Die erste Grippeschutzimpfung in einer westfälisch-lippischen Apotheke führte der Aplerbecker Apotheker Michael Beckmann bei Irina Schessler durch. Mit dabei waren die beiden Initiatoren des Projektes: AOK-Chef Tom Ackermann (hinten links) und AVWL-Vorstand Thomas Rochell (hinten rechts). © AOK/hfr
Gesundheit

Apotheker in Dortmund impfen gegen Grippe – aber nicht jeden

Manche Versicherte können sich in Dortmund jetzt auch in Apotheken gegen Grippe impfen lassen. Wegen Corona, so wird gesagt, sei der Grippeschutz besonders wichtig. Es gibt aber auch Kritik.

Die 36-jährige Irina Schessler war am Freitagmorgen (24.9.) die erste, die sich in einer Dortmunder Apotheke gegen Grippe hat impfen lassen. Mit dem Piks in ihren Oberarm, den Michael Beckmann in seiner Markt-Apotheke an der Wittbräucker Straße 2 in Aplerbeck vornahm, startete die AOK-Nordwest ein Modellprojekt für die Region Westfalen-Lippe.

Ab Oktober, so der Aufruf, können sich alle über 18 Jahre alten AOK-Versicherten in mehreren Apotheken im Stadtgebiet eine Grippeschutzimpfung geben lassen. Wie viele das neben der Markt-Apotheke von Michael Beckmann sein werden, steht noch nicht fest. Mindestens werden es wohl 35 sein – und die werden vom Apothekerverband Westfalen-Lippe (AVWL) in den nächsten Wochen bekannt gegeben.

Fest steht aber für die AOK Nordwest und den Apothekerverband, dass ein solch niederschwelliges Impfangebot wichtig ist. „Bislang liegt die Impfquote in Deutschland bei den über 60-Jährigen bei etwa 35 Prozent; laut Weltgesundheitsorganisation sollten es aber 75 Prozent sein“, sagt Thomas Rochell, Vorstandsvorsitzender des AVWL.

Impfangebot in Apotheken für „arztferne Kunden“

Für Apotheker Michael Beckmann ist das Impfen eine neue Aufgabe, der er sich aber gerne stellt – und für die er sich hat schulen lassen. „Wir wollen in den Apotheken vor Ort einen niederschwelligen Zugang – auch in Randzeiten – für arztferne Kunden anbieten, die vielleicht nur selten den Weg in eine Praxis finden und sich bislang nicht haben impfen lassen.“

Thomas Rochell, Vorstandsvorsitzender des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe (AVWL), freut sich über das Modellprojekt „Grippeimpfung in der Apotheke“. Er hofft, dass es dazu beiträgt die Impfquote zu erhöhen. Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) bekommen Apotheker 12,71 Euro pro Grippeimpfung. © dpa © dpa

Bevor er für Irina Schessler den Impfstoff holte, führte er mit ihr erst ein Aufklärungsgespräch. Er fragte zum Beispiel danach, ob sie Allergien habe, eine OP anstehe, blutverdünnende Arzneimittel eingenommen werden oder eine Corona-Impfung in den vergangenen zwei Wochen erfolgt sei.

Diese Fragen werden er und seine weiteren teilnehmenden Apotheker-Kollegen und Kolleginnen – und nur die! – künftig allen Impfinteressierten stellen.

Irina Schessler, die sich bis dato nie gegen Grippe impfen ließ, sagte nach dem Piks: „Die Corona-Pandemie hat mich für das Thema Prävention sensibilisiert. Das Risiko, dass im Winter Covid- und Grippewelle aufeinandertreffen, ist mir zu hoch – für mich persönlich wie auch für das Gesundheitssystem. Als Mutter trage ich zudem Verantwortung für meine kleine Tochter. Das Impfangebot in der Apotheke ist für mich unkompliziert und bequem erreichbar.“

Kassenärztliche Vereinigung hält das Projekt für „blauäugig“

Kritik kommt von den Ärzte-Vertretern. Die Kassenärztliche Vereinigung (KVWL) sieht das Modellprojekt der AOK Nordwest gar nicht gern. „Die Idee, durch ein niederschwelliges Impfangebot in der Apotheke um die Ecke eine höhere Impfquote bei den Grippeimpfungen zu erzielen, halte ich für blauäugig. Wir müssen den Patientinnen und Patienten das größtmögliche Maß an Sicherheit, Beratung und Professionalität bieten, um eine noch größere Durchimpfungsquote zu erreichen, und das geht ganz klar nur in den Strukturen der ambulanten ärztlichen Versorgung“, sagt Dr. Volker Schrage vom Vorstand der KVWL.

Thomas Rochell und Tom Ackermann, der Vorstandsvorsitzende der AOK-Nordwest, halten dem entgegen, dass man den Willen des Gesetzgebers umsetze, der solche Modellprojekte mit dem im vergangenen Jahr in Kraft getretenen Masernschutzgesetz möglich gemacht habe.

Verweis auf gute Erfahrungen in anderen Ländern

„Wir freuen uns“, sagt Tom Ackermann, „dass wir unseren rund 95.000 Versicherten in Dortmund und allen anderen in Westfalen-Lippe eine zusätzliche Möglichkeit bieten können, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Damit verbessern wir die medizinische Versorgung unserer Versicherten.“

Tom Ackermann, Chef der AOK Nordwest, sieht in dem Modellvorhaben „eine Verbesserung der medizinischen Versorgung unserer Versicherten“. In Dortmund hat die AOK rund 95.000 Versicherte. © AOK Nordwest/Schulzki © AOK Nordwest/Schulzki

Erfahrungen anderer europäischer Staaten wie Frankreich, Irland, Norwegen, Schweiz und Großbritannien hätten ergeben, dass sich die Impfquote durch eine Beteiligung der Apotheker deutlich steigern lasse, so Thomas Rochell.

Gerade weil die Menschen durch die Corona-Hygienemaßnahmen in den vergangenen Monaten kaum einer Virenlast ausgesetzt gewesen seien, sei der Körper jetzt anfälliger. „Es wäre fatal“, sagt Thomas Rochell, „wenn nun beide Wellen – Coronaviren und Grippeviren – aufeinander treffen. Ich möchte mir nicht ausmalen, was das mit unserem Gesundheitssystem macht.“

Modellprojekt der AOK Nordwest

Liste der Apotheken bald online

  • Zur Modellregion, in der im Herbst Grippeschutzimpfungen in Apotheken angeboten werden können, gehören die Stadt Dortmund, der gesamte Regierungsbezirk Detmold, der Kreis Olpe, der Märkische Kreis sowie der Hochsauerlandkreis.
  • Rund 700 Apothekerinnen und Apotheker werden sich laut AOK Nordwest in den nächsten drei Jahren – so lange läuft das Modellprojekt – in dieser Region beteiligen. Die Teilnahme ist freiwillig.
  • Welche Apotheken in Dortmund mitmachen steht noch nicht fest. Eine Liste der teilnehmenden Apotheken soll demnächst auf www.apothekerverband.de veröffentlicht werden.
  • Die Apotheken können AOK-Versicherte über 18 Jahren impfen.
  • Eine Impfung in der Apotheke ist nicht möglich, darauf wird hingewiesen, bei einer akuten Infektion, Fieber, Überempfindlichkeit gegen einen Bestandteil des Impfstoffs, bei geplanten operativen Eingriffen in den kommenden drei Tagen, einer Behandlung von Störungen der Blutgerinnung sowie in der Schwangerschaft. Eine Impfung mit einem Corona-Impfstoff sollte, so die derzeitige Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko), mindestens zwei Wochen zurück liegen.
Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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