Bergmänner hinter Regentropfen: Die Geschichte eines ausgezeichneten Fotos

mlzFotos vom Bergbau

Mit ihrem Bergleute-Foto sind die Dortmunderin Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss unter den 20 Besten des renommierten Leo-Fritz-Gruber-Preises. Hier erzählen sie, wie das Foto entstand.

Dortmund

, 18.02.2019, 18:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss sind renommierte Fotografen. Zu ihrer Aufnahme in die diesjährige Auswahl der 20 besten Fotos des L.-Fritz-Gruber-Preises sagen sie: „Fritz Gruber war ein maßgeblicher Entwickler der Fotografie. Deswegen ist das eine große Ehre für uns, und wir sind sehr froh darüber.“

Wie ein sehr gutes Foto entsteht und was dabei im Kopf des Fotografierenden vorgeht, lässt sich nicht im Detail erklären. Die Fähigkeit, den Moment zum Auslösen zu erkennen, hängt zu sehr mit Erfahrung und Gespür zusammen.

Das ist es ja gerade, was viele meisterhafte Fotos so eindrucksvoll macht: Sie zeigen einen besonderen Moment, der flüchtig war und ohne den Fotografen vielleicht völlig unbemerkt geblieben wären, und verewigen ihn, so dass wir ihn zeitlos, außerhalb seiner Flüchtigkeit, wahrnehmen können.

Ein Foto und seine Geschichte: „Wir wollten noch mal echte Bergleute sehen“

Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss haben uns die Geschichte hinter ihrem Foto erzählt.

„Der Strukturwandel ist bei mir in der Seele eingebrannt“, schreibt Eva-Maria Horstick in der Mail, mit der sie uns die Fotos schickt. „Bin schon in den 90er Jahren dazu unterwegs gewesen.“ Sie fotografierte vor und auf den Werksgeländen, als dort noch gefördert und verarbeitet wurde. Sie dokumentierte die Verwandlung von Phoenix-West in einen See und die Transformation der Kokerei Hansa in eine Art Abenteuerspielplatz für Erwachsene.

Bergmänner hinter Regentropfen: Die Geschichte eines ausgezeichneten Fotos

Ein weiteres Foto aus der Serie „Kumpel“ von Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss. © Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss

„Sönke und ich haben recherchiert“, erzählt Eva-Maria Horstick über die Entstehung des Fotos. „Wir wollten wissen, wo und wann die letzte Zeche schließt: 21. Dezember in Bottrop, Zeche Prosper Haniel. Da wollten wir hin. Wir wollten noch mal echte Bergleute sehen.

Wir wussten aber nicht, wo genau die sind, weil es diverse Plätze gibt in Bottrop, die zu Prosper Haniel gehören. Also sind wir durch die Gegend gefahren, zweieinhalb Stunden lang. Ich wollte unbedingt mit ihnen reden.

Bergmänner hinter Regentropfen: Die Geschichte eines ausgezeichneten Fotos

Ein weiteres Foto aus der Serie „Kumpel“ von Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss. © Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss

Irgendwann standen wir mit dem Auto da im Nieselregen und haben gefroren und überlegt, wo wir jetzt weiter suchen sollen. Dann habe ich in 500 Meter Entfernung eine Bewegung gesehen: Männer, die in einen Bus steigen. Der Bus kam in unsere Richtung.

Ich hab meine Kamera genommen und mich auf die Straße gestellt und gewunken, bis der Bus angehalten hat. Ich habe den Busfahrer gefragt, ob wir reinkönnen und mit den Anwesenden reden. Der Fahrer hat die Bergleute gefragt und die sagten: ,Klar, sollen rein kommen!‘

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Ein weiteres Foto aus der Serie „Kumpel“ von Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss. © Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss

Wir waren etwa eine halbe Stunde im Bus und haben mit den Menschen geredet. Der Busfahrer hat solange gewartet. Die Bergleute kamen gerade aus der Erde, von ihrer letzten Schicht, und waren auf dem Weg zur Kaue, wo Bergleute sich umziehen.

Einige waren total sauer wegen der offiziellen Abschiedsfeier am gleichen Tag mit Politikern und anderen wichtigen Leuten. Sie sagten: ,Die, die es angeht, sind nicht dabei – bis auf wenige Ausnahmen.‘ Aber was uns interessierte, war nicht die Party, sondern die letzte Schicht.

Die Bergleute waren super freundlich, echt total dufte. Einer sagte, er wird nicht auf der Straße landen, aber was er demnächst tun wird, weiß er noch nicht.“

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Ein weiteres Foto aus der Serie „Kumpel“ von Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss. © Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss

Sönke C. Weiss erzählt: „Man hat gemerkt, dass diese Männer richtig stolz sind auf das, was sie tun. Darauf, dass sie Bergleute sind. Einer sagte, er wisse nicht, was komme. Aber ich hatte das eindeutige Gefühl: Diese Typen geben niemals auf. Die gehen daran nicht kaputt.

‚Das Leben geht weiter‘, haben sie gesagt. Sie kamen mir so charakterstark vor, absolut authentisch, mit einer unerschütterlichen, positiven Grundhaltung.“

Bergmänner hinter Regentropfen: Die Geschichte eines ausgezeichneten Fotos

Ein weiteres Foto aus der Serie „Kumpel“ von Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss. © Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss

Eva-Maria Horstick: „Meine Empfindung war ein bisschen anders. Die Männer haben es nicht gesagt, aber bei der Energie, die von manchen von ihnen rüberkam, dachte ich: Die haben sich damit abgefunden. Bei anderen habe ich Melancholie gespürt. Einer sagte: ‚Ich bin müde, ich will nach Hause zu meiner Frau.‘

Ich dagegen hätte noch fünf Stunden mit ihnen weiterreden können. Wir beide hatten Kameras dabei und haben fotografiert. Am Ende wollte ich unbedingt noch von draußen fotografieren.

Es regnete immer noch. Ich stand auf der Straße, ringsum das weitläufige Gelände der Zeche mit ihren vielen verschiedenen Gebäuden, ganz in der Nähe der Schlagbaum und der Pförtner, kein blauer Himmel, arschkalt – ich frier sowieso dauernd – und wir haben von außen durchs Fenster fotografiert.

Bergmänner hinter Regentropfen: Die Geschichte eines ausgezeichneten Fotos

Ein weiteres Foto aus der Serie „Kumpel“ von Eva-Maria Hosrtick und Sönke C. Weiss (Ausschnitt). © Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss

Wer von uns das Foto gemacht hat, kann ich nicht sagen. Sönke und ich arbeiten immer wieder mal gemeinsam, wenn ein Thema uns beide interessiert, und dann fotografieren wir zusammen und werten hinterher die Speicherkarten aus. Da achten wir nicht drauf, wer welches Foto gemacht hat. Deswegen stehen unter diesem und den anderen Fotos unserer beider Namen.“

„Sie haben das Vermögen, einen Moment so festzuhalten, dass die Betrachter ihn fühlen können“

Das Niveau ist hoch beim Gruber-Preis. Das zeigt ein Blick in die diesjährige Auswahl. Hier die Fotostrecke mit den 20 besten eingereichten Fotos:

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Die 20 besten Fotos des Fritz-Gruber-Preises

"Netzwerk(e)" lautet das Thema des L.-Fritz-Gruber-Preises 2018/19. Vom Preiskomitee heißt es dazu: "Der Begriff „Netzwerk“ füllt sich für viele seit Entstehung der globalen Kommunikation via digitalen Verknüpfungssystemen vorwiegend mit der Vernetzung von Menschen in den sogenannten „sozialen“ Netzwerken wie Twitter, Instagram, Facebook, u.ä.. Netzwerkverbindungen sind Strukturen, die Lebensformen, Wissenschaften, Mechaniken, Organisationen zugrunde liegen – Adern, Rhizome, Graphen, Leitungen, Drähte, Familien, Nachbarschaften, Cliquen (Posses), Unternehmen, Vereine, Interessen, Distributionen, Institutionen, Universitäten, …" Wir zeigen mit freundlicher Genehmigung der Uni Köln die Auswahl der 20 besten Beiträge.
18.02.2019
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Mit diesem Foto namens "Fokus! Sich verbunden fühlen" gewann Marcus Schmid den ersten Preis.© Marcus Schmid
Gregor Kaluza nennt seine Aufnahme "Restaurant METEO". Damit gewann er den 2. Platz.© Gregor Kaluza
Mit dem Foto "Luftmyzel" gewann Tabea Kirchner den 3. Platz. Das Bild zeigt einen Teil eines Pilzes.© Tabea Kirchner
Titel: "Netzwerke im Auge des Betrachters".© Benedikt Senden
"Anywhere and Kitchen" heißt dieses Bild. Catherin Schöberl schreibt dazu: "Während des Auslandaufenthaltes meines Freundes wurden gemeinsame Video-Anrufe zu einem prägenden Bestandteil unserer Beziehung."© Catherin Schöberl
"Verkehrt" nennt Eberhard Weible diese Straßenszene aus Neu Delhi.© Eberhard Weible
"Rauchst du?" heißt dieses Foto. Die Fotografin schreibt dazu: "Seit diesem Semester studiere ich an der Kunsthochschule Kassel. Immer wieder begegnet mir die Frage: Rauchst du? Wollen wir eine rauchen? Und schnell steht man zusammen draußen, unterhält sich und die erste persönliche Begegnung hat stattgefunden."© Elisabeth Nachtigall
"To root / wurzeln" nennt Felicia Aparicio dieses Foto. © Felicia Aparicio
"Global Transitions" nennt Jakob Sponholz sein Bild. Für dieses Bild hat er mehrere Aufnahmen kombiniert.© Jakob Sponholz
"Omaha Cimetiere" nennt Jürgen Wassmuth sein Foto aus der Serie "Momente für die Ewigkeit".© Jürgen Wassmuth
"Do you see us" heißt dieses Bild von Lara Schäffer.© Lara Schäffer
"(Grenzen)Lose Verflechtungen" nennt Leonie John diesen Blick vom Stephansdom auf Wien hinab.© Leonie John
"Unter Uns" nennt Ole Freier sein Foto.© Ole Freier
"Servicio Publique" heißt dieses Foto von Rut Himmelsbach.© Rut Himmelsbach
Ruth Gilberger nennt diese Fotografie "Bateson II". Sie zeigt einen Ausschnitt aus der Zeichnung "Batesons Lover".© Ruth Gilberger
Au der Serie "Kumpel": Das Foto von Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss.© Sönke C Weiss, Eva-M. Horstick
"Köln HBF" von Sylva Koch-Muecke.© Sylva Koch-Muecke
"Zwischenräume" von Volker Tobian.© Volker Tobian
"Ohne Titel" heißt dieses Foto von Wolfgang Lüttgens.© Wolfgang Lüttgens
"Brut 2.0" nennt Zoe Haupts ihr Foto von netzartig verwobenen Betonstreben.© Zoe Haupts
Schlagworte Unterhaltung, Service

„Eva-Maria Horstick und Sönke C. Weiss sind brillante Fotografen“, sagt Ingrid Roscheck. Für die Uni Köln organisiert Roscheck den diesjährigen Gruber-Preis. „Sie sind technisch brillant, und sie haben das Vermögen, eine Szene auf den Punkt zu bringen. Einen Moment so festzuhalten, dass die Betrachter ihn fühlen können."

Bergmänner hinter Regentropfen: Die Geschichte eines ausgezeichneten Fotos

Die Fotografin Eva-Maria Horstick. © Eva-Maria Horstick

100 Beiträge sind laut Roscheck in diesem Jahr eingereicht worden. „Sie alle sind unglaublich hochkarätig.“ Manche bestehen aus einem Bild, andere aus einer Serie, wie auch der Beitrag von Horstick und Weiss. In einer Vorauswahl wurde aus allen Serien je ein Bild ausgewählt und der Jury als hochwertiger DINA4-Ausdruck vorgelegt.

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Der Fotograf Sönke C. Weiss. © Eva-Maria Horstick

Die Jury des Preises besteht aus rund zehn Fachleuten, darunter auch Renate Gruber, die Witwe von Leo Fritz Gruber, und Heidi Helmhold, Professorin für Ästhetische Theorie und Praxis an der Uni Köln.

Bedingungen für die Teilnahme gibt es nicht, teilnehmen kann jeder. Inhaltlich ist nur der Oberbegriff vorgegeben: In diesem Jahr lautete er „Netzwerke“.

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