Der Angeklagte will lediglich die Abholerin nach Dorstfeld gefahren haben. © Martin von Braunschweig
Prozess um Polizeitrick

Betrogene Seniorin aus Dortmund: „Wie konnte ich mich so dämlich benehmen?“

Angerufen, abgezockt und ausgenommen: Eine 86-jährige Dorstfelderin ist Opfer des sogenannten Polizeitricks geworden. Vor Gericht sagte sie, der finanzielle Verlust sei nicht mal das Schlimmste.

Im Prozess gegen einen 30-jährigen, bereits einschlägig vorbestraften Mann aus Hannover hat das Landgericht am Dienstag die zweite Zeugin vernommen. Nachdem bereits am ersten Verhandlungstag eine Rentnerin aus Rheine ihre Erfahrungen mit der Bande falscher Polizisten geschildert hatte, war nun die 86-Jährige aus Dorstfeld an der Reihe.

Netter Mann am Telefon

Die Seniorin erinnert sich noch genau, wie am Nachmittag des 17. Januar 2019 plötzlich ihr Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung sei ein „sehr netter, sehr verbindlicher Mann“ gewesen, der sie habe warnen wollen.

„Er erzählte mir, dass in der Nachbarschaft eingebrochen worden war, und dass die Bande jetzt wohl auch meine Wohnung ins Visier genommen habe“, sagte die Zeugin den Richtern. Sie habe sich zwar erst über diesen „Service“ der Polizei gewundert. Später seien diese Zweifel jedoch verflogen.

Stundenlanges Gespräch

Stundenlang muss der falsche Polizist an diesem Tag mit der heute 86-Jährigen gesprochen haben. Dabei habe der Mann gewusst, dass sie über ein gut gefülltes Bankschließfach verfüge und sie gedrängt, die Wertsachen abzuholen, um sie der Polizei zur Verwahrung zu überlassen.

Tatsächlich fuhr die Rentnerin bis zum nächsten Mittag zweimal mit dem Taxi zur Bank und holte zunächst 70.000 Euro in bar und dann auch noch große Teile ihres Schmucks ab.

Schmuck war sehr wertvoll

Auf die Frage, ob die Ringe und Uhren einen Wert von 50.000 Euro gehabt hätten, schüttelte die Zeugin nur müde den Kopf. „Da kommen sie lange nicht mit hin“, sagte sie leise. Ihr Vater sei Uhrmacher-Meister gewesen und habe ihr einige wirklich teure Stücke hinterlassen.

Tatsache ist, dass Geld und Schmuck bis heute verschwunden sind. Die „Polizei“ schickte damals eine junge Frau, die alles in Dorstfeld abholte. Und die Seniorin? Die realisierte erst später, dass sie reingelegt worden war. „Im Nachhinein schüttele ich mit dem Kopf über mich selbst. Wie konnte ich mich so dämlich benehmen?“

Prozess wird fortgesetzt

Ihrer Familie sagte die heute 86-Jährige deshalb auch lange Zeit nichts von den verschwundenen Wertgegenständen und dem Geld. „Das ist ja eigentlich das Schlimmste“, erklärte sie den Richtern. „Ich habe mich so geschämt.“

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, an dieser Tat als Mittäter beteiligt gewesen zu sein. Der 30-Jährige hat in einer von seinem Verteidiger abgegebenen Erklärung allerdings lediglich eingeräumt, die Abholerin zum Tatort gefahren zu haben.

Der Prozess wird daher noch fortgesetzt.

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