400-Euro-Job statt Reisen durch die Weltgeschichte

Altersarmut

Viele Senioren gehen trotz Altersgebrechen arbeiten, um ihren Lebensstandard zu verbessern. Weil die Rente alleine zum Leben nicht reicht. Statt zu reisen oder sich etwas zu leisten, nehmen sie Billiglohn-Jobs an. In Dortmund betrifft das über 5000 Senioren. Die Zahlen entwickeln sich dramatisch.

DORTMUND

von Von Ulrike Böhm-Heffels

, 25.10.2011, 10:59 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kein Auskommen im Alter: Die Probleme betreffen sehr oft Frauen, die früher entweder gar nicht oder nur kurz erwerbstätig waren.

Kein Auskommen im Alter: Die Probleme betreffen sehr oft Frauen, die früher entweder gar nicht oder nur kurz erwerbstätig waren.

Sie hat drei Kinder großgezogen, hat in der Zeit auf eine Erwerbstätigkeit verzichtet, um ihre Kinder wohlbehütet zu wissen, sie hat zehn Jahre ihren Schwiegervater gepflegt und erneut nicht gearbeitet. Heute ist Rita H. aus Wambel 70 Jahre alt und kassiert die Quittung dafür.

Sie ist ein Opfer der sogenannten Neun-Zehntel-Regelung geworden. Von ihren 650 Euro als Brutto-Rente muss sie 267 Euro für ihre private Krankenversicherung abführen. Monat für Monat. Das sind rund 210 Euro mehr, als wenn sie in der gesetzlichen Krankenversicherung geblieben wäre. Zusammen zahlen sie und ihr Mann monatlich 1200 Euro in die Krankenversicherung.

Frau H. jobbt, hat mit 70 Jahren eine 400-Euro-Stelle in einem Drogerie-Markt angenommen. Dort räumt sie Regale ein, um ihren Lebensstandard zu verbessern. Früher, viel früher, da hatte sie einmal gehofft, sich im Alter etwas leisten zu dürfen. Reisen zu können, wenn endlich Zeit ist, wenn die Kinder aus dem Haus sind und keine Pflegepflichten mehr warten. Arbeit auf 400-Euro-Basis statt Reisen durch die Weltgeschichte.

„Der Gesetzgeber hat festgelegt, dass 9/10 des zweiten Erwerbslebens, also nach Mutterschutz und Erziehungszeit, in der gesetzlichen Krankenversicherung verbracht werden müssen, will man auch im Alter gesetzlich krankenversichert sein und nur die entsprechenden Beitragssätze für Kranken- und Pflegeversicherung von der Rente abführen. Durch die lange Pflege des Schwiegervaters hatte Frau H. keine Chance, auf diese 9/10 zu kommen. Die Folgen sind gravierend“, rechnen zwei Experten vom Regionalbüro West der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) vor.Rechtssekretärin Renate Lanwert-Kuhn und ihr Kollege Benedikt van Acken beraten viele, die bitter aufgewacht sind aus einem Traum, in dem die Rente noch für ein gutes Leben reichte.

Bei den Ärmsten reicht die Rente nicht einmal zum Existenzminimum, das 667 Euro/Monat beträgt (8004 Euro Steuerfreibetrag jährlich, geteilt durch 12 Monate). Von 9000 Leistungsbeziehern zur Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung sind 3000 unter 65 (erwerbsgemindert), 4000 sind zwischen 65 und 74 Jahre alt und 2000 über 75. Sozialamts-Chef Peter Bartow sieht seit Jahren steigende Zahlen.

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