Wolfgang Dormeyer mit einem Kreuzbund-Ratgeber, an dem er selbst mitgeschrieben hat. © Holger Bergmann
Coronavirus

Wenn der „Saufdruck“ unaushaltbar wird: Alkoholiker leiden im Lockdown

Das Distanzhalten in der Corona-Zeit geht allen an die Psyche. Viele Menschen leiden deutlich. Für Alkoholiker bedeutet die Isolation jedoch eine echte Gefahr für ihr Leben.

Eine Gruppe von Gleichgesinnten kann Halt geben. Wenn man selbst in einer Krise steckt, hilft der Austausch mit Menschen, die das Problem kennen und nicht nur Verständnis haben, sondern aufgrund gleicher Erfahrungen konkret helfen können.

Das ist die Basis für den Erfolg von Selbsthilfegruppen. Auch alkoholkranke Menschen finden in Gruppen Halt. Oder eben nicht, wenn sich die Gruppen wie im aktuellen Lockdown nicht mehr treffen können.

Alkoholiker müssen immer vorsichtig sein

Wolfgang Dormeyer hat seit 23 Jahren nicht mehr getrunken. Er nennt sich selbst einen „zufriedenen Alkoholiker“. Denn: „Alkoholiker bleibt man ein Leben lang“, auch wenn man „trocken“ ist.

Halt hat ihm ein Gesprächskreis des Kreuzbundes, ein Fachverband der Caritas, gegeben. Heute ist Wolfgang Dormeyer selbst Leiter einer Gesprächs-Gruppe für Alkoholiker. Normalerweise trifft er sich mit den 22 Betroffenen – „Wir sind die größte Gruppe in Dortmund“ – immer donnerstags 19 Uhr bei der Zwar in der alten Bismarck-Schule in Marten.

Mitglieder nicht alleine lassen

Das bislang letzte Treffen fand im Oktober statt, auch während des ersten Lockdowns ab März hatte es keine Treffen gegeben. Wolfgang Dormeyer wusste sofort, dass er die Alkoholiker in seiner Gruppe nicht alleine lassen darf, damit diese nicht Gefahr laufen, rückfällig zu werden.

Die Bestätigung, die die Teilnehmer in einer Gruppe erhalten, wenn sie es erneut geschafft haben, trocken zu bleiben, sind wichtig für jeden Einzelnen, sich immer neu zu motivieren.

Langeweile ist eine Problem

Denn Wolfgang Dormeyer weiß, ein Alkoholiker muss in jedem Moment, bei Problemen oder einfach bei Langeweile, damit rechnen, „dass der Saufdruck kommt“, so Dormeyer. Saufdruck ist kein Fachbegriff, Wolfgang Dormeyer benutzt das Wort, um das Verlangen nach Alkohol zu beschreiben.

Und weil dieser Saufdruck jederzeit kommen kann und sich die Gruppenmitglieder genau dann mit jemanden austauschen müssen, hat sich die Martener Kreuzbund-Gruppe in einer Whatsapp-Gruppe zusammengeschlossen.

Sehnsucht nach Treffen

Eine gute Entscheidung, meint Wolfgang Dormeyer, denn anhand der Nachrichten kann er erkennen, wie sehr die Mitglieder die Treffen brauchen und vermissen. Oft wird auch direkt telefoniert.

Dabei macht es Wolfgang Dormeyer seinen Mitgliedern nicht leicht. Am Ende der Treffen gibt es meist eine Hausaufgabe. Dann müssen die Mitglieder ein Referat schreiben, zu abstrakten Themen wie „Zukunft“ oder „Glück“.

Damit will Wolfgang Dormeyer die Gruppenmitglieder, die im Durchschnitt älter als 60 sind, die Woche über beschäftigen. Denn Langeweile ist gefährlich für Alkoholiker.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Holger Bergmann ist seit 1994 als freier Mitarbeiter für die Ruhr Nachrichten im Dortmunder Westen unterweg und wird immer wieder aufs neue davon überrascht, wieviele spannende Geschichten direkt in der Nachbarschaft schlummern.
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Holger Bergmann

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