Stadtbeschreiberin zum BVB-Haus: "Meine Berliner Wohnung ist schöner."

mlzJudith Kuckart

Die Autorin Judith Kuckart wohnt seit sieben Wochen in der Nordstadt. Als "Stadtbeschreiberin" soll sie hier vor allem eines tun: schreiben. Wie viel Dortmund steckt in ihren neuesten Werken?

von Daniel Reiners

Dortmund

, 24.09.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

"Wie, sie bestellen nur so einen öden Filterkaffe?" Judith Kuckart lässt sich vor dem Interview lieber eine feine Kaffee-Spezialität kredenzen. Am Außentisch eines Cafés nahe der Kampstraße erzählt die Berliner Autorin anschließend von den vergangenen sieben Wochen ihres Lebens, die sie aus beruflichen Gründen in Dortmund verbracht hat - viel Zeit davon in einer besonderen Wohnung in der Nordstadt.

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Judith Kuckart lebt eigentlich in Berlin, ist Autorin von 16 Romanen und 13 Theaterstücken, wurde bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und gilt bei manchen Kritikern als eine der profiliertesten deutschen Autorinnen ihrer Generation.

Im Februar hatte Kuckart das Autorencasting der Stadt Dortmund für die ausgeschriebene Stelle der "Stadtbeschreiberin" für sich entscheiden können. Gesucht hatte die Stadt einen Autor, der für eine Zeit lang in eine Dortmunder Wohnung zieht, in Dortmund lebt und die Eindrücke in die literarische Arbeit einfließen lässt. Daneben sollten noch eine ganze Reihe Verpflichtungen innerhalb der lokalen Literaturszene eine Rolle spielen. So weit die Theorie.

"Literatur kann man nicht erzwingen"

"Es war schwer, meinem Vermieter erst einmal klar zu machen, wofür ich denn überhaupt einen Schreibtisch in meiner Wohnung benötige", sagt Kuckart. Mittlerweile gehe sie ihrer Arbeit an einem Tisch in der Küche nach.

Ohnehin seien für sie feste Strukturen in der Arbeit eher hinderlich, wenngleich nötig. "Mit der Literatur verhält es sich anders als sagen wir mit dem Journalismus", so Kuckart. "Ich habe selbst kaum einen Einfluss darauf, was sich in mir abspielt und letztlich auf der Seite landet." Daher tue sie sich auch schwer mit der städtischen Anforderung, innerhalb einer bestimmten Zeit etwas vorbestimmt literarisches abliefern zu sollen.

Mit ihrer Tätigkeit als Dortmunds Stadtbeschreiberin verbänden nun viele Menschen die Hoffnung, dass möglichst viel "Dortmund" in ihre Arbeit einfließe. Und am liebsten, dass die Stadt dabei auch noch schön wegkäme. "Diesen Wunsch kann ich als Autorin in der Form leider nicht in Erfüllung bringen", so Kuckart.

Keinen besonderen Bezug zum BVB

"Was ich sagen kann, ist, dass ich es in meiner Heimatstadt Berlin doch schöner finde". Das beginne bei der Wohnung, die ihr die Stadt zur Verfügung gestellt hat. Bei ihrem Wohnhaus handelt es sich um das BVB-Gründungsgebäude in der Nähe des Borsigplatzes.

Als Fan des Vereines hatte sie zuletzt das Spiel vom letzten Samstag live im Stadion verfolgt. "Neben dem Spiel konnte man beobachten, dass die Fans sich wirklich gut an die Vorschriften gehalten hatten, anders als manche Funktionäre. Da war von Masken oder Abständen meist keine Spur. Die sind ja auch reich, brauchen sich wohl nicht an die Regeln zu halten.", sagt Kuckart.

Was ihre "berühmte" Wohnung, der Bezirk in dem sie wohnt, und eigentlich die ganze Stadt gemein hätten, sei eine Atmosphäre, an die man sich erst einmal gewöhnen müsse. Da sich aber alles immer im Strukturwandel befände, könne man ohnehin nur schwer eine objektiv Gültige Aussage über eine ganze Stadt treffen.

Neuer Roman mit Figur aus Hörde

Aktuell arbeitet Kuckart an ihrem neusten Roman, der den Titel "Die Unsichtbaren" tragen soll. Die Autorin hat es sich allerdings angewöhnt, während sie noch in der Schaffensphase steckt, nicht über Inhalte zu sprechen; dies könne den Schreibfluss sonst negativ beeinflussen. Nur so viel sei gesagt, es wird eine Roman-Figur aus Hörde stammen und eine tragende Rolle spielen. Damit wäre also ein erstes Stückchen Dortmund literarisch untergebracht.

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Kuckart selbst hat in ihrer Kindheit eine Zeit lang in Hörde gelebt, viele ihrer Familienmitglieder ebenso. Diese Zeit beschreibt sie gerne als eine "Fahrradfahrt ohne Sattel" - immer weiter zu strampeln und sich bloß nicht hinzusetzen. Insgesamt sei die Zeit hart, aber durchaus eine Lektion fürs Leben gewesen.

Um ihre Hörder-Erinnerungen literarisch aufzubereiten, hatte Kuckart sich an ein Erzähltheater-Stück gewagt, und dieses vor kurzem fertiggestellt. Protagonisten des Stückes sind drei verstorbene Frauen aus Hörde, allesamt Tanten Kuckarts.

Keine flanierende Poetin

Durch literarische Figuren sollen hier Kuckarts Erlebnisse und Erinnerungen vorgetragen und ineinander verwoben werden. Genauere Angaben kann Kuckart vor der geplanten Premiere aber noch nicht machen. Zur Recherche hatte die Autorin ein Dutzend Menschen in Hörde interviewt. Die Gemeinsamkeit: Sie alle leben, lebten oder werden leben in Hörde.

Neben der Arbeit verbringt die Autorin gerne Zeit in diversen Dortmunder Cafes, am liebsten im Chancen Kaffee oder im Grünen Salon. Aber nicht, und das ist ihr wichtig, weil sie "Autorin" sei und sich das für "Autoren" so gehöre, sondern einfach nur, weil sie gerne Kaffee trinke.

Aber auch darüber hinaus werde die Autorin das Bild einer flanierenden Poetin, die durch die Gassen schreitet und den Geist Dortmunds zwischen ihre Buchstaben mit-einflechtet, nicht erfüllen können. Sie tue hier schlicht ihre Arbeit, mit Deadline, Disziplin, und allem, was eben dazu gehöre.

Dieser Bericht wurde am 25.9. korrigiert. Judith Kuckart bezeichnet sich entgegen der vorherigen Darstellung als Fan des BVB.

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