Jedes vierte Kind im Stadtteil Nette ist bei der Einschulung zu dick: Diese Statistik hat viele Menschen in Nette erschreckt. So arbeitet die Grundschule im Ort gegen das Problem an.

Dortmund

, 25.06.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Sozialbericht der Stadt Dortmund ist der prozentuale Anteil der übergewichtigen Kinder in Dortmunder Ortsteilen erfasst (Stand 2017). Nette landet dabei mit einem Wert von 25,7 Prozent auf dem traurigen Spitzenplatz.

Beatrix Bracker, Leiterin der Schopenhauer-Grundschule an der Karl-Schurz-Straße, hat diese Zahl mit Erstaunen wahrgenommen. „Das hätten wir nicht gedacht, dass Nette da an der Spitze steht. Wenn ich mich bei uns umblicke, habe ich eigentlich einen anderen Eindruck“, sagt sie.

Aktionstag mit viel Bewegung: Schule will etwas ändern

Hinter Beatrix Bracker ist viel Bewegung auf dem Schulhof. Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Artikels zu den Übergewicht-Zahlen ist das Projekt „Fit for future“ zu Besuch, für das eine Lehrerin die Schule qualifiziert hatte. An diesem Aktionstag steht keiner der 294 „Schopis“ still. Die Kinder werfen und schießen Würfel durch die Gegend, rechnen rennend Zahlen zusammen und schreiben sie auf einen Zettel. Auf der anderen Seite endet gerade ein Sackhüpfen-Rennen unter großem Jubel, andere Schüler kommen von einem Quiz zum Thema Zucker.

An der Schopenhauer-Grundschule gibt es übergewichtige Kinder - aber nicht so viele, wie es die Statistik vermuten lässt

Es gibt hier Kinder, deren Körperfülle die Statistik bestätigt. Aber es sind weniger als 26,5 Prozent. Die Schüler strahlen Spaß an der Bewegung aus. Ganz gleich, ob das Barca-Trikot etwas spannt oder die Leggings kneift.

Dennoch deutet sich hier an, warum der Sozialbericht zu einer solch drastischen Zahl für den Stadtteil kommt. „Wir haben Kinder, die wissen nicht, welches Obst und Gemüse es gibt. Und ich habe schon erlebt, dass Schüler einen alten Hamburger als Frühstück in der Dose hatten“, sagt Schulleiterin Beatrix Bracker.

Lehrer sehen ein verändertes Konsumverhalten in Familien

Die 18 Lehrer der Schopenhauer-Grundschule stellen fest, was Kollegen von vielen Orten der Stadt berichten. Das Ess- und Konsumverhalten in Familien hat sich gewandelt. Fett- und zuckerhaltige Produkte sind schnell und günstig zu haben. Das Marketing ist auf Kinder zugeschnitten.

Hinzu kommt: In manchen Familien ist gesunde Ernährung auch aus finanziellen Gründen ein untergeordnetes Thema. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen dem sozialen Status der Eltern und dem Entwicklungsstand ihrer Kinder. An Grundschulen mit hohem Migrantenanteil wie in Nette kommen unterschiedliche Essgewohnheiten zusammen.

Burger zum Frühstück, Pizza als Snack: Grundschule in Nette kämpft gegen Übergewicht an

Kinder aus Nette in Bewegung. Rein statistisch ist hier im Nordwesten der Stadt der Anteil der übergewichtigen Kinder dortmundweit am höchsten. © Felix Guth

An der Grundschule im Nordwesten Dortmunds ist Gesundheitserziehung ein wichtiges Thema. Es gibt ausgewogenes, oft vegetarisches Mittagessen. Die Schüler können Schwimmen, Eislaufen oder Yoga machen.

Blick in die Frühstücksdose: Zu viel Weißbrot, Süßes und Fettiges

Beim Aktionstag legen die Schüler eine kurze Frühstückspause ein. Ein Drittklässler beißt in eine knackige Möhre, andere essen Obst. Sie sind Ausnahmen. Die meisten haben Weißbrot mit, häufig süß belegt. An einer Stelle öffnet eine Mutter ihrem Sohn die Dose, heraus strömt der Duft nach türkischer Pizza. Lecker, aber vielleicht ebenso wenig der richtige Snack zwischen zwei Sporteinheiten wie Toast mit Nutella oder Schokoriegel.

Die Gesundheit von Dortmunder Kindern ist eine soziale Frage. Gesundheitliche Probleme und Chancen sind über die Stadt ungleich verteilt.

„Wir erleben viele Familien in schwierigen sozialen Lagen“, sagt die Schopenhauer-Schulleiterin Beatrix Bracker. Nette ist mit solchen Sorgen nicht allein: Auch in der Nordstadt, in Eving, Huckarde und Mengede leben überdurchschnittlich viele Kinder in Armut - und haben damit ein größeres Risiko für Übergewicht.

Dortmunder Politik hat 2017 ein Gesundheitsziel beschlossen

Bereits 2017 hat der Rat ein Gesundheitsziel beschlossen: „Alle Kinder in Dortmund wachsen - auch unter schwierigen Lebensbedingungen - gesund auf.“ Deshalb wollen sich das Gesundheitsamt und andere Akteure einmischen. Das Ziel ist laut Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Renken ein „abgestimmtes und zielgerichtetes Vorgehen“: Prävention schon ab der Schwangerschaft und Begleitung über mehrere Lebensphasen sind Teil des Konzepts, das im September vorgestellt werden soll.

Der Besuch in Nette zeigt: Die Kinder im Grundschulalter hinterfragen nicht, was ihnen schmeckt. Das wäre Aufgabe der Eltern. Beim Sport-Aktionstag helfen überwiegend solche Eltern mit, die ohnehin engagiert sind und auch ein Bewusstsein für Ernährung haben.

Weiterhin groß ist aber auch die Zahl derjenigen, bei denen die Botschaft bisher noch nicht angekommen ist, dass eine ausgewogene Ernährung am Ende ihrem Kind hilft, weil sie das Risiko für Herz-/Kreislauferkrankungen, Diabetes, Krebs oder psychische Probleme verringert. „Wir machen als Schule alles, was möglich ist“, sagt Beatrix Bracker. „Aber wir können nur sensibilisieren und die Eltern nicht bevormunden.“

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