Bob Marley in Dortmund: Rastaman Vibration am Rheinlanddamm

mlzUnvergessene Dortmunder Konzerte

In der Reihe „Unvergessene Dortmunder Konzerte“ blicken wir auf große Konzertabende der Vergangenheit zurück. In der ersten Folge: Wie Bob Marley das Leben einer ganzen Familie verändert hat.

Dortmund

, 15.11.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Etwas mehr als 40 Jahre liegt der Abend zurück, an dem Bob Marley, populärer Übervater der Reggae-Musik, mit der Band The Wailers Magie nach Dortmund brachte.

Man kann diese Magie heute noch sehen und hören: In einer WDR-Rockpalast-Aufzeichnung des Konzertes, die immer wieder mal im Fernsehen läuft und bei Youtube millionenfach abgerufen wurde und die das Konzerterlebnis unsterblich macht.

Dieses Konzert ist ein Mythos

Dennoch umgibt dieses Konzert ein Mythos. Diesen begründen die Erzählungen der Menschen, die damals mit dabei waren. Ich selbst, erst zwei Junis später auf die Welt gekommen, hatte beispielsweise einen Onkel, der von diesem Tag berichten konnte, wie von einer Heldenreise.

Sigrid und Thomas Böhm mit der Eintrittskarte für das Konzert von Bob Marley 1980.

Sigrid und Thomas Böhm mit der Eintrittskarte für das Konzert von Bob Marley 1980. © Böhm

Thomas und Sigrid Böhm (beide 61) waren ebenfalls dort, als Marley in Dortmund war. Ihnen ist die Freude anzuhören, wenn sie von dem Tag erzählen. Mit 21 erlebten die beiden etwas, das ihr Leben nachhaltig beeinflussen wird.

Wochen vorher hat Thomas Böhm nach zwei Stunden anstehen vor dem Ticketshop neben dem Plattenladen Life am Westenhellweg, für jeweils 19 D-Mark, zwei der 18.000 Tickets für die Westfalenhalle ergattert.

Es ist Freitag der 13. und es ist heiß in Dortmund

Als der Tag des Konzerts kommt, ist es heiß in Dortmund und es ist Freitag, der 13.. Zur Halle strömt eine Mischung aus Hippies, Menschen aus afrikanischen Ländern und Pop- und Rock-Fans, die Reggae gerade erst entdeckt haben. Es ist ein perfekter Tag für beschwingte Musik mit jamaikanischen Wurzeln.

Spätestens mit der Hitsingle „Could You Be Loved“ ist aus dem Untergrund-Genie aus Trench Town, Jamaika, endgültig ein Massenphänomen geworden, das auch Deutschland erreicht hat.

Die aggressive Vermarktungsstrategie hinter dem Künstler schmeckt nicht jedem Reggae-Traditionalisten. Aber sie macht die Halle voll, in der am Abend vorher noch Carlos Santana gespielt hat.

So sahen Thomas und Sigrid Böhm 1980 zum Zeitpunkt des Konzertes aus.

So sahen Thomas und Sigrid Böhm 1980 zum Zeitpunkt des Konzertes aus. © Archiv Böhm

„Marley, Marley“-Rufe - dann wird es magisch

Thomas und Sigrid Böhm stehen in der ersten Reihe. Die I-Threes, Marleys Background-Sängerinnen, eröffnen etwas überraschend den Abend. Nach drei Songs, so erinnert sich Thomas Böhm, schlägt Gitarrist Junior Marvin einen leichten Rhythmus an und animiert das Publikum zu „Marley, Marley“-Rufen.

„Als er dann herauskam war das wie eine Explosion“, sagt Thomas Böhm. Seine Frau Sigrid ergänzt: „Es war fast magisch. Das werde ich nie vergessen.“

Von der ersten Minute an ist eine außergewöhnliche Energie in der Halle. Auf dem WDR-Rockpalast-Mitschnitt des Konzertes ist zu hören, wie das Dortmunder Publikum bei ruhigen Parts von Songs durchgängig klatscht, pfeift und jubelt. „Es war die ganze Zeit ein Grundton da, ein Puls“, sagt Thomas Böhm.

Es ist eines der letzten Konzerte, die Marley spielt

Der Dortmunder DJ und Musikjournalist Uwe Meyer hat in den zurückliegenden vier Jahrzehnten Tausende Künstler live gesehen. „Unter allen Konzerten war es das Beste. Die gesamte Atmosphäre stimmte. Es hat den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen“, sagt Uwe Meyer.

Bob Marley gibt sichtbar viel Energie in diesen Abend. Was weder er und noch die Zuschauer ahnen: Es ist einer der letzten Momente, in denen er überhaupt auf einer Bühne steht.

Zum Zeitpunkt des Konzerts in Dortmund ist er schon unheilbar an Krebs erkrankt. Marley kämpft sichtlich in der Hitze der Halle, aber er lebt für das Publikum und er hat die unermüdlichen Wailers und die I-Threes als Band im Rücken.

Er lacht der Menge entgegen, geht leidend in seinen Songs auf, vollzieht kleine Sprünge auf der Bühne. Mal hängt eine Gitarre um seinen Hals, mal steht er frei am Mikrofon, die langen Dreadlocks wirbeln im Gegenlicht der Bühnen-Scheinwerfer. Zwischendurch ist er in sich gekehrt, tief in seine Songs versunken.

Mit dem „Redemption Song“ kommt Marley für die Zugabe zurück

Als das Konzert zu Ende ist und das Licht angeht, bleiben die Menschen in der Halle. Minutenlanges Klatschen, wieder „Marley, Marley“-Rufe.

Dann kommt die Band für einen weiteren Zugaben-Block zurück, eröffnet durch den „Redemption Song“. 18.000 singen mitten im Herzen Westfalens mit einem Rastafari aus Jamaika einen Song gegen mentale Unterdrückung.

Marley beginnt allein auf der Akustik-Gitarre, dann steigen die Wailers in ein furioses instrumentales Outro ein, der Frontmann hüpft entrückt über die Bühne.

Die „Uprising“-Tour läuft noch bis September 1980 weiter. Marleys Zustand verschlechtert sich danach rapide. Er stirbt am 11. Mai 1981.

Der Abend prägt den Musikgeschmack der Familie Böhm bis heute

Thomas und Sigrid Böhm sagen im Rückblick über diesen Abend: „Das hatten wir vorher noch nicht erlebt. Das war prägend. Denn es hat dazu geführt, dass wir bis heute Reggae-Fans sind und danach auf unzähligen anderen Konzerten waren. Das ist sogar auf unsere Söhne übergeschwappt“, sagt Thomas Böhm.

Die langen schwarzen Haare sind heute kurz und grau, die „wilden Zeiten“ von damals sind Vergangenheit. Thomas Böhm ist heute Leiter des Wohnungsamts der Stadt Dortmund. Was sich nicht geändert hat: Eine der besten Arten zu entspannen ist für ihn Reggae-Musik.

Die Nachgeborenen hören von der Heldenreise

Ich denke wieder an meinen Onkel und wie er von diesem Abend geschwärmt hat. Er, der Junge aus der Großfamilie in Dortmund-Schüren, in der Menge. Anfang 20-jährig, am Ende barfuß tanzend in der Hitze der Halle, in der das Kondenswasser von der Decke tropft und die Marihuana-Schwaden schwer in der Luft liegen.

Oben auf der Bühne all diese Lieder, die von Freiheit, Freude und einer anderen Welt erzählen. Hätten wir Onkel Karl nicht vor fünf Jahren zum Rhythmus eines Marley-Songs zu Grabe tragen müssen, er wäre ganz sicher ein Protagonist dieser Geschichte geworden.

Reihe

Unvergessene Dortmunder Konzerte

  • Konzerte sind auf einmal eine Sache aus der Vergangenheit. Zumindest in der Form, wie man über Jahrzehnte das Gegenüber von Künstler und Publikum definiert hat, kommen sie so schnell nicht wieder.
  • Um die Zeit bis dahin zu verkürzen, blicken wir in mehreren Artikeln deshalb zurück auf „Unvergessene Dortmunder Konzerte“, von denen die Leute heute noch reden.
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