Blindgänger bleiben in NRW wohl noch für viele weitere Jahre ein Thema

Kampfmittelräumung

Die Entschärfung von vermutlich vier Blindgängern legt am Sonntag die Dortmunder Innenstadt lahm. Warum auch so lange nach Kriegsende in NRW noch viel zu tun ist, erklärt ein Experte.

Dortmund

10.01.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Blindgänger bleiben in NRW wohl noch für viele weitere Jahre ein Thema

Nahe der Dortmunder City liegen möglicherweise an vier Verdachtspunkten Blindgänger. Am Sonntag (12. Januar) sollen die Weltkriegsbomben entschärft werden. © picture alliance/dpa

Am Wochenende rücken gleich mehrere Trupps des Kampfmittelräumdienstes aus, um an vier Stellen in der Dortmunder Innenstadt mögliche Blindgänger unschädlich zu machen. Solch große Aktionen und unzählige kleinere finden in NRW jedoch regelmäßig und zuletzt sogar häufiger statt.

Die gefühlte Routine dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gefahr real bleibt, wie Klaus Bekemeier, Hauptdezernent bei der Bezirksregierung Arnsberg und Fachmann für Kampfmittelräumung, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erklärt.

Zur Person

Klaus Bekemeier leitet bei der zuständigen Bezirksregierung das Dezernat für Katastrophenschutz und Gefahrenabwehr und ist damit Experte für Kampfmittelräumung in Westfalen.

Was antworten Sie dem genervten Anwohner, der wegen der Blindgänger-Einsätze sein Haus verlassen muss oder dem Pendler, dessen Zug umgeleitet wird, wenn er sie fragt, ob der ganze Aufwand wirklich nötig ist?

Die Bombe liegt zwar seit über 70 Jahren im Boden, sie bleibt aber eine tickende Bombe, die, wenn sie in Bewegung gesetzt wird, ihre zerstörerische Kraft voll entfalten kann. Der Sprengstoff TNT ist voll intakt. Befinden Sie sich beispielsweise bei der Explosion einer 250-Kilo-Bombe in weniger als 250 Metern Entfernung, müssen Sie damit rechnen, dass Sie getötet oder schwer verletzt werden können.

Allein in den ersten drei Quartalen 2019 wurden in NRW 1760 Bomben gefunden, im gesamten Jahr 2018 waren es sogar 2811. Müsste nicht - fast 75 Jahre nach Kriegsende - bald mal Schluss sein?

In ferner Zukunft wird das mal sein. Nordrhein-Westfalen hat etwa die Hälfte der Bombenlast mitbekommen, die über das damalige Deutsche Reich gefallen ist. Wir gehen davon aus, dass wir etwa zwei bis fünf Prozent Blindgänger haben. Das würde bedeuten, dass wir bis heute vielleicht ein Fünftel oder ein Sechstel dieser Blindgängerlast aus dem Boden entfernt haben. Wir werden da wohl auf Jahre noch tätig sein müssen.

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Die Statistik zeigt auch, dass in den letzten Jahren die Zahl der Funde nochmal kräftig angezogen hat. Wird mehr gesucht?

Insbesondere die Bautätigkeit aufgrund des Baubooms der letzten Jahre und die damit verbundenen Eingriffe in den Untergrund haben dazu geführt, dass wir eine sehr hohe Zahl an Funden haben. Meistens finden vorab entsprechende Untersuchungen statt. Nur knapp ein Drittel sind Zufallsfunde, bei denen Sie dann tatsächlich in der Baggerschaufel eine Bombe haben, mit der Sie nicht gerechnet haben.

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Wie sehr muss die Vorstellung beunruhigen, dass die Bomben im Boden da nun schon Jahrzehnte vor sich hinrotten?

Der Sprengstoff bleibt einsatzbereit. Das Problem sind die Zünder. Allerdings verrotten die nicht so schnell, dass wir Sorge haben müssen, dass uns in den nächsten Jahren die Bomben um die Ohren fliegen. Das sind massive Metallgegenstände. Nur auf längere Zeit gesehen, sagen wir noch mal 70 Jahre, muss man sich langsam Gedanken machen, wie man damit umgeht. Ein Problem haben wir aber jetzt schon: Die Langzeitzünder, die wir bei ein bis zwei Prozent der Blindgänger finden. Die sind vorgespannt und setzen sich nach einer bestimmten Zeit in Bewegung. Sie sind für uns unberechenbar. Im Durchschnitt kommt es einmal pro Jahr zur Explosion einer Bombe mit solchem Zünder im deutschsprachigen Raum. Das ist, gemessen an dem was wir auffinden und aufgraben sehr, sehr wenig, aber eben nicht Null. Wir werden mit einem gewissen Restrisiko leben müssen.

von dpa

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