Die Stadt baut am Ostwall für das Projekt Radwall. Auch DEW21 und Do-Netz arbeiten in dem Gebiet. © Lukas Wittland
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Baustellen-Ärger am Wall: „Absoluter Horror für Geschäfte“

Die Baustellen an Ost- und Schwanenwall belasten die Gewerbetreibenden. Sie kritisieren die Situation und die Kommunikation der Stadt. Die verteidigt sich gegen die Vorwürfe.

Wütend hat Andreas Wilhelm vor gut einer Woche die Reißleine gezogen und die Schließung des Traditionsunternehmens Modehaus Wilhelm angekündigt. Die Baustellen vor dem 102 Jahre alten Geschäft am Ostwall waren schließlich zu viel. „Ich habe keine Lust mehr“, sagt Wilhelm.

Ähnlich geht es momentan etlichen Gewerbetreibenden am Ostwall. Zunächst traf sie Corona, dann noch die Baustellen, die aus dem Ostwall und den umliegenden Straßen ein rot-weißes Baken-Labyrinth gemacht haben. Fragt man die anliegenden Händler, sind viele genervt. Sie kritisieren vor allem, dass an so vielen Stellen gleichzeitig gebaut wird.

Am Ost- und Schwanenwall treibt die Stadt Dortmund aktuell den Umbau zum Radwall voran. An zwei Bauabschnitten wird dort seit dem 29. März gearbeitet.

Außerdem verlegt DEW21 seit Beginn des Jahres Fernwärmeleitungen an Ost- und Schwanenwall. Bis November sollen die Arbeiten hier abgeschlossen sein. Zudem erneuert Donetz aktuell an zwei Teilstücken Leitungen. Auch in den umliegenden Straßen finden sich Baustellen.

Gewerbetreibende kritisieren die Kommunikation mit der Stadt

Für die Gewerbetreibenden ist das problematisch – nach zehrenden Lockdowns in der Corona-Pandemie kommen die Baustellen zur Unzeit. „Diejenigen, die bei uns mal reinschauen, sind meist Stammkunden“, sagt Michael Teumer vom Antiquitäten-Geschäft am Schwanenwall. „Sie finden weit und breit keine Parkmöglichkeiten mehr.“

Das bemängelt auch Anne Schatz von der zwei Geschäfte weiterliegenden Goldschmiede „Schmück dich“. Auch zu ihr kommen fast nur noch Stammkunden. Die würden sie regelmäßig fragen, was da eigentlich vor der Tür los sei und vor allem: Wie lange noch?

Schatz ist dahingehend auch ratlos: „Wir als Geschäft haben keine Informationen darüber, wie der Fahrplan für die Baustelle vor unserer Tür ist. Die Stadt tut gerade nichts für die ansässigen Geschäfte. Die Kommunikation lässt zu wünschen übrig.“

Diese Meinung teilen auch andere der ansässigen Gewerbetreibenden, mit denen diese Redaktion für diesen Artikel gesprochen hat. Es sei schwierig für sie, die Stadt zu erreichen, um ihre Beschwerden zu äußern, sagen sechs von sieben.

„Ich empfinde das als Protesthupen“

Und auch Anwohnerinnen wie Leyla Volkmer, die am Schwanenwall wohnt, kritisieren die Stadt: „Der Verkehr staut sich, die Leute hupen. Ich empfinde das als Protesthupen. Es kommt aber nur bei uns Anwohnern an. Die Stadt scheint sich aber schon länger nicht mehr zu interessieren.“

Die Stadt weist darauf hin, Anwohnern und Gewerbetreiben auf mehreren Wegen informiert und Informationen zur Verfügung gestellt zu haben. So seien Flyer zu Beginn der Bauphasen eingeworfen worden. In diesen seien telefonische oder persönliche Kontaktmöglichkeiten zum Baustellenbüro aufgeführt gewesen. Auch in den Medien, auf dortmund.de und den sozialen Medien sei informiert worden.

„Bisher gab es übrigens kaum Beschwerden beim Tiefbauamt zur Radwall-Baustelle“, teilt die Stadt mit.

Die Beschwerden erreichen aber Nguyen Phu, Inhaber des „Lemongrass“, über seine Restaurantgäste. Sie stören sich an Lärm, Dreck und fehlenden Parkplätzen. Sein Mittagsgeschäft sei um 50 Prozent eingebrochen.

Kommunikation mit der Stadt? „Fehlanzeige“

Fragt man ihn nach der Kommunikation mit der Stadt, sagt er nur: „Fehlanzeige.“ Es gebe höchstens Schriftverkehr: „Wenn ich anrufe, komme ich meist nicht dran.“

Er müsse erst mal damit leben, habe es geheißen, als er doch mal bei der Stadt durchgekommen sei. „Wie lange?“, fragte Phu. Das wisse man auch nicht genau, lautete seinen Angaben nach die Antwort.

Das Ziel des Tiefbauamtes sei es, dass der Ostwall-Abschnitt des Radwalls zwischen Arndtstraße und Brüderweg in etwa drei Wochen baulich fertig ist, teilt die Stadt auf Anfrage unserer Redaktion mit. Der gesamte Umbau am Schwanen- und Ostwall zum Radwall soll bis Herbst 2022 abgeschlossen sein. Verzögerungen bei den Arbeiten waren durch Funde und Sondierungen von Bombenblindgängern entstanden.

Außerdem wurden archäologische Funde gemacht, weshalb die Bauarbeiten gestoppt werden mussten. Und: Weil es mehrere aufeinander folgende Corona-Ansteckungen beim beauftragten Bauunternehmen gegeben habe, sei es wegen der Quarantäne-Regeln zu einem Baustopp von insgesamt sieben Wochen gekommen, heißt es von der Stadt.

Teilweise sei die Verzögerung durch mehr Arbeitsaufwand aber wieder aufgeholt worden.

„Willkommen in unserer Baustellen-Idylle“

Der Stillstand ist den Anliegern durchaus aufgefalen: Die Gewerbetreibenden berichten davon, dass auf den Baustellen häufiger die Arbeit brach gelegen habe. „Heute machen die Bauarbeiter mal etwas mit einem Rohr, dann werden später irgendwelche Steine verlegt“, erzählt Anne Schatz. Zwischendurch passiere: nichts. „Willkommen in unserer Baustellen-Idylle.“

Sie würde sich ein zielführendes Management wünschen, sagt Schatz. „Man kann Menschen nur in eine Innenstadt locken, die auch erreichbar ist. Hier werde viel aufgemacht, aber nicht zu Ende gedacht.“

Die Stadt widerspricht dem Vorwurf, planlos an die Baustellen am Wall herangegangen zu sein: „In diesem Fall wurden die Arbeiten an der DEW21-Fernwärmeleitung bewusst mit der Radwallbaustelle kombiniert und koordiniert, damit Zeit eingespart werden konnte.“ Bei einzelner Durchführung hätte man insgesamt noch längere Sperrzeiten gehabt, heißt es.

Termindruck bei den Fernwärmeleitungen

In die Terminierung der Baustellen würden auch andere Aspekte mit einfließen, heißt es von DEW21 auf Anfrage dieser Redaktion zu deren Baustellen: Im September 2022 werde das alte Kraftwerk an der Weißenburger Straße abgeschaltet. Bis dahin müsse das in die Jahre gekommene Dampfnetz durch ein modernes Heißwassernetz ersetzt werden. Außerdem werde zwischen Mai und Oktober weniger geheizt, weshalb man sich für diesen Zeitraum entschieden habe.

Für den Cityring als Vertreter der Händler in der Innenstadt ist die Situation an Ost- und Schwanenwall nicht verständlich: „Die Stadt hat ja eigentlich Baustellenkoordinatoren eingestellt, damit es zu solchen Situationen nicht mehr kommt“, sagt Tobias Heitmann, Vorsitzender des Cityrings. „In diesem Fall scheint mir, als habe das nicht wirklich geklappt.“

Cityring-Vorsitzender Tobias Heitmann spricht mit Blick auf die Baustellen am Wall von einer
Cityring-Vorsitzender Tobias Heitmann spricht mit Blick auf die Baustellen am Wall von einer „Katastrophe“ für die Gewerbetreibenden. © Stephan Schuetze (A) © Stephan Schuetze (A)

In der Vergangenheit sei die Kommunikation der Stadt schon nicht ideal gewesen, etwa an der Saarlandstraße, als dort kurz hintereinander Baustellen eingerichtet worden seien. „Keiner wusste, wie es da läuft“, sagt Heitmann. „Aber auch wenn man weiß, dass die Baustellen kommen, sind die Einschränkungen natürlich da. Die Situation ist für den Ostwall nach dem Lockdown natürlich eine Katastrophe.“

Das schwäche den Standort am Ende des Ostenhellwegs zusätzlich. Dadurch konzentriere sich noch mehr auf die innere City. „Wir brauchen nicht noch mehr Dönerläden und Euro-Shops, davon haben wir genug“, sagt Heitmann.

IHK-Geschäftsführer sieht Dilemma-Situtation

Ulf Wollrath, IHK-Geschäftsführer für den Bereich Handel, Dienstleistungen und Existenzgründungen, stimmt Heitmann zu. „Das ist eine dramatische Situation nach dem Lockdown – ein absoluter Horror für Gewerbetreibende.“

IHK-Geschäftsführer Ulf Wollrath sieht bei den Baustellen am Wall eine Dilemma-Situation. (Archivbild)
Ulf Wollrath, IHK-Geschäftsführer für den Bereich Handel, Dienstleistungen und Existenzgründungen, sieht bei den Baustellen am Wall eine Dilemma-Situation. © Silvia Kriens (A) © Silvia Kriens (A)

Er sieht allerdings eine Dilemma-Situation. „Der Radwall ist als Ratsbeschluss im Zuge der ,Emissionfreien Innenstadt‘ von der Stadt umzusetzen.“

Wollrath stelle das Projekt an sich auch nicht infrage, sagt er. Und: „Ich kann den Frust der Händler verstehen, ich habe aber auch keine Lösung. Der Klimaschutz ist das wichtigste Zukunftsthema.“

Er nehme die Stadt als bemüht wahr, Informationen zur Verfügung zu stellen, sagt Wollrath. Die IHK sei bereit, noch mal an die Stadt heranzutreten und zwischen ihr und den Händlern zu vermitteln. „Der direkte Dialog vor Ort hilft da meist am besten“, glaubt Wollrath.

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland

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