200 Dortmunder fahren mit Holocaust-Gedenkbahn durch Dortmund

mlzAktion zum Holocaust-Gedenktag

Fast 200 Dortmunder fuhren Sonntagnachmittag mit der Gedenkbahn der DSW21 durch die Stadt, um der Opfer des Holocausts zu gedenken. Das Programm haben viele junge Menschen mitgestaltet.

Dortmund

, 27.01.2019, 15:59 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sonntagmittag am Marktplatz Dorstfeld, Haltepunkt Wittener Straße: Die Türen des Sonderwagens der U43 haben sich gerade geöffnet, Wiebke Claussen vom Dortmunder Klezmer-Ensemble „Zimma Orkestra“ spielt auf dem Akkordeon, da kommt es schon zum kleinen Missverständnis.

„Oh, Party hier“, sagt ein Endvierziger, der mit seinem Mops zusteigt. „Nicht ganz“, klärt ihn Andreas Roshol von der Arbeitsstelle „Zukunft braucht Erinnerung“ auf. „Das ist eine Gedenkfahrt für die Opfer des Nationalsozialismus.“ Der Mann hält inne, schaut sich interessiert um.

Eine „richtig volle“ Bahn

Fabian Karstens (21) ist einer von Dortmunds jungen „Botschaftern der Erinnerung“, die die Gedenkfahrt gemeinsam mit der DSW21 und Verbänden wie Schulen organisiert hat. „Wow, die Bahn ist richtig voll!“

Der Sonderwagen rumpelt los Richtung Osten, am Steuer sitzt Michael Wonneberger, mit 25 Dienstjahren einer der erfahrensten Chauffeure der Stadtwerke. „180 Menschen werden jetzt mitfahren“, schätzt der 50-Jährige.

„Wir wollen leben“

Von außen ist die Bahn kaum von gewöhnlichen zu unterscheiden. Lediglich große Aufkleber weisen auf die Aktion hin. „Für Demokratie und Vielfalt“ steht da, und „Nie wieder Faschismus!“ Drinnen singt das „Zimma Orkestra“ das Lied „Wir wollen leben“ in einer Fassung von Wolf Biermann, Ingo und Lutz Debus tragen es sehr eindringlich vor.

Das Klezmer-Ensemble „Zimma Orkestra“ spielte während der Sonderfahrt.

Das Klezmer-Ensemble „Zimma Orkestra“ spielte während der Sonderfahrt. © Stephan Schütze

In Höhe der Kampstraße übernimmt das Dorstfelder Ehepaar Brust das Mikrofon. Wolfgang Brust (68) begleitet seine Frau Sevgi Kahraman-Brust (61) auf der Gitarre. Beide engagieren sich beim Runden Tisch gegen Rechts. An der Wendeschleife in Wambel macht die Gedenkbahn Halt. Ein LKW ist vorgefahren, auf der Ladefläche sprechen Polizeipräsident Gregor Lange und DSW-Arbeitsdirektor Manfred Kossack zu den Menschen. Der Nieselregen wird heftiger, ein Teilnehmer reckt einen großen Schirm mit dem europäischen Sternenkranz in den Himmel.

Schüler wollen zum Nachdenken bewegen

Auf der Wiese neben der Wendeschleife führen fünf junge Tänzerinnen und zwei Tänzer zu einer Melodie des italienischen Filmkomponisten Ludovico Einaudi eine Performance auf.

„Mir ist wichtig, dass die Verbrechen der Nazis nicht vergessen werden“, sagt Tom (13) aus der Klasse 8b der Droste-Hülshoff-Realschule. „Bei der Vorbereitung für den Tanz habe ich mich selbst noch einmal intensiv mit dem Holocaust beschäftigt“, ergänzt seine Klassenkameradin Debby (13). „Ich möchte auch andere Menschen zum Nachdenken bewegen.“

Das Gedenken ist im Alltag angekommen

Die Menschen steigen wieder in die Bahn, es ist so voll wie nachmittags im Berufsverkehr. Schüler tragen Gedichte vor, wieder gibt es Musik. Jasmin Redzepi (33), Studentin des Westfalen-Kollegs, rezitiert aus einem fiktiven Brief an die Dortmunderin Helga Lilie-Jordan, die 1935 vor den Nazis nach Palästina geflüchtet war: „Ich empfinde Genugtuung, dass das NS-Regime es nicht geschafft hat, die Familie Jordan zu vernichten.“

In der Straßenbahn ertönt eine Durchsage. „Nächster Halt …“ Das Gedenken ist im Alltag angekommen.

Störungen durch Rechtsextreme

Rechtsextreme haben am Sonntag versucht, die Gedenkfahrt zu stören, das teilte die Polizei bei Twitter mit. Am Wilhelmplatz in Dorstfeld erteilte sie demnach Platzverweise gegen Rechtsextreme. An der Haltestelle Kampstraße stellte die Polizei Plakate sicher, die zwei Rechtsextreme gezeigt hatten. Es besteht der Anfangsverdacht der Volksverhetzung.
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