Ameisenbären sind zu dick und müssen abspecken, aber haben keine Lust auf das Diätfutter

mlzZoo Dortmund

Die Ameisenbären im Zoo Dortmund sind größer als in freier Wildbahn. Ihr Futter ist zu nahrhaft. Nun wird der Speiseplan umgestellt. Sie kommen auf Zucker-Entzug. Da herrscht miese Laune.

Dortmund

, 24.11.2018, 04:18 Uhr / Lesedauer: 4 min

Jeden Tag rührt Johanna Steinecker, Tierärztin im Dortmunder Zoo, für sechs Ameisenbären aufwendig eine graubraune Pampe an. Doch trotz ihrer Mühe - den Supernasen will das Futter nicht so recht schmecken. Sie stochern mit dem Rüssel im Metallnapf herum.

Bonita und Sandra schieben die Futterwanne hin und her. Leckerer wird das Futter davon nicht. Doch die Mischung unter anderem aus Geflügelfleischmehl, Fliegenlarven-Protein, Kartoffel, Apfeltrester, Maisstärke, Geflügelfett, Milchsäure-Bakterien und Wasser ist gesünder für Ameisenbären als das, was sie bislang vertilgt haben.

Feilen an der Rezeptur

Johanna Steinecker feilt gemeinsam mit einer Professorin für Tierernährung in Zürich an der Rezeptur im Dienste der Tiere und der Wissenschaft; denn die Futterumstellung der Ameisenbären ist Thema ihrer Doktorarbeit.

Ameisenbären sind zu dick und müssen abspecken, aber haben keine Lust auf das Diätfutter

Vor dem Fressen wiegt Zootierärztin und Doktorandin Johanna Steinecker Ameisenbär Antebus. © Gaby Kolle

Als der Tierhändler Carl Hagenbeck 1864 den ersten Großen Ameisenbären nach Europa holte, mussten die Tierpfleger für den Speiseplan Ameisenhaufen einsammeln. Dauerhaft ein schwieriges Unterfangen, da Ameisenbären am Tag bis zu 35.000 Termiten und Ameisen vertilgen - und dabei je nach Ameisenbär auch nur bestimmte Arten. Beim Fressen sind Ameisenbären etepete.

Die Dortmunder Mischung

Als der erste Ameisenbär 1975 in den Zoo Dortmund einzog, stand man vor demselben Problem. Der Zoo musste ein Ersatzfutter entwickeln, das heute in der internationalen Zoowelt als „Dortmunder Mischung“ bekannt und Standard in der Ernährung von Zoo-Ameisenbären ist.

Die Zusammensetzung wurde immer wieder abgewandelt und bestand zuletzt aus Bananen, Äpfeln, Tomaten, gekochten Eiern, gehacktem Rinderherz, Hundetrockenfutter, getrockneten Garnelen, gemahlenen Haferflocken, Quark, Honig, Torf und Wasser. Das heißt im Fall der Ameisenbären: zu viel Zucker und zu viele kohlenhydratreiche Bestandteile.

Tiere wurden schwerer und größer

Den Ameisenbären hat es aber geschmeckt. Es ging ihnen auch nicht schlecht dabei - zum Beispiel sind die Tiere meistens sehr alt geworden - doch sie hatten zu viel Speck auf den Rippen, sind 10 bis 20 Zentimeter größer und bis zu einem Drittel schwerer als ihre Artgenossen in freier Wildbahn, die nur rund 40 Kilo wiegen. Gleichzeitig gab es Tiere, deren Organe an dem Futter erkrankten. „Deshalb sind wir schon lange an dem Thema dran“, berichtet Zootierärztin Dr. Christine Osmann, die die Doktorarbeit von Johanna Steinecker in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich mit betreut.

Dortmund gilt in Fachkreisen wegen seiner außergewöhnlichen Zuchterfolge als Welthauptstadt der Ameisenbären. Die stellvertretende Zooleiterin Ilona Schappert koordiniert und leitet das Europäische Erhaltungszuchtprogramm und führt das Internationale Zuchtbuch für die Großen Ameisenbären. Dortmund ist in der Zoowelt Ansprechpartner für Fütterung, Haltung und medizinische Probleme.

Futter soll standardisiert werden

Als Dr. Osmann sich in einem spanischen Zoo die Fütterung der Tiere anschaute, wunderte sie sich was da im Napf landete. Was das denn sei, fragte sie - und bekam zur Antwort: „die Dortmunder Mischung.“

Damit hatte das Futter allerdings nicht mehr viel zu tun; denn einzelne Zutaten, die es im Land des Empfängerzoos so nicht gibt, waren mittlerweile durch andere ersetzt worden. „Wir wollen die Tiere artgerechter ernähren und das Futter standardisieren, so dass sie beim Umzug in einen anderen Zoo das Gleiche zu fressen bekommen und man sie guten Gewissens abgeben kann“, erläutert Johanna Steinecker. Es gilt also ein Ersatzfutter zu finden, das der Verdauung der Tiere bekommt, sie gesund hält und ihnen schmeckt.

Junges Forschungsgebiet

Die Ernährungswissenschaft für Zoo- und Wildtiere ist ein junges Forschungsgebiet, macht aber rasante Fortschritte. „Es gibt schon viel Freilandforschung“, sagt Johanna Steinecker, „man weiß, wie die Tiere sich im Freiland ernähren und was sie fressen wollen“, nämlich Termiten und Ameisen, also ganz viel Protein.

Ameisenbären sind zu dick und müssen abspecken, aber haben keine Lust auf das Diätfutter

Zootierärztin Johanna Steinecker bereitet selbst das neue Futter für die Ameisenbären zu. Jeder bekommt eine individuell abgewogene Menge. © Gaby Kolle

Kohlenhydrate gehören auch zum Speiseplan. Sie verstecken sich im Chitin-Panzer der Insekten. Doch Ameisen sind nicht gleich Ameisen. In ihren Populationen gibt es Arbeiterinnen, Königinnen, Puppen. Johanna Steinecker: „Man muss gucken, wie sich die Nahrung physiologisch zusammensetzt.“

Als ob man ihnen das Nutellabrot wegnimmt

Schweizer Wissenschaftler in Zürich haben bereits ein Futtermittel entwickelt, das auch schon getestet wurde. Es hat mehr Protein, sprich Insekteneiweiß. Für die Ameisenbären sei das so wie für Kinder, die bislang Nutellabrote gegessen haben und jetzt Rohkost bekommen, erklärt die Doktorandin. Johanna Steinecker begleitet die Dortmunder Ameisenbären während der Umstellungszeit, wiegt das Futter aus - für jedes Tier eine individuelle Menge - und rührt es an, dokumentiert den Gewichtsverlauf, untersucht die Kotkonsistenz, nimmt Blutproben, um die Werte von Leber und Bauchspeicheldrüse zu bestimmen.

Ende Juni hat sie mit dem Kontrollprogramm begonnen und zusammen mit Dr. Osmann einen sogenannten Body-Condition-Score, einen Bewertungsmaßstab für die Körperkondition der Ameisenbären entwickelt. „Sie waren sehr gut genährt“, sagt die Tierärztin, „mit dem neuen Futter nehmen sie erst mal ab. Das ist normal. Wir haben ein bisschen experimentiert, etwa um zu sehen, wie viel sie pro Tag brauchen, um das Gewicht zu halten“. Weitere Haltungen in Deutschland und Europa testen das Futtermittel parallel.

Ameisenbären sind zu dick und müssen abspecken, aber haben keine Lust auf das Diätfutter

Für das menschliche Auge ist das Futter nicht sehr appetitlich. Für die Ameisenbärennase auch nicht. Damit den Tieren das gesunde Futter besser schmeckt, wird weiter experimentiert. © Gaby Kolle

Bei Überversorgung mit Vitaminen verknöchern die Tiere

Immer wieder sammelt Johanna Steinecker über Tage den Kot ein und untersucht dann im Labor der Universität Zürich, wie viel Protein darin zu finden ist. Auch die Aufnahme von Vitaminmengen sind für Ameisenbären wichtig. Vorsicht ist da angebracht. „Sie sind schnell überversorgt. Die Vitamine A und D können leicht toxisch wirken, bei Überversorgung verknöchern die Tiere“, sagt Steinecker. In einem Jahr hofft sie mit der Datensammlung fertig zu sein.

Ameisenbären sind zu dick und müssen abspecken, aber haben keine Lust auf das Diätfutter

Der Hunger treibt’s rein. Ameisenbär Mirek frisst das neue Futter, aber nicht mit großer Begeisterung. © Gaby Kolle

Um Sandra, Zenobia, Chakira, Bonita, Mirek und Antebus das neue Futter schmackhaft zu machen, experimentiert Johanna Steinecker auch mit Heimchen und Avocado. Tamandua Faya, eine Kleine Ameisenbärin, war schon mal elf Kilo schwer, wiegt jetzt nur noch sieben Kilo, könnte aber acht oder neun Kilo vertragen. Nur mag sie partout das Futter nicht. In ihrem Fall ist noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. „Wir müssen gemeinsam mit den Pflegern einen Weg finden“, sagt Dr. Osmann, „ich hoffe, dass wir den Durchbruch erzielen.“

Johanna Steinecker absolviert in Dortmund ihre Ausbildung zur „Fachtierärztin für Zoo- und Wildtiere“, beziehungsweise ihre zweijährige Tätigkeit im Zoo Dortmund wird auf die Weiterbildungszeit angerechnet. Das ist möglich, weil Dr. Osmann Fachtierärztin ist und die Weiterbildungsermächtigung von der Tierärztekammer erworben hat.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt