Seit fast 40 Jahren im selben Betrieb in Dortmund: Matthias Schaaf. Die Frage nach der Zukunft lässt auch ihn die Stirn runzeln. © Didi Stahlschmidt
Aussterbender Beruf

Aus von Just Music – Mitarbeiter berichtet, wie sein Traum zerplatzte

Just Music in Dortmund schließt. Übrig bleiben die Mitarbeiter. Die leben ihren Beruf. Eine von ihnen berichtet, was das Aus für ihn bedeutet und wie es nun weitergehen soll.

„Es ist bis heute mein Traumjob. Und wie eine Familie für mich“, sagt Matthias Schaaf. Und das Glitzern in den Augen unterstreicht dies. Der 57-Jährige arbeitet seit 1983 bei Musik Jellinghaus, das 2013 zu Just Music wurde – bis Ende März 2021, dann schließt auch Just Music in Dorstfeld. Wie bei vielen seiner Kollegen ist auch bei ihm der Job Leidenschaft und Teil seiner Kultur, seines Lebens. „Mein Großvater war Musikpädagoge, und schon meine Eltern haben bei Jellinghaus gekauft“, so Schaaf.

Musik und Musikinstrumente begleiten den gebürtigen Dortmunder bereits sein Leben lang. Seine Eltern waren Musiklehrer und er stand bereits mit zwölf Jahren bei Jellinghaus staunend vor der Fensterscheibe. Eine Liebe, die ein Leben lang anhält und ihn mit vielen seiner Musikfachhändler-Kollegen verbindet. Allerdings stirbt dieser Berufszweig nach und nach aus.

Diese Ausbildung ist eine ganz besondere

Die Ausbildung zum Musikalienhändler gibt es seit 1954. 2009 wurde die Berufsbezeichnung in Musikfachhändler geändert. Der Tätigkeitsbereich umfasst neben Kundenberatung oder Beschaffung der Ware auch Pflege und kleinere Reparaturen von Instrumenten. Die Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre, wobei Notenkenntnisse sowie das Spielen eines Instruments vorausgesetzt werden.

Der Musikalienhändler bzw. Musikfachhändler gehört zu den Einzelhandelskaufleuten, wobei Musikgeschichte oder Instrumenten-, Noten- und Verlagskunde dazu gehören. Mit dem Satz „Musik und alles, was dazugehört” wird die Ausbildung zum Musikfachhändler oft zusammengefasst.

„Wenn du Mädels wolltest, dann mit der Gitarre“

So auch bei Matthias Schaaf, der seit 41 Jahren Gitarrist der Band „Cheep Tequilla” ist. Nicht ganz unwichtig für seinen Job. „Ich habe eine hohe Akzeptanz bei den Kunden, weil ich Musiker bin“, hält er fest und erklärt, dass die Musik das verbindende Element in der Branche sei.

Ein Arbeitsplatz, von dem Gitarristen nur träumen können … © Didi Stahlschmidt © Didi Stahlschmidt

Nach einem Semester Musik und Geschichte entschied er sich 1983 für ein Praktikum bei Musik Jellinghaus und schloss direkt die Ausbildung als Musikalienfachhändler an. „Es war noch eine Ausbildung der alten Schule, also Instrumentenpflege und abends den Papierkorb rausbringen. Heute hat sich das geändert“, schmunzelt Schaaf und ergänzt lachend „Wenn du aber damals etwas von den Mädels wolltest, dann entweder mit dem Moped oder der Gitarre“.

Onlinehandel macht die Branche kaputt

Insgesamt gehört er nun seit über 37 Jahren dem Betrieb an, davon 20 Jahre Filialleitung in Dorstfeld. Und natürlich habe sich die Ausbildung seitdem verändert. Hard- und Software wie auch Werkzeuge sind andere, doch die Instrumente bleiben unverändert. Dennoch scheint die Ausbildung als Musikfachhändler heute nicht mehr gefragt zu sein. „Ich glaube, dass jungen Menschen sich heute nicht mehr für den Handel begeistern können“, so Schaaf. Handel wird heutzutage als Onlinehandel wahrgenommen und selber genutzt, anders als der Servicegedanke, der beim Instrumentenhandel eine wichtige Rolle spielt.

Was sich allerdings nicht geändert hat und sehr wichtig für den Job ist, ist das musikalische Netzwerk, das man als Arbeitskollege wie auch als Musiker aufbaut. „Es gibt viele Kunden, die mich seit über 30 Jahren begleiten. Und bei den Kollegen ist dies genauso“, erklärt Schaaf als Fachberater für E-Gitarren. Doch dies reicht nicht mehr. Der zunehmende Onlinehandel hat nach und nach das Grab für diesen Berufszweig ausgehoben. Einzige Ausnahme und für viele einer der Gründe, warum der Einzelhandel nach und nach gegen das Onlinegeschäfts verliert, ist das „Musikhaus Thomann“. Mit seinem Onlineshop, den er 1996 gründete, ist er mittlerweile der umsatzstärkste Musikhändler weltweit.

Fast keine Chance auf einen Job

„Es ist heute fast unmöglich einen Job in meiner Branche zu finden. Und das hat nichts mit dem Alter zu tun“, hält Schaaf fest. Früher gab es in jedem Dorf ein Musikgeschäft und heute ist der nächste Mitbewerber mit Vollsortiment in Brilon im Hochsauerlandkreis. Zudem hat sich auch der Umgang mit Musik und ihren haptischen Bezügen verändert. Neben dem Onlinehandel sind es MP3s oder Spottify, die einen anderen Zugang zum sonst emotionalen Medium Musik bringen. Zudem muss man seiner Meinung nach der Musik weiterhin das Elitäre nehmen. Mal eben ein Schlagzeug für den Sohn oder ein Saxofon für die Tochter zu kaufen ist nun mal kostspielig.

Dunkle Wolken liegen über der gesamten Branche und wenn kein Wunder geschieht, sieht der Parkplatz in Dorstfeld ab April immer so leer aus. © Didi Stahlschmidt © Didi Stahlschmidt

Zumal mit dem Wegfall der Musikfachhändler nicht nur ein Wirtschaftszweig wegbricht, sondern auch ein Stück Kulturgut – denn ein Musikhändler ist auch immer ein Treffpunkt der Musiker, zum Austausch und vielem mehr. “Das ist hier sehr familiär und ich werde es vermissen”, so Schaaf. Wenn Just Music Ende März schließt, werde auch die Familie hier wegfallen. „Der große Wunsch ist es, hier im Laden in Dorstfeld weiter zu machen.“

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Freier Mitarbeiter
Seit Februar 2007 bin ich als freier Redakteur mit der Kolumne "quer gehört" für die Bereiche Musik/ Nightlife/ Kultur/ Creativ Industries bei den Ruhr Nachrichten aktiv. Parallel arbeite ich als freier Journalist für verschiedene Magazine, Gastronomie-Führer, als freier Fotograf und als Autor und Werbe-Texter.
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