag (23.04.) aufgenommen, wenige Stunden später sollen dort 58 Personen Fußball gespielt haben. © Nora Varga
Sportanlage

„Volksfeststimmung“ trotz Corona: „Hier wird laufend gegen Regeln verstoßen“

Auf einer Dortmunder Sportanlage ignorieren Jugendliche Corona-Regeln. Aber das ist nicht das einzige Problem, mit dem die Vereine dort kämpfen. Von Polizei und Ordnungsamt fühlen sie sich allein gelassen.

Die Quecksilbersäule steht bei 16 Grad, die Sonne scheint, als sich der erste Jugendliche behände über den Zaun schwingt und der zweite seinen Fußball hinterherwirft. Es ist ein Dienstag (27.4.), an dem sich die Jugendlichen mit offenbar gut bekannten Teenagern, aber auch Fremden zum Fußballspielen verabredet haben. Sie treffen sich auf der Anlage am Bärenbruch in Kirchlinde.

Prinzipiell keine schlechte Idee, wären da nicht diese zwei Details: Zum einen Corona. Die Inzidenzen sind hoch, weshalb Sport maximal zu zweit und dann auch nur kontaktfrei erlaubt ist. Zum anderen befindet sich die Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener, an jenem Tag 13-köpfig, auf dem abgeschlossenen Gelände von Westfalia Kirchlinde. Ein Treffen dort ist also doppelt illegal.

„Volksfeststimmung“ trotz Corona in Kirchlinde

In den vergangenen Wochen, so beschreibt es der Vereinsvorsitzende Dr. Jan Wiethoff im Gespräch mit dieser Redaktion, habe dort allzu häufig „Volksfeststimmung“ geherrscht.

Der Skatepark am Bärenbruch: Dort kontrollieren Polizei und Ordnungsamt. Jetzt wurden dort zwei Männer mit Drogen erwischt.
Der Skatepark am Bärenbruch: Dort kontrollieren Polizei und Ordnungsamt. Jetzt wurden dort zwei Männer mit Drogen erwischt. © Nora Varga © Nora Varga

„Der Park am Bärenbruch“, erklärt Wiethoff, „ist – das muss man so hart sagen – schon seit längerem ein Drogenumschlagplatz“. Am Skatepark werde außerdem „in aller Regelmäßigkeit Cannabis geraucht; auf dem Parkplatz finden Trinkgelage statt“. Und die dort anliegende Sportanlage sei längst heillos verschmutzt.

Kettenschloss wurde manipuliert

Zuletzt hätten dort „Nazi-Schmierereien“ entfernt werden müssen, vor Kurzem sei „eine Kodein-Flasche“ gefunden worden – „und mit reichlich krimineller Energie wurde darüber hinaus unser Kettenschloss um ein Element verändert. Mit einem Schraubenverschluss gelang es ein paar Leuten, Zugriff auf die Platzanlage zu erhalten, wann immer es ihnen beliebte.“

Meist seien es „größere Gruppen“, berichtet Jan Wiethoff. „Vergangenen Freitag (23.4., d. Red.) haben wir 58 Menschen gezählt – die haben sich alle auf dem kleinen, eingezäunten Bolzplatz aufgehalten.“ Er sei mit drei anderen Personen in der Nähe gewesen, zu viert indes hätten sie der Gruppe nicht entgegentreten wollen – und verständigten deshalb die Polizei.

„Die kam 40 Minuten später. Es war ein Streifenwagen mit zwei Polizisten, die nichts ausrichten konnten“, sagt der Vereinsvorsitzende. Und schildert die Aussagen der beiden Polizisten wie folgt: „Sie sagten zu mir, mit ihrer schweren Schutzausrüstung seien sie nicht in der Lage, den Leuten auf dem Platz hinterherzurennen und zumindest manche festzusetzen.“

Vereine in Kirchlinde fühlen sich alleingelassen

Dabei sei es nicht um die Ahndung von Corona-Verstößen gegangen, „vielmehr hatten einige aus der Gruppe die Anzeigenerstatter tätlich angegriffen und beleidigt. Das fand ich bemerkenswert. Die Gruppe kehrte zurück, als die Polizei weg war“, sagt Jan Wiethoff, der ergänzt, dass ihn einer der Täter auf seinem Weg nach Hause erneut attackiert habe.

Er sei ihm vors Auto gesprungen, anschließend habe Wiethoff „mal wieder mehrere Anzeigen erstattet. Es war eine aufgebrachte, gefährliche und gewaltbereite Meute. Die beobachten wir schon länger, haben schon häufiger Ordnungsamt oder Polizei gerufen – ohne wirklich greifbaren Erfolg.“ Zuweilen schaue mal ein Streifenwagen vorbei. „Mehr nicht“.

Kicken in Corona-Zeiten: Am Freitag (23.04.) sollen auf diesem Platz 58 Personen Fußball gespielt haben. © Nora Varga © Nora Varga

Diese Darstellung bestätigt Markus Engelbrecht, seinerseits Kassierer beim Nachbarklub VfR Kirchlinde – und erklärt: „Es wird regelrecht randaliert und keiner greift wirklich ein. Egal ob Polizei oder Ordnungsamt – wenn man mehrere Male darauf hinweist und nichts passiert, dann ist das schon enttäuschend.“

Er wolle der Polizei gar nichts Böses. „Die haben am Tag bestimmt tausend andere Sachen zu tun. Dennoch ist es traurig, wenn man dann hört, dass sie nichts machen könnten. Hier wird laufend gegen Regeln verstoßen – gegen Corona-Regeln und andere. Und wir Vereine bemühen uns, stehen aber recht alleine da.“

Frau wurde von zwei Betrunkenen attackiert

Zudem, sagt Dr. Wiethoff, sei es „für uns, aber auch andere Leute, die sich ganz normal im Park aufhalten wollen, durchaus gefährlich. Vor Kurzem haben wir eine Frau gerettet – die wurde von zwei Betrunkenen attackiert. Als wir eingriffen, rieben die beiden sich gerade an ihr.“

Eine Dortmunder Parkanlage außer Kontrolle, zumindest zeitweise – so hört es sich an, wenn man den Schilderungen folgt.

Wie Polizei und Ordnungsamt die Lage einschätzen und wie sie sich künftig um die Sport- und Parkanlage am Bärenbruch kümmern können oder wollen, das wollten wir gerne wissen. Eine Antwort auf unseren Fragenkatalog steht allerdings auch nach zwei Tagen noch aus.

Vereinsvorsitzender: Hoffentlich bald ernst genommen

„Wir wünschen uns natürlich, dass das aufhört, klar“, sagt Kassierer Engelbrecht. „Richtig glauben kann ich das aber nicht. Wir räumen die Anlage auch schon gar nicht mehr richtig auf, weil sie nach wenigen Tagen ohnehin wieder verdreckt ist und sich zig Leute hier tummeln.“ Der Sportplatz, erklärt er resigniert, sei immer sehr gut „frequentiert“.

Seinen Eindruck kann diese Redaktion bestätigen. Wir schauten in den vergangenen Tagen selbst häufiger vorbei, sprachen mit weiteren Augenzeugen, die das Bild komplettierten. Auf der Anlage am Bärenbruch wirkt es in manchen Ecken so, als gäbe es keine Pandemie und keine Abstandsregeln. Es hat den Anschein, als wäre es ein ganz normaler Frühling.

An diesem Dienstag (27.4.) dann rauscht die Polizei allerdings mal wieder heran. Nicht, um auf dem kleinen Bolzplatz vorbeizuschauen, wo die beschriebene Gruppe nach wie vor – illegal, wenngleich friedfertig – kickt. Das Ziel der diesmal drei Streifenwagen ist der gegenüberliegende Skatepark. In Windeseile packen die Jugendlichen dort auf einmal ihre Sachen, einige rennen, manche spazieren davon.

Ein Beamter sagt uns kurz und knapp: Man wisse um die Problematik am Bärenbruch. Doch andere Aufgaben seien ebenfalls zu erledigen.

Kaputt: Eine der Ersatzbänke auf dem Gelände von Westfalia Kirchlinde
Kaputt: Eine der Ersatzbänke auf dem Gelände von Westfalia Kirchlinde © Privat © Privat

Hauptverantwortung tragen damit nach wie vor die Vereine, die laut dem Vorsitzenden Jan Wiethoff tun, was sie können. Kürzlich sei noch mal in die „Sicherheitsinfrastruktur“ investiert worden: in neue Überwachungskameras. „An einem Abend haben wir außerdem einfach mal das Flutlicht eingeschaltet, um zu zeigen, dass wir da sind und den Kriminellen nicht das Feld überlassen“, so Dr. Wiethoff.

Er und seine Kollegen („Immerhin haben wir Vereinsvorstände ein gutes Verhältnis zueinander“) würden „in diesem Kampf um die öffentlichen Plätze nicht nachgeben“. Nun hoffe man, „dass die Gefahrenlage im Kirchlinder Sportpark endlich auch von Polizei und Ordnungsamt ernst genommen wird“.

Über den Autor
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Schreibt seit 2015. Arbeitet seit 2018 für die Ruhr Nachrichten und ist da vor allem in der Sportredaktion und rund um den BVB unterwegs.
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Leon Elspaß

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