Kunden empört über Schließungspläne: „Mitarbeiter werden vorgeführt“

mlzGaleria Karstadt Kaufhof

Viele Kunden sind wütend auf die Manager von Galeria Karstadt Kaufhof. Sie sorgen sich um die Mitarbeiter und die Zukunft der City – und tragen sich reihenweise in Unterschriftenlisten ein.

Dortmund

, 24.06.2020, 17:26 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mittwochmittag, kurz vor zwölf Uhr. Kaum treten Beschäftigte und Betriebsräte mit schwarzen Luftballons vor das Karstadthaus am Westenhellweg, sind sie von Passanten umringt. Viele sprechen ihnen Mut zu, diskutieren und schimpfen über das Management des Konzerns, das alle drei Dortmunder Häuser auf die Streichliste gesetzt hat.

Kundin Erika Dreistein will das nicht akzeptieren: „Der Westenhellweg ist ein Frequenzbringer, ein exklusiver Standort“, meint die Dortmunderin.

Sie kenne das Haus seit Jahrzehnten und könne sich nicht vorstellen, dass die Umsätze derart schlecht seien. „Die Schließung wäre ein Desaster, sowohl für die City als auch für die Beschäftigten“, schimpft Erika Dreistein, während sie ihren Namen auf die Unterschriftenliste für den Erhalt der Häuser setzt. Sie befürchte, es gehe schlicht um Gewinnmaximierung. „Ich werde dafür beten, dass die Häuser nicht geschlossen werden.“

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Ähnlich beurteilen das Ingrid und Peter Heimann, beide aus Dortmund. „Wir haben das Karstadthaus immer als Anker und Mittelpunkt der City betrachtet“, sagt Peter Heimann. Er schüttelt den Kopf. „Wenn das wirklich so kommt, wird die Innenstadt noch schneller veröden.“

Das Vorgehen des Konzerns sei intransparent und nicht zu verstehen. „Langsam glaube ich, dass da auf dem Rücken der Beschäftigten ganz schlechte Spiele gespielt werden“, sagt Peter Heimann.

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„Ein Unding, das Haus zu schließen“

Auch Sabrina und Martin Herbst bleiben vor dem Eingang stehen und diskutieren mit den Beschäftigten. Dass eines der drei Häuser möglicherweise schließt, ja, damit habe sie gerechnet, schildert Sabrina Herbst. „Aber doch nicht alle drei auf einen Schlag!“ Wer, bitte sehr, solle diese riesigen Immobilien denn künftig füllen?, ergänzt Ehemann Martin. „Ein Shop-in-Shop-System mit Ein-Euro-Angeboten etwa?“

"Was soll denn sonst hier rein?", fragen Sabrina und Martin Herbst. "Ein-Euro-Shops etwa?"

"Was soll denn sonst hier rein?", fragen Sabrina und Martin Herbst. "Ein-Euro-Shops etwa?" © Schaper

Je länger das Gespräch dauert, desto wütender wird er. Es sei ein Unding, ein Haus zu schließen, das seines Wissens schwarze Zahlen schreibe, platzt es aus ihm heraus. „Die Beschäftigten werden doch seit Jahren vorgeführt!“, sagt er, trägt sich in die Liste ein und marschiert mit seiner Frau ins Haus.

Gerhard Löpke, Betriebsrats-Vorsitzender Karstadt, beobachtet, wie Passanten rein- und rausströmen. „So voll war es lange nicht an einem Mittwoch“, sagt er.

Verkäuferin Anja Herzog kann die Tränen nicht zurückhalten. Sie gehört zu den knapp 450 Beschäftigten, die bei Karstadt, Karstadt-Sports und Kaufhof um ihre Arbeitsplätze bangen. „Ich bin seit 38 Jahren bei Karstadt, ich habe hier im Haus am Westenhellweg in der Schreibwarenabteilung mit der Lehre begonnen“, erzählt sie, während sie an ihrer Maske nestelt.

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„Karstadt ist zur Familie geworden“

„Karstadt war schon 2009 in die Pleite gerauscht“, sagt sie. „Jetzt kommt das alles wieder hoch.“ Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Anja Herzog winkt ab: „Wer will mich mit 57 Jahren denn noch haben?“

Die Beschäftigten seien über Jahre ausgepresst worden, hätten immer wieder Einkommensverzicht hingenommen - „und jetzt das.“ Die Solidarität der Kunden sei riesengroß, sagt die Verkäuferin. „Sie bedauern uns.“ Es gebe nur ganz wenige, die bereits nach Schnäppchen fragten.

Anja Herzog, seit 38 Jahren bei Karstadt am Westenhellweg, kann nicht fassen, dass drei Häuser auf der Streichliste stehen.

Anja Herzog, seit 38 Jahren bei Karstadt am Westenhellweg, kann nicht fassen, dass drei Häuser auf der Streichliste stehen. © Schaper

Das Personal hat eigens Whatsapp-Gruppen gebildet, um sich gegenseitig zu unterrichten, sobald es Neues gibt. Inzwischen macht das Gerücht die Runde, dass angeblich Anfang Juli die ersten Kündigungen kämen. Anja Herzog mag daran gar nicht denken: „Für uns ist Karstadt doch zu einer großen Familie geworden.“

Sie wollen um alle drei Häuser kämpfen: Karsten Rupprecht (verdi) mit den Betriebsräten Monika Scholz von Karstadt-Sports, Gerhard Löpke (Karstadt) und Frank Malmwig (Kaufhof; v.l.).

Sie wollen um alle drei Häuser kämpfen: Karsten Rupprecht (verdi) mit den Betriebsräten Monika Scholz von Karstadt-Sports, Gerhard Löpke (Karstadt) und Frank Malmwig (Kaufhof; v.l.). © Schaper

Wie viele Unterschriften bislang zusammengekommen sind? Betriebsratsvorsitzender Löpke hatte in der Hektik dieser Tage noch keine Zeit, genauer hinzugucken. Er schätzt die Zahl auf „mindestens 2500, allein im Karstadthaus.“ Es wird weiter gesammelt: Am Donnerstag (25.6.) gibt’s einen Info-Stand auf dem Platz von Netanya.

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