„Böller und Gesänge“: Hinter dichtem Grün wirken Menschen im Verborgenen

mlzAn Emscher und Rüpingsbach

Anlieger von Beisterweg und Schönaustraße eint ein Bachlauf. Auf den Brachflächen komme es zu Schießübungen, stünden zweifelhafte Hütten. Ein Gelände will die Bahn jetzt räumen lassen.

Barop, Schönau

, 06.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Schönaustraße ist nicht weit vom Beisterweg entfernt. Getrennt sind die beiden Anliegerstraßen nur durch die Straße An der Palmweide – verbunden sind sie durch Bäche, den Rüpingsbach, der später hier in die Emscher fließt.

Und die Bachläufe spielen in dieser Geschichte eine entscheidende Rolle: Denn auf den Brachflächen entlang der Gewässer geschehen Dinge, die die Anlieger beunruhigen, ängstigen und ärgern.

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Als Rüpingsbach und Emscher vor Jahren eher stinkende Kloaken waren, da zog es hier niemanden hin. Seitdem die Emschergenossenschaft die Bachläufe renaturiert hat, sind die teils lange brachliegenden Grundstücke plötzlich attraktiv – und ziehen viele Menschen an.

Es ist ein kleines Idyll, das Anlieger durch illegale Aktivitäten gefährdet sehen: „Es ist richtig schön geworden hier“, sagt eine Frau, „und genau das ist das Problem.“ Anlieger von Beisterweg und auf der anderen Seite der Palmweide klagen über Lärm, Dreck, viel Müll und Schlimmeres: Zwei Anlieger der Schönaustraße berichten von Schießübungen, Nazigesängen und Feuwerwerksböllern unterhalb der Schnettkerbrücke, auf die der Spazierweg zuführt.

Unterhalb der Schnettkerbrücke: Oben donnern die Autos, hier unten führen Fußwege im Grünen Richtung Barop und Dorstfeld.

Unterhalb der Schnettkerbrücke: Oben donnern die Autos, hier unten führen Fußwege im Grünen Richtung Barop und Dorstfeld. © Britta Linnhoff

Die beiden Frauen, die das erzählen, wollen ebenso wenig wie die Anlieger des Beisterwegs ihre Namen in der Zeitung lesen – aus Angst. Sie fühlen sich hier nicht sicher. Viele der Leute, die man auf den ufernahen Grundstücken antreffen könne, kämen von außerhalb. Sie sähen zum Beispiel Kennzeichen aus den Kreisen Unna und Recklinghausen.

Dichtes Grün verbirgt den Bach

„Es ist richtig schön geworden hier, und genau das ist das Problem.“
Eine Anliegerin

An diesem sonnigen Vormittag sind wir unterwegs auf der Straße „Am Kucksberg“. Die führt entlang des Bachs. Es gibt Sitzgelegenheiten in der Straße mit Blick auf das Gewässer. Viel zu sehen ist davon in dieser Jahreszeit allerdings nicht, dichtes Grün verbirgt den Bach.

Und dieses Grün – so erzählen die Frauen – mache es Menschen möglich, hier im Verborgenen zu wirken. Im Herbst, dann, wenn die Blätter fallen, „stehen da plötzlich wieder neue Bauten“, sagen sie. Einen Strom- und Wasseranschluss hätten diese Hütten nicht; also liefen Generatoren – das Wasser hole man sich aus den Bächen.

Dabei handele es sich um einen „Außenbereich“, hier dürfe gar nichts gebaut werden. Herein geschnittene Löcher in Zäunen verschaffen Zugang auf Wege, die eigentlich Betriebswege für die Emschergenossenschaft sind.

Ein Loch im Zaun, der Zugang zu einem Weg verschafft, der eigentlich nicht frei zugänglich ist. Die Anlieger überrascht das nicht, das passiere immer wieder.

Ein Loch im Zaun, der Zugang zu einem Weg verschafft, der eigentlich nicht frei zugänglich ist. Die Anlieger überrascht das nicht, das passiere immer wieder. © Britta Linnhoff

Das alles geschehe im Verborgenen. Was man aber sehen kann, das ist der Müll, der hier herumliegt, inklusive Glasscherben. Für die vielen Hundebesitzer ein Albtraum. Dabei versuchen sie, hier alles sauber zu halten: An mehreren Stellen entlang eines Zauns haben Anlieger Tüten und Schüppen zum Einsammeln von Hundekot aufgehängt.

Als wir hier am späten Vormittag entlang laufen, liegen die Glasflaschen neben der Bank in einer Plastiktüte: „Die hat offenbar schon jemand eingesammelt“, sagt die Anliegerin. Heute, am frühen Morgen, habe hier noch alles einzeln herumgelegen.

Rund um die Bank liegt Müll. Irgendjemand hat die Glasflaschen aufgesammelt und in eine Plastiktüte gepackt.

Rund um die Bank liegt Müll. Irgendjemand hat die Glasflaschen aufgesammelt und in eine Plastiktüte gepackt. © Britta Linnhoff

Die beiden Frauen erzählen das alles: Sie berichten von abgemeldeten Autos, von Müll, der einfach verbrannt werde, und eben von Schießübungen, Nazigesängen und Böllern. Das geschehe vor allem in Richtung Norden, dort, wo es zur Schnettkerbrücke geht.

Sie seien bei Ordnungsamt und Polizei vorstellig geworden, sagen die beiden Anliegerinnen, aber sie könnten nicht erkennen, dass sich hier irgendetwas ändere. Sie ärgern sich, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen: „Hier macht jeder, was er will, und der eine schiebt dem anderen die Verantwortung zu. Man hört immer, die Zivilbevölkerung soll Zivilcourage zeigen, nicht die Augen zumachen, aber keiner kümmert sich.“

Grundstück gehört der Bahn – und die setzt eine Frist

Die Stadt hat auf Anfrage nicht viel dazu zu sagen; nur, dass die Grundstücke wohl der Bahn gehören. Die wiederum kann das auf Anfrage ad hoc nicht bestätigen, hat aber dennoch einiges zu sagen: Denn das Grundstück südlich der Palmweide, das am Beisterweg, wo die Anlieger schon vor einigen Wochen über Lärm und den Bau zweifelhafter Hütten klagten, gehöre in der Tat der Bahn.

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Und die hat den Leuten, die dort zuletzt anzutreffen waren, jetzt eine Frist gesetzt, bis wann das Gelände zu räumen ist. Das bekomme dann einen Zaun, damit sich die Vorfälle nicht wiederholten. Außerdem, sagte Bahnsprecher Stefan Deffner, würden sich „demnächst die Kollegen vor Ort einmal genau umsehen“. Hoffnung also auch für die Anlieger nördlich der Palmweide.

Emschergenossenschaft und Polizei wollen sich kümmern

Auch Ilias Abawi, Leiter Kommunikation und Marketing bei der Emschergenossenschaft, versichert, man werde sich nun vor Ort genau umschauen. In dem geschilderten Ausmaß sei das Problem allerdings nicht bekannt. Wegen Corona sei das Betriebsteam, das regelmäßig vor Ort unterwegs sei, derzeit nur eingeschränkt im Einsatz. Aber man werde sich kümmern.

Das versichert auch die Polizei. Zwar habe man keine Hinweise auf entsprechende Einsätze in diesem Gebiet in der Vergangenheit finden können, das heiße aber nicht, dass „dort nichts ist“, so Polizeisprecher Gunnar Wortmann. Gerade wenn es um den Kampf gegen Rechts gehe, sei man sehr sensibel. Man werde den Kontakt mit den „Meldern“ dieser Vorfälle suchen und „auf jeden Fall etwas tun“.

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