Angst und Skepsis statt Freude bei vielen Dortmunder Gastronomen

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Eigentlich sollte Montag ein Tag der Freude sein für Dortmunder Wirte: Nach sieben Wochen durften sie erstmals wieder öffnen. Doch das Regelwerk erdrückt sie. Einer spricht gar von Angst.

Lütgendortmund, Mengede, Huckarde

, 12.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Viele Gastwirte haben auf diesen Tag lange gewartet: Sieben Wochen mussten sie aufgrund des Coronavirus geschlossen hatten. Nun, am 11. Mai, konnten sie ihre Cafés und Restaurants, Biergärten und Kneipen wieder öffnen. Aber ungebremste Euphorie ist kaum zu spüren bei unseren Telefonaten mit den Dortmunder Gastronomen. Einige sprechen sogar von Angst.

Zunächst müssen sie und die Gäste viele Regeln einhalten:

  • Der Gast muss beim Betreten Maske tragen.
  • Beim Betreten müssen sich die Gäste die Hände waschen bzw. desinfizieren.
  • Kundenkontaktdaten sind zu notieren.
  • Tische sind mit einem Abstand von mindestens 1,50 Metern zu positionieren.
  • Gänge müssen eine Durchgangsbreite mit Abstand einhalten.
  • Gebrauchsgegenstände (Salzstreuer etc.) dürfen nicht offen auf den Tischen stehen.
  • Speisen sind nur als Tellergerichte zulässig: Büfett verboten.
  • Kontaktflächen sind nach jedem Gästewechsel zu reinigen und zu desinfizieren.
  • Gebrauchte Textilien (z.B. Tischdecken) müssen bei jedem Gästewechsel gewechselt werden.
  • Beschäftigte müssen Mund-Nase-Bedeckung tragen.
  • Sanitärräume benötigen Händedesinfektionsmittel, Flüssigseife und Einmalhandtücher und sind mindestens zwei Mal am Tag zu reinigen.
  • Beim Toilettenbesuch muss der Gast Maske tragen.
  • Verhaltensregeln sind durch Hinweisschilder und Aushänge bekanntzugeben.

Da fragt man sich schon: Wie soll der Besuch in einem gastronomischen Betrieb dem Gast da ein Gefühl von Wohlfühlen und Freude vermitteln?

Café täglich: „Stimmung auf null“

Toni Neziri vom Café täglich in Huckarde. Er ist skeptisch und sagt, er habe Angst, weil er nicht genau weiß, ob er alle Regeln einhält - und ob die Gäste unter diesen Bedingungen Lust haben, sein Lokal zu besuchen.

Toni Neziri vom Café täglich in Huckarde. Er ist skeptisch und sagt, er habe Angst, weil er nicht genau weiß, ob er alle Regeln einhält - und ob die Gäste unter diesen Bedingungen Lust haben, sein Lokal zu besuchen. © Cafe täglich

„Stimmungslage? Ganz ehrlich, die ist auf null“, sagt Toni Neziri vom Café täglich in Huckarde mit seinen nun 30 statt sonst 80 Plätzen. Seit 20 Jahren arbeitet er in der Gastronomie, seit zwölf Jahren in Huckarde - aber das: Das hat er noch nie erlebt. Eigentlich, erzählt er am Montagnachmittag am Telefon, hätte er sich auf diesen Tag gefreut.

Und jetzt? „Es gibt so viele Auflagen, so viel Papierkram auszufüllen, die ganzen Regeln: Das erfüllt die Menschen doch mehr mit Angst, als dass sie sich freuen“, klagt Neziri. Am ersten Tag habe er recht wenige Gäste gehabt. Sein Gefühl: Die Vorschriften schrecken die Leute ab. „Erst haben sie alle gesagt, sie kämen und freuen sich. Aber jetzt kommt kaum jemand. In die Gaststätte geht man doch, um sich wohl zu fühlen. Jetzt kommt man mit Maske, muss mit Maske auf die Toilette, nimmt die Maske dann wieder ab … Nicht schön!“, so Neziri. „Da holt man sich doch lieber zwei Bier und bleibt zu Hause.“

Abstand halten schön und gut, findet er. „Aber man sollte uns Mut geben, nicht Angst machen. Seit heute habe ich Angst, ob ich alles richtig mache. Ich habe drei meiner Kollegen angerufen, die haben mir genau das gleiche gesagt. Man hätte lieber noch zwei Wochen warten sollen“, findet Toni Neziri. Er habe mehr Kopfschmerzen als gestern.

Alte Post: „Gelohnt hat es sich nicht“

Bianca Tix aus der Gaststätte Alte Post in Lütgendortmund. Sie hofft auf die Markttage, aber optimistisch ist sie nicht nach sieben Wochen verordneter Schließung.

Bianca Tix aus der Gaststätte Alte Post in Lütgendortmund. Sie hofft auf die Markttage, aber optimistisch ist sie nicht nach sieben Wochen verordneter Schließung. © Carolin West

Bianca Tix von der Gaststätte Alte Post in Lütgendortmund hat sich eine Probewoche verordnet: „Wir haben wieder geöffnet, aber es ist schon sehr mager“, sagt sie am Montagnachmittag. „Die Angestellten sind in Kurzarbeit. Ich muss diese Woche abwarten, ob ich überhaupt auf lasse.“ Sie habe extra am eigentlichen Ruhetag Montag für ihre Stammgäste geöffnet. „Gelohnt hat es sich aber nicht“, sagt sie.

Auf die Markttage Mittwoch und Samstag setze sie ihre Hoffnung. Die will sie vor einem ersten Fazit noch abwarten. Aber die Alte Post ohne den nun abgesperrten Tresen? „Ich habe Gott sei Dank drei Räume, wo ich den Abstand zwischen den Tischen halten kann“, sagt Tix, die seit fünf Jahren die Alte Post betreibt. „Aber die Leute können sich nicht so gut unterhalten, sie sitzen auseinander und fragen sich auch: Was soll das so?“

Sie habe sogar schon ans Aufhören gedacht in den vergangenen sieben Wochen. „Aber ich muss erst noch Bilanz ziehen und kann ja glücklicherweise jedes Jahr kündigen“, sagt Bianca Tix. „Wenn es so weiter geht, sehe ich die Felle davon schwimmen.“

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Hopfen und Salz: „Die Maßnahmen erdrücken uns!“

Gastronom Antonio Link vor dem „Hopfen und Salz“ in Lütgendortmund. Wird er die Saison trotz der Corona-Krise noch retten können? Die Auflagen, sagt der Gastwirt, wären schon erdrückend.

Gastronom Antonio Link vor dem „Hopfen und Salz“ in Lütgendortmund. Wird er die Saison trotz der Corona-Krise noch retten können? Die Auflagen, sagt der Gastwirt, wären schon erdrückend. © (A) Dieter Menne

Das Hopfen und Salz im Lütgendortmunder Volksgarten hat ganz andere Voraussetzungen. Viel Platz, Hunderte Sitzplätze drinnen und draußen. Aber Geschäftsführer Antonio Link hat Mitleid mit Kolleginnen wir Bianca Tix: „Es ist schwer für uns alle, aber vor allem die kleinen Betriebe verlieren an Menge und haben richtig Existenzängste. Die tun mir sehr leid. Da muss dringend Hilfe her.“

Zu seinem Geschäft: „Wir haben Donnerstag ein Fünf-Stunden-Meeting mit unseren Leuten gehabt, um die Hygiene-Maßnahmen zu erklären. Wir haben für 3500 Euro Hygiene- und Schutzbedarf gekauft. Ganz ehrlich: Die Maßnahmen erdrücken uns! Wir können Hygiene, aber so geht auch Gemütlichkeit verloren. Wir wissen nicht, wie sich das Ausgehverhalten der Leute verändert.“

Man könne seine Kosten nicht einfach wie die Gästeplätze um 50 Prozent reduzieren. Und dann diese Datenerfassung für die Gäste: „Ich kann das komplett nachvollziehen, aber wo ist der Unterschied bei uns und Ikea oder der Metro? Die Leute haben bei denen eine größere Verweildauer als bei uns. Man kann teilweise nur den Kopf schütteln.“

Er machte mit seinem Team aus 500 Plätzen im Biergarten 200: Die Bierbänke bauten sie ab, nun gibt es noch Vierertische und ein paar größere für die nun genehmigten bis zu zwei Haushalte. Drinnen sind es etwa 100 weitere.

Man sei vorsichtig abwartend, sagt Link. Auch bei dieser Frage: „Was ist eigentlich, wenn der Gast seine Daten nicht hinterlässt? Dann darf ich ihn nicht hereinlassen oder muss ihn rauswerfen?“

Bodelschwingher Hof: „Wir müssen mal abwarten“

Im Bodelschwingher Hof hat seit mehr als 20 Jahren Pepe Madunic das Sagen. Und so wie an diesem Montag, sagt er, habe er sich noch nie gefühlt. „Ein paar Tische sind reserviert, aber es ist noch recht ruhig“, sagt er. „Wenn wir sonst drei Wochen geschlossen hatten, wegen Urlaub, dann war am ersten Tag danach der Laden voll.“ Diesmal nicht.

Die Vorbereitungen seien kompliziert gewesen, man habe kaum gewusst, was genau die Auflagen sind, die seit Montag gelten. „Wir haben einen Saal, einen Wintergarten, wir haben also viel Platz. Aber vielleicht haben wir auch zu große Abstände, das ist schwer zu verstehen in den Regularien. 1,50 Meter vom Tisch zum Tisch? Was ist mit den Stühlen?“

So komme er auf bestimmt 60 Prozent weniger Plätze. „Aber vielleicht ändert sich das auch noch in den nächsten Tagen.“ Man habe keinen Brief bekommen - und „der eine schreibt so, der andere so. Ich denke immer vorsichtig. Wir müssen mal eine Woche abwarten“, so Pepe Madunic.

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