„Angst um meine Schüler“ – Schulleiter warnt vor dramatischen Corona-Folgen

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Die Hauptschule am Hafen ist für 540 Kinder aus der Nordstadt ein Anker. Nun ist sie geschlossen – und der Schulleiter rechnet auf längere Sicht mit verheerenden sozialen Folgen für die Kinder.

Dortmund

, 24.03.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Geschlossene Schulen und Kontaktverbote sind eine Belastung für die gesamte Gesellschaft. Doch besonders betroffen sind die, die sonst schon schwer über die Runden kommen. Dr. Norbert Rempe-Thiemann weiß das, er ist Schulleiter der Hauptschule am Hafen in der Dortmunder Nordstadt. Auch er hat seine 540 Schüler vor rund anderthalb Wochen entlassen. Wie es vielen von ihnen jetzt geht, will er sich manchmal gar nicht vorstellen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute an Ihre Schüler denken?

Ich denke an zwei Dinge. Einmal: Was passiert mit dem, was die Kinder eigentlich in der Schule machen? Lernen für das Leben, das kommt jetzt mit Sicherheit zu kurz. Auf der anderen Seite ist da der Gedanke: Was passiert jetzt mit den Kindern, wenn sie einen ganz wichtigen Teil ihrer Tagesstruktur verlieren? Und das tun sie, wenn sie nicht mehr in die Schule kommen. Diese Tagesstruktur ist für die Kinder an unserer Schule extrem wichtig.

Weil?

Stellen Sie sich eine Familie mit vier, fünf, sechs Kindern vor. Diese Familie lebt auf 60 Quadratmetern. Kinder teilen sich da zu mehreren ein Zimmer, sie haben keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Sie können ihre Freunde nicht mehr sehen, was ja häufig ein Grund ist, in die Schule zu gehen. Wie ich finde, übrigens ein wichtiger und sehr legitimer Grund. Mir wird angst und bange, wenn ich mich jetzt fragen muss: Was passiert gerade in diesen Familien?

Was passiert da?

Das möchte ich mir manchmal gar nicht vorstellen. Da sind Kinder in Situationen, die sie alleine nicht bewältigen können. Hinter ihnen stehen Eltern, die von dieser Situation, auf die sich ja keiner vorbereiten konnte, vollkommen überfordert sind.

Sagen Sie vielleicht ein paar Worte zu der Struktur Ihrer Schüler.

Über 90 Prozent unserer Schüler haben einen Migrationshintergrund. Das spielt für meine Sorgen und das, worüber ich nachdenke, aber überhaupt keine Rolle. Was von erheblich größerer Bedeutung ist, ist der Umstand, dass fast 80 Prozent der Kinder von sozialen Unterstützungssystemen leben.

Häufig unter Hartz IV-Niveau, weil viele der Kinder beziehungsweise deren Familien gar keinen Anspruch auf Hartz IV haben. Was natürlich erheblichen Einfluss auf die Struktur und Organisation eines Familienlebens hat.

Gleichzeitig habe ich ganz viel Gleichgültigkeit von Eltern gegenüber der Situation ihrer Kinder erlebt. Und das macht mir einfach Kummer, weil unsere Schule gerade in solchen Familien eine ganz wichtige Funktion eingenommen hat. Als Strukturgeber, als Beziehungspunkt, als täglicher Orientierungspunkt für die Kinder. Und all das fällt jetzt weg.

Sie machen sich gerade richtig Sorgen.

Sagen wir: Es bekümmert mich. Wir wissen doch nicht, was da los sein wird. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das nach den Osterferien alles beendet sein wird. Was wir gerade erleben, wird doch ein längerer Zeitraum sein. Und wenn man das weiterdenkt, dann habe ich Angst um meine Schüler.

Sie leben zu einem nicht unerheblichen Teil in sozial desaströsen Verhältnissen, in die im Moment niemand reinschaut und wo wir deswegen gar keine Idee davon haben, was jetzt gerade passiert.

Das ist die Situation?

Genau das ist die Situation. Das ist kein Fantasiegebilde, das ist der Eindruck, den viele Kolleginnen und Kollegen von ihren Hausbesuchen mitbringen, die wir regelmäßig durchführen. Beziehungsweise durchgeführt haben.

Und das ist auch mein Eindruck aus vielen Gesprächen, die ich bei uns an der Schule mit vielen Familien geführt habe. Gefühlt waren das bisher bis zu 100 Elterngespräche in der Woche. Und es gibt noch weitere Dinge, die mir Kopfschmerzen machen.

Was noch?

Wir haben in diesem Jahr, also im Zeitraum nach Weihnachten, sechs Inobhutnahmen durch das Jugendamt gehabt. Das heißt, Kinder sind zu uns gekommen und haben uns gesagt: Ich halte es zuhause nicht mehr aus.

Oder wir selber hatten eine Vermutung von Kindswohlgefährdung. Sechs Fälle hört sich vielleicht nach nicht so viel an, aber überlegen Sie, was das im Einzelfall bedeutet. Das sind Kinder in größter Not, in jedem einzelnen Fall verbirgt sich dahinter eine ganz dramatische Geschichte.

Dann haben wir, auch in diesem Jahr, eine angestiegene Zahl von Zuweisungen zu kinder- und jugendpsychiatrischen Krankenhäusern nach Paragraph 54.4, Schulgesetz.

Erklären Sie das bitte.

Kinder gefährden sich selbst, wenn sie sich selbst verletzten, sich zum Beispiel ritzen. Oder wenn sie Selbstmordabsichten äußern. Das ist die Dimension Selbstgefährdung. Das andere sind Kinder, die durch unglaublich aggressives und destruktives Verhalten auffallen. Das ist die Dimension der Fremdgefährdung.

Oft kommt beides zusammen. Und von diesen Fällen hatten wir zuletzt mehr. Ohne jetzt Zugriff auf meine genauen Daten zu haben: Das waren 15 bis 20 Fälle.



Das hört sich so an, als sei die aktuelle Situation für viele ihrer Kinder ein Desaster.
Das ist es. Ja. Das ist es, wenn ich jetzt an ein Kind denke, das gerade auf der Suche nach seiner geschlechtlichen Identität ist. Und das von zuhause immer nur Druck und Verachtung erfährt. Das grenzt an psychische Zerstörung.

Oder jetzt, unmittelbar vor der Schließung, haben wir dafür gesorgt, dass ein Kind, das sich geritzt hatte, in eine Klinik gekommen ist. Im Hintergrund eine hochtraumatisierte Familie, in der die Mutter aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen zu Gewalt neigt und in der ein unglaubliches Maß an Anpassung erzwungen wird.

Manchmal möchte ich über so etwas gar nicht nachdenken und muss mich dann selber distanzieren. Andernfalls würde es mich bekloppt machen.

Was kann jetzt getan werden? Jugendämter, Familienhelfer, solche Personen werden nur in äußerst dringenden Fällen in Familien hereingehen.

Ich kann Ihnen das nicht beantworten. Ich kann ja jetzt schlecht sagen: Macht die Schulen wieder auf.

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Wäre es ein Ansatz, zu sagen: Achtet nicht nur darauf, dass die Menschen in der Nachbarschaft genug Lebensmittel haben. Achtet auch auf Auffälligkeiten, auf Zeichen von Gewalt in eurer Umgebung.

Ich weiß jetzt nicht, wo Sie wohnen. Vermutlich würden Sie hellhörig werden, wenn Sie Geschrei hören. Laute Streitigkeiten, Türen schlagen, Menschen, die rausrennen. Aber wenn solche Dinge das normale Maß sind und mein Umfeld, in dem ich lebe, sich so verhält und das als die Norm betrachtet, dann kann ich dafür keine Sensibilität erreichen, da kann ich noch so viele Appelle losschicken.

Wissen Sie, bedauerlich ist, dass das alles gerade jetzt passiert. In der jüngeren Vergangenheit gab es eine intensivere Zusammenarbeit mit dem Jugendamt – sehr zum Wohle aller Beteiligten, vor allem der Kinder.

Was machen Ihre Sozialarbeiter?

Die sind auf Standby im Homeoffice. Aber Schulsozialarbeit ist Kontaktarbeit und das geht nur eingeschränkt im Homeoffice. Die besonders schweren Fälle, von denen die Kollegen wissen, werden sie telefonisch abfragen. Aber die Basis der Arbeit der Kollegen ist der direkte Kontakt, das Gespräch von Angesicht zu Angesicht und das sich daraus ergebende Vertrauen.

Einen Anker im Logo hat die Hauptschule am Hafen. Das ist ein stimmiges Symbol, denn eine der wichtigsten Aufgaben der Schule ist es, Struktur zu geben. Das kann sie im Moment nicht mehr.

Einen Anker im Logo hat die Hauptschule am Hafen. Das ist ein stimmiges Symbol, denn eine der wichtigsten Aufgaben der Schule ist es, Struktur zu geben. Das kann sie im Moment nicht mehr. © Stephan Schuetze


Können Sie die Schülerinnen und Schüler eigentlich anschreiben und erfragen, wie es ihnen geht?

Theoretisch schon. Praktisch stellen sich mehrere Fragen: Wo landet die Post? Kann sie gelesen und decodiert werden? Und: Kann darauf geantwortet werden. Und wird das geschehen?

An dem Punkt bin ich Realist genug. Denn 50 Prozent dieser Briefe werden gar nicht ankommen. Entweder sind sie unzustellbar oder sie wandern in den Mülleimer. Anders gesagt: Die Rücklaufquote wäre extrem gering.

Was bedeutet die Schließung Ihrer Schule über einen längeren Zeitraum, mutmaßlich über Ostern hinaus?

Ich glaube, wenn wir irgendwann wieder anfangen, Ende Mai oder so, dann werden die Kinder zu uns zurückkommen und sich darauf freuen, dass die Schule wieder anfängt. Vielleicht werden neue Traumata ausgelöst sein. Aber sie werden wiederkommen und wir werden uns damit beschäftigen müssen, was die Kinder für Erfahrungen gemacht haben.

Wenn der Betrieb wieder los geht, werden wir nicht sagen können: Jetzt müssen wir die Rechenpäckchen alle nachholen, die liegengeblieben sind. Dann müssen wir erst einmal etwas anderes machen.

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