Anwohner: „Wäre da was hochgegangen, stünde hier kein Haus mehr“

mlzSprengstroff-Funde

Den vierten Tag in Folge haben Spezialkräfte die Wohnung eines Mannes in Dortmund durchsucht. Der 68-Jährige hortete Waffen und Sprengstoff. Nachbarn sind besorgt und wundern sich, den Mann nicht zu kennen.

Lütgendortmund

, 12.09.2020, 19:52 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Ja, hört das denn noch mal auf“, ruft Verena Büter ihren Nachbarn in der Volksgartenstraße zu und deutet auf die Absperrungen vor ihr. Sie sagt es nicht böse, auch nicht genervt. Mehr verwundert. Wenigstens habe sie ihr Auto schon außerhalb geparkt, setzt sie hinterher. Büter kommt mit ihren zwei kleinen Söhnen am Samstagnachmittag vom Spielplatz gelaufen – und wieder ist der Weg zu ihrem Zuhause abgeriegelt.

Denn wieder untersuchen Spezialeinsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr die Wohnung und die Garage eines 68-jährigen Mannes. In den Tagen zuvor haben sie schon viel Gefährliches zu Tage gefördert: Waffen, Waffenteile, chemische, noch nicht näher bekannte Substanzen. Am Mittwoch stießen sie auf eine Weltkriegs-Mine, an den Tagen danach noch auf kiloweise TNT. Die letzten drei Abende wurden TNT und Mine kontrolliert gesprengt.

Am Mittwochabend war es lange laut

Verena Büter wohnt mit ihrer Familie nur zwei Häuser von der Wohnung des Mannes entfernt. „Direkt in der heißen Zone“, wie sie sagt. Trotzdem: Richtige Angst habe sie bisher nicht empfunden. Polizei und Feuerwehr hätten ganze Arbeit geleistet, die Anwohner zu beruhigen. Mittwochabend allerdings, da sei es „sehr lange sehr laut“ gewesen. „Da haben wir uns schon gefragt, was ist, wenn jetzt was passiert“, sagt die zweifache Mama.

Rettungswagen, Polizei und Feuerwehr samt Spezialcontainern: An der Volksgartenstraße sind die Einsatzkräfte seit vier Tagen mit einem Großaufgebot vor Ort.

Rettungswagen, Polizei und Feuerwehr samt Spezialcontainern: An der Volksgartenstraße sind die Einsatzkräfte seit vier Tagen mit einem Großaufgebot vor Ort. © Natascha Jaschinski

Reinhard und Ursula Möller, die Nachbarn, die Büter angesprochen hat, haben das durchdacht und sind sich sicher: „Wenn da was hochgegangen wäre, wäre das bis zu uns gegangen, dann stünde hier kein Haus mehr“, sagt Reinhard Möller.

Was fast so unfassbar erscheint wie die Funde in dem Haus: Seit zwölf Jahren wohnen Möllers in der Volksgartenstraße. Aber gesehen haben sie den 68-Jährigen noch nie, sagen sie. Und auch Verena Büter hat kein Bild vor Augen. Andere Nachbarn ebenso nicht.

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Wieder Waffen und Munition gefunden

Wie ein Phantom erscheint der 68-Jährige. Aber er ist real. Der Mann kam zunächst in Gewahrsam, ist aber mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Es habe keine rechtlichen Voraussetzungen mehr dafür gegeben, ihn länger festzuhalten, teilte die Polizei Freitagnachmittag mit.

In seine Wohnung zurück darf er nicht: Sie ist noch beschlagnahmt und auch am vierten Tag sind die Einsatzkräfte wieder fündig geworden. „Geringe Mengen an Waffen, Waffenteile und Munition wurden sichergestellt“, wie Polizeisprecher Torsten Sziesze sagt. Zu sprengen sei aber aller Voraussicht nach am Samstag nichts.

Polizei: Wir dürfen nichts übersehen

„Wir sind heute gut vorangekommen“, sagt Sziesze. Wann die Durchsuchungen abgeschlossen sind, sei aber noch unklar. „Das ist alles sehr sensibel“, erklärt er. Was bisher gefunden wurde, war gefährlich. Räume mit solchen Substanzen und Waffen zu durchsuchen, dauere viel länger, als wenn man Diebesgut suche. Alles müsse vorsichtig und ganz genau umgedreht werden. Anwohner und Einsatzkräfte dürften nicht gefährdet werden. Und schließlich dürfe nichts übersehen werden.

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Vor dem Haus steht daher auch ein Überseecontainer, in den laut Polizei beispielsweise Möbel geräumt werden, um Platz für die Durchsuchung zu machen. Alles gefährliche wandert dann nach draußen, wo es in speziellen Containern unter die Lupe genommen wird.

Wohnung wird rund um die Uhr überwacht

Damit niemand unbefugt die Wohnung betritt, wird sie laut Polizei rund um die Uhr bewacht. „Das bereitet einem schon Kopfzerbrechen“, sagt Ursula Möller. Man denke darüber nach, ob der Mann vielleicht noch mal auftaucht, um in seine Wohnung zu kommen.

Was den 68-Jährigen bewegt haben könnte, Waffen, Minen und Sprengstoff zu horten, ob es terroristische Hintergründe geben könnte, dazu äußert sich die Polizei bisher nicht. Mit dem üblichen Verweis auf laufende Ermittlungen. Aber eines sagt Sprecher Sziesze auf Nachfrage noch: 35 Jahre sei er jetzt bei der Polizei, aber dieser Einsatz „ist schon besonders“.

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