Nightrooms und Stadtpalais: Als Avicii spontan zum Geburtstag auflegte

mlzLegenden des Dortmunder Nachtlebens

Die BVB-Profis haben hier wilde Meisterpartys gefeiert und der später weltberühmte DJ Avicii hat hier aufgelegt: Das Nightrooms an der Hansastraße ist seit 15 Jahren eine feste Größe im Dortmunder Nachtleben. Die Anfänge dieses Disko-Standorts liegen aber noch vor der Jahrtausendwende, damals noch unter dem Namen Stadtpalais.

Dortmund

, 09.06.2018, 04:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Das Westfalenforum in der Dortmunder City ist nicht gerade ein Ort des blühenden Lebens. Der riesige Komplex an der Ecke Kampstraße / Hansastraße wollte einmal ein aufstrebendes Einkaufszentrum sein. Davon ist er heute aber mehr denn je entfernt. Der Großteil der Flächen steht leer. Und die Rolltreppen fallen öfter aus, als sie laufen.

Es gibt aber eine Ausnahme. Eine Konstante über all die Jahre. Einen Ort in diesem wirren Komplex, in dem es durchaus sehr viel Leben gibt. Und das schon seit fast 20 Jahren. Die Disko im ersten Stock an der Hansastraße. Das Nightrooms.

Das Rondell ist das Markenzeichen

Von außen ist der Club so unscheinbar, so unspektakulär wie der Rest des Gebäudes. Nightrooms steht in schnörkellosen Lettern an der Fassade an der Hansastraße 5-7. Wer am Freitag- oder Samstagabend hier vorbeigeht, sieht aber meistens eine Traube junger Leute vor dem Gebäude versammelt, die in der Schlange stehen, um reinzukommen. Und manchmal wummert ein Bass so laut, dass der Wind ihn auf die andere Straßenseite trägt. Ansonsten weist von außen wenig auf das hin, was drinnen passiert.

Haben die Gäste Türsteher und Eingang passiert, landen sie zunächst im Lounge-Bereich des Clubs - es ist, das ist das Besondere, ein Rondell, von dem die drei verschiedenen Tanzbereiche abgehen. Je nachdem, welche Party gerade läuft, werden die Gäste hier begrüßt. Bei der Cookies-Party zum Beispiel gibt's als erstes was Süßes auf die Hand. Im Rondell gehen die Gäste an einem Abend meistens ein paar Mal im Kreis, um von Bereich zu Bereich zu kommen. Disko-Hopping in der Disko.

„Ein ehrliches Produkt“

Ins Nightrooms gehen die Leute, weil sie tanzen wollen. Und das stundenlang, zu Hits, die sie kennen, mit Leuten, die sie kennen. Es ist hier nicht so szenig oder extravagant oder abgerockt wie in anderen Diskos. Aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist das Nightrooms über Jahre eine beliebte Adresse im Dortmunder Nachtleben geblieben.

„Das Nightrooms ist ein ordentlicher Laden, ein ehrliches Produkt“, sagt Holger Schmidt, der zusammen mit Patrick Schröder für das Nightrooms zuständig ist. Betreiber ist eine Investorengruppe, zu der mehrere Diskos, unter anderem die Nachtresidenz in Düsseldorf, gehören. Timo Grzechowiak und Janis Bramel kümmern sich als Club-Manager um das operative Geschäft.

Wie alles anfing

Die Geschichte dieser Diskothek beginnt kurz vor der Jahrtausendwende. Es muss 1999 gewesen sein, als sie eröffnet hat. Damals noch unter einem anderen Namen, mit einem anderen Konzept: das Stadtpalais.

„Hier tanzt das Ruhrgebiet“, stand auf den Plakaten zur Präsentation des Stadtpalais.

„Hier tanzt das Ruhrgebiet“, stand auf den Plakaten zur Präsentation des Stadtpalais. © Archiv

„Das war ein Mördererfolg“, sagt Holger Schmidt, der im Jahr 2000 zum Stadtpalais stieß. Die Gäste seien damals auch aus 100 Kilometern Entfernung gekommen, um im Stadtpalais zu feiern. Dabei seien die ersten Wochen sehr holprig gewesen. „Aber irgendwie haben die Leute von damals es auf dem Weihnachtsmarkt geschafft, die Nachricht zu verbreiten, dass es da einen neuen Laden für Junggebliebene gibt“, sagt Schmidt. Und dann lief’s.

Es war pompös - und neu

Das Stadtpalais war pompös eingerichtet – mit Büsten und Statuen, Deckengemälden, Kronleuchtern, teurem Parkett- und Teppichboden. Es war damals etwas ganz Neues für Dortmund. Eine Disko, so schick, wie es sie bisher nicht gegeben hatte. Und weil alles so schick war, machten sich auch die Gäste schick. Sie trugen eher Abendgarderobe als Jeans und T-Shirt.

Das Publikum war nicht so jung, wie es das heute ist. Gespielt wurden auch damals schon in jedem der drei Bereiche verschiedene Musikstile, Dance-Musik im ersten, Charts und Schlager im zweiten, 80er und 90er im dritten, sagt Holger Schmidt. Am Anfang tanzten die Leute, wie man das halt so machte, noch Foxtrott. „Aber das passte nicht zum Stadtpalais“, sagt Schmidt. „Es war viel moderner da.“

Disco trifft House

Er erinnert sich an eine legendäre Studio-54-Party. Das Hamburger DJ-Team Discoboys legte damals auf, verband den typischen Discosound mit House-Musik. „Damals war das etwas Neues“, sagt Schmidt.

Magdalena Ferens war Stammgast an der Hansastraße. „Das Stadtpalais war eine Disko mit Stil“, sagt sie. „Es war einfach etwas anderes.“ Sie erinnert sich noch, dass es immer für zwei Stunden ein Buffet gab, das die Gäste gerne plünderten, bevor es auf die Tanzfläche ging.

„Das Stadtpalais war wie ein Wohnzimmer“

Dann habe das Prisma in Eving eröffnet - mit einem ganz ähnlichen Konzept. Und das Stadtpalais haben ein bisschen an Ansehen verloren, sagt Ferens. Um sich etwas abzugrenzen, sei im Stadtpalais der Dresscode etwas gelockert worden, das Publikum wurde jünger. „Das Stadtpalais war für mich wie ein Wohnzimmer, wie ein Zuhause“, sagt Ferens. „Wir waren jeden Freitag und Samstag da.“

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

So wurde im Nightrooms gefeiert

09.06.2018
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Das Stadtpalais war pompös eingerichtet.© Stephan Schütze
Zur Einrichtung gehörten Büsten.© Stephan Schütze
Ebenso wie riesige Kerzenständer.© Stephan Schütze
Wer nach oben schaute, sah Deckenbilder und Kronleuchter.© Stephan Schütze
2003 wurde aus dem Stadtpalais das Nightrooms. Dafür wurde kräftig renoviert.© Knut Vahlensieck
So sah das Stadtpalais im Westfalenforum 2002 von außen aus.© Dieter Menne
2003 wurden im Stadtpalais Frisurentrends vorgestellt.© Archiv
So sah es kurz nach der Neueröffnung im Nightrooms aus.© Dieter Menne
Tanzen steht hier an erster Stelle.© Dieter Menne
Dieses Bild entstand 2011. So sieht es auch heute an den Wochenenden meistens noch vor dem Nightrooms aus.© Stephan Schütze
Die BVB-Spieler haben 2011 im Nightrooms ihre Meisterschaft gefeiert, mit dabei waren auch Mohamed Zidan, Jakub Blaszczykowski und Lukasz Piszczek.© Stephan Schütze
Besondere Gäste zum zehnten Nightrooms-Geburtstag.© Nils Foltynowicz
Die Tanzbereiche sind zuletzt neugestaltet worden. Das ist der Bereich Faces. © Dieter Menne
Platz zum Sitzen ist auch in den Tanzbereichen.© Dieter Menne
Prost! So sieht's im Faces-Bereich aus.© Dieter Menne
Das Nightrooms-Logo an der Hansastraße.© Jana Klüh

Sie habe dort immer irgendwen getroffen, den sie kannte. „Und eigentlich sind wir gekommen, um in der Hip-Hop-Halle zu tanzen, die immer rappelvoll war“, sagt sie. Dort habe sie einen Gast kennengelernt, an den sie sich noch heute erinnert. Er hieß Friday und sei immer nur freitags da gewesen.

Der Relaunch

Doch irgendwann passte das Konzept des Stadtpalais nicht mehr so richtig zu den immer jünger werdenden Gästen. Die Betreiber entschieden sich für einen Relaunch, aus dem Stadtpalais wurde im Oktober 2003 das Nightrooms.

Seit diesem Relaunch ist sich die Disko in ihrem Grundgerüst treu geblieben. Die Gäste sind jung, die meisten zwischen 18 und 25 Jahre, und sie hören hier Musik, die zwar cool ist, aber auch kommerziell. Vor allem in dem größten der drei Bereiche läuft überwiegend Radiomusik. In den anderen gibt es Black-Music und Hip-Hop zum einen und House zum anderen. Das Nightrooms arbeitet dafür mit einem Stamm von DJs zusammen, es sind etwa drei feste für jeden Bereich.

Der Spontan-Auftritt von Avicii

Immer wieder stehen aber auch Gast-DJs an den Plattentellern. Über die Jahre waren so einige hier, die die elektronische Musik geprägt haben: DJ Antoine, Martin Garrix, Hardwell und Afrojack, der damals noch mit Paris Hilton liiert war. Der amerikanische DJ Blend legte mit Zombiemaske auf.

Einer dieser Gäste hat es wenig später zu Weltruhm gebracht – mit tragischem Ende. Zum siebten Nightrooms-Geburtstag am 16. Oktober 2010 hatte das Nightrooms-Team ganz spontan die Möglichkeit, den schwedischen DJ Tim Bergling zu buchen. Irgendwer kannte irgendwen, der Kontakt zu dem DJ mit dem Künstlernamen Avicii hatte, und dann kam er kurzfristig nach Dortmund und legte zwei Stunden auf. „Er war damals ein absoluter Newcomer“, sagt Club-Manager Timo Grzechowiak. „Wir haben ihn für eine sehr kleine Summe gebucht.“ Wenig später schaffte Avicii mit dem Lied „Levels“ seinen Durchbruch, wurde zu einem der gefragtesten DJs der Welt, spielte nicht mehr in Clubs, sondern vor Hunderttausenden auf Festivals und verdiente Millionen. Im April 2018 starb er, überraschend, mit nur 28 Jahren.

Wilde Meisterfeiern der BVB-Stars

Im Nightrooms legen nicht nur bekannte Gesichter auf. Auch die Gäste sind keine ganz Unbekannten in der Stadt. Seit vielen Jahren gehen die Spieler von Borussia Dortmund im Nightrooms feiern.

BVB-Profis auf dem Weg zur Meisterparty: Marcel Schmelzer und Mario Götze, im Hintergrund Mats Hummels vor dem Nightrooms im Jahr 2011.

BVB-Profis auf dem Weg zur Meisterparty: Marcel Schmelzer und Mario Götze, im Hintergrund Mats Hummels vor dem Nightrooms im Jahr 2011. © Stephan Schütze

Als der BVB 2011 und 2012 Meister wurde, haben die Spieler jeweils einen Bereich gemietet und dort ordentlich gefeiert. „Die haben hier richtig Gas gegeben“, sagt Holger Schmidt. „Vor allem Neven Subotic. Das war ein cooles Partyschwein.“ Der Innenverteidiger hätte damals selbst das DJ-Pult übernommen. „Die Jungs waren echt sympathisch“, sagt Schmidt.

Mit seinen drei Tanz-Bereichen und den 2000 Quadratmetern Fläche entspricht das Nightrooms den Vorstellungen einer klassischen Großraumdisko. Die Betreiber versuchen da aber immer wieder gegenzusteuern, wegzukommen von diesem Image. „Wir wollen ein Club sein“, sagt Holger Schmidt.

Die Vielfalt als Vorteil

Das Nightrooms unterscheidet sich durchaus von großen, unpersönlichen Disko-Tempeln. Die Bereiche sind nicht so groß, dass sie Hallencharakter haben. Ein kleiner gemütlicher Club ist’s aber eben auch nicht. „Die Vielfalt ist unser Vorteil“, sagt Timo Grzechowiak.

Denn wenn man mit seinen Freunden feiern gehen will, aber nicht weiß wohin, dann geht man ins Nightrooms. Da ist man immer auf der sicheren Seite. Gefällt einem die Musik im einen Bereich nicht, geht man zum nächsten. Und wenn man eine Pause braucht, dann setzt man sich eben auf ein Getränk ins Domicil nebenan, sagt Magdalena Ferens. Die 33-Jährige geht zwar nicht mehr so oft feiern wie zu Stadtpalais-Zeiten, ist aber immer noch ab und zu im Nightrooms. „Es liegt einfach super zentral“, sagt sie. „Das ist der große Vorteil.“

Neue Ideen

Auch wenn sich die Disko stets treu geblieben ist, die Zeit bleibt nicht stehen.

Das Diskogeschäft ist schnelllebig, die Gäste wollen etwas geboten kommen, wenn sie feiern gehen. Innerhalb der vergangenen drei Jahre sind im Nightrooms deshalb - wieder einmal - alle Bereiche renoviert worden.

Es gibt immer wieder neue Partyangebote, die teilweise schon Eventcharakter haben. Bei der Urban-Circus-Party alle zwei Monate werden die Gäste zum Beispiel zu Akteuren einer Zirkusshow. Feuerspucker, Zauberer und eine Schlangenfrau sind dann die Stargäste und die Besucher Teil einer großen Geschichte.

Tanzen wollen sie aber trotzdem. Noch immer.

Die Serie „Legenden des Dortmunder Nachtlebens“: Dortmunds Nachtszene hat in den vergangenen Jahrzehnten etliche Diskos kommen und gehen gesehen. In dieser Serie stellen wir immer samstags einen legendären Laden vor, der seine Gäste besonders geprägt hat.
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