14-Stunden-Dienst

Viertel vor eins. Es klingelt an der Haustür. Celina kommt von der Schule nach Hause, pfeffert ihren Tornister neben den Vogelkäfig in die Flurecke und plappert gleich drauf los.

18.01.2008, 18:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

14-Stunden-Dienst

"Ich bin in die Matsche gefallen", erzählt die quirlige Siebenjährige. Mutter Barbara Faber-Vogt (46) greift nach der nassen Jacke. "Komm, gib sie mir mal, die wasche ich gleich".

Wie fast immer ist Celina die erste, die mittags eintrudelt. Die Kartoffeln sind bereits geschält. Überhaupt hat Barbara Faber-Vogt, Mutter von fünf Kindern zwischen vier und 19 Jahren, die letzten sechs Stunden effektiv genutzt.

Der Alltag einer Familienmanagerin ist straff durchorganisiert: 6.30 Uhr aufstehen, Kinder wecken, Frühstück bereiten, 8.15 Uhr mit der Kleinsten in den Kindergarten, dann die Wohnung aufräumen, Betten machen, lüften, saugen, waschen ("mindestens zwei Maschinen am Tag"), ehe es für zweieinhalb, drei Stunden an den Schreibtisch geht. Zeit zum Lernen. Barbara Faber-Vogt absolviert nach dem nachgeholten Abitur ein Fernstudium in Psychotherapie.

Extrawurst mit Gurken

Mittags fliegender Wechsel vom Computer an den Kochtopf. Heute gibt's Bratwurst mit Kartoffeln und Rotkohl. Für die Kleinen eine Extrawurst. Gurkensalat. "Das mögen sie lieber." Ehe das Essen auf den Tisch kommt, holt sie Jasmin, die Jüngste, aus dem benachbarten Kindergarten in Benninghofen ab.

Es klingelt wieder an der Haustür. Kristin, die 19-Jährige, gerade im Fachabitur, kommt heute früher als sonst. "Kann ich was zu Essen haben?", fragt sie. Ihre Mutter ist noch nicht so weit. "Ich hab' aber jetzt Hunger", mault die Tochter. - "Hol dir 'nen Apfel."

Kristin dreht ab, und Celina stürmt in die Küche: "Mama, wir müssen noch den Füller kaufen." Hat Mama schon. Heute Morgen, beim Einkauf zwischen Kindergarten und Putzen. "Liegt auf dem Schreibtisch."

Jasmin holt ihren Zwerghamster Goldi aus dem Käfig. Kater Gino wittert ebenfalls ein Mittagessen. Barbara Faber-Vogt rät, den Hamster besser wieder in seinen Käfig zu tun. Celina schnappt ihn und Jasmin protestiert. Laut. Weinend. Die Mutter bleibt gelassen. "Die hat wirklich Geduld", versichert Celina. Und: "Sie ist der Chef".

Heute hat Celina ihr Diktat wieder bekommen. Vier Fehler. "Das geht für den langen, schwierigen Text", meint Barbara Faber-Vogt und wird mit ihr nach dem Mittagessen wieder üben. Am Küchentisch. Dem Epizentrum der 95-qm-Wohnung. Dort sitzt sie am Kopfende, dem "Chefplatz", sagt sie, und hört sich die Sorgen, Nöte und Freuden von vier Töchtern und einem Sohn (12) an, plaudert mit ihrem Mann Hans-Jürgen (46), der um 15.30 Uhr von der Arbeit bei der EDG nach Hause kommt.

"Abend-Wahnsinn"

Bis sie zum Fahrdienst antreten muss. Celina will zum Reiten, der Sohn zum Handball-Training - wenn nicht Arztbesuche oder eine kurzfristig einberufene Schulpflegschaftssitzung zum Improvisieren zwingen.

Um 18.30 Uhr beginnt der tägliche "Abend-Wahnsinn". Die Kleinen müssen duschen oder baden. Von 19 bis 19.30 Uhr ist Abendbrot. Sind die Jüngsten im Bett, räumt die Chefin die Küche auf. "Ab 20.30 Uhr falle ich auf die Couch." Man kann sich nichts anderes vorstellen, bis sie sagt: "Oder ich gehe ins Fitnessstudio. Oder Schwimmen." Ein Energiebündel. Eine Powerfrau. Die spätestens, nach einem 14-Stunden-Arbeitstag um 23 Uhr rechtschaffen müde ins Bett fällt.

Am Wochenende kann sie etwas Luft holen. Dann sind es "nur sechs Arbeitsstunden". Weil ihr Mann hilft, z.B. kocht.

Trotz der täglichen Hetzerei würde Barbara Faber-Vogt gern wieder arbeiten gehen. Im Beruf. Bis zum dritten Kind war die gelernte Industriekauffrau und Fremdsprachenkorrespondentin berufstätig. Es ärgert sie, dass sie in der Schule nur auf Platz 23 der Warteliste für eine Ganztagsbetreuung von Celina steht. "Ich kann die Betreuung erst in Anspruch nehmen, wenn ich einen Arbeitsplatz habe. Doch ohne Betreuung keinen Arbeitsplatz."

Bis zum letzten Sommer hat sie selbst stundenweise als Tagesmutter gearbeitet, drei Kinder neben den eigenen versorgt.

"Nur" Hausfrau

Dass die Familienarbeit nicht anerkannt wird von der Gesellschaft, findet sie "sehr traurig." Die Leute rümpften die Nase, wenn sie sage, sie sei "nur" Hausfrau, nach dem Motto: "Ach, Sie arbeiten nicht?"

"Es wird eigentlich nur eine Frau anerkannt, die berufstätig ist und noch Familienarbeit leistet", meint sie. Dabei werde noch immer zu wenig für die Betreuung getan. Ihr fehlt eine Institution, wo sie die Kinder gegen wenig Geld mal für ein, zwei Stunden abgeben kann. Heute, glaubt sie, würde sie nicht mehr so viele Kinder bekommen. Auch wenn sie die Zeit zuhause mit ihnen genießt.

Celina kommt mit ihrem neuen Füller und quengelt: "Der schreibt nicht". Ihre Mutter nimmt sich der Sache an. Da klingelt das Telefon. Freundin Jutta: "Hast du Zeit?". Barbara Faber-Vogt macht's kurz: "Nein".

Gaby Kolle

<p>Routine: Kartoffeln schälen . . .</p>

<p>Routine: Kartoffeln schälen . . .</p>

<p>Jasmin wird vom Kindergarten abgeholt.</p>

<p>Jasmin wird vom Kindergarten abgeholt.</p>

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