Surrealer Sitzungssaal: Politik erinnert an Science-Fiction-Film

mlzPolitik in Coronazeiten

Surreal und bedrückend – und am Ende ein Happy End? Redakteur Jörg Bauerfeld erlebte eine politische Sitzung mit Zollstöcken, Desinfektionsmitteln, wenig Luft – aber echten Beschlüssen.

Aplerbeck

, 10.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Den Film werden viele kennen: „Outbreak – Lautlose Killer“ mit Dustin Hoffmann. Ärzte suchen hier ein Gegenmittel gegen ein gefährliches Virus, um seine Verbreitung zu verhindern. Menschen laufen in Vollschutz über die Straße, Masken werden getragen, ganze Städte abgeschottet.

1995 ist der Film in Deutschland zum ersten Mal gelaufen und irgendwie habe ich mich an ihn erinnert, als ich die Sitzung der Bezirksvertretung Aplerbeck besucht habe.

Abstand halten mit Zollstock in der Tasche

Wir schreiben das Jahr 2020. Es ist Anfang Mai. Wegen der Corona-Pandemie wurde der Sitzungsort der Bezirksvertretung gewechselt. Nicht im kleinen, gemütlichen Saal des Amtshauses tagen die Politiker, sondern im PZ des Gymnasiums an der Schweizer Allee.

Abstand muss gehalten werden. Im Amtshaus geht das nicht, am Gymnasium schon. Zur Sicherheit hat der stellvertretende Verwaltungsstellenleiter Friedhelm Borgstädt sogar einen Zollstock in der Tasche.

Ohne Maske und Anmeldung kommt hier niemand rein.

Ohne Maske und Anmeldung kommt hier niemand rein. © Jörg Bauerfeld

Jetzt sitzen die 11 BV-Mitglieder also in der Schule. Weit auseinander und mit Masken über Mund und Nase. Schilder vor dem Raum zeigen, was hier geht und was nicht. Ohne Maske kein Zutritt, mit schon – und Hände desinfizieren.

Der große Spender steht direkt am Eingang. Ellbogen auf den Hebel und das Zeug läuft auf die Hand. Ist das geregelt, gibt’s einen Zettel. Eine Teilnahmebestätigung. Man weiß ja nie, ob jemand das Virus mitgebracht hat.

Die Plätze werden zugewiesen, die Masken noch einmal zurechtgerückt - nur an der Seite anfassen. Und los geht die erste BV-Sitzung mit Vermummungspflicht. Pünktlich um 15 Uhr.

Desinfektionsmittelspender und Anleitung.

Desinfektionsmittelspender und Anleitung. © Jörg Bauerfeld

Es ist komisch mit so einer Gesichtsmaske. Ich habe immer das Gefühl, die Nase juckt. Der Kuli dient mehr als „Kratzstock“ als als Schreibgerät. Auch die BV-Mitglieder, deren Zahl aufgrund von Risikogruppen auf 11 beschränkt worden ist, fühlen sich mit Mundschutz nicht so frei wie sonst.

Kaum Diskussionen

Wortbeiträge gibt es wenige, Diskussionen noch weniger. Die Hand geht oft Richtung Gesicht. Ist das Gummi zu eng? Sitzt noch alles, wie es soll? Aber es werden trotzdem Beschlüsse gefasst wie in normalen Zeiten. Dass diesmal die Tagesordnung nicht so viel hergibt – geschenkt.

Die große Weite in Corona-Zeiten.

Die große Weite in Corona-Zeiten. © Jörg Bauerfeld

Ich bin froh, als die Sitzung vorbei ist und ich an der frischen Luft die Maske wieder abnehmen kann. Die blöde Nase hörte auch sofort auf zu jucken. Tja, man wird sich dran gewöhnen müssen – an Abstand, Maske und Desinfektionsmittel.

Am Ende wird die Welt gerettet

Aber da gibt‘s was, an das ich mich nicht gewöhnen werde. Und eigentlich auch nicht möchte: die fehlende Mimik. Verzieht da jemand angewidert den Mund oder grinst er sich einen? Keine Ahnung.

Ach ja, noch mal zum Film Outbreak. Der hat ein Happy End. Es wird ein Antiserum entdeckt und die Welt ist gerettet – geht doch.

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