Die vergangenen Tage haben gezeigt: Das Bildungssystem ist nicht auf eine Krise wie die jetzige vorbereitet. Unser Autor meint: Wir brauchen einen kompletten Neustart mit ehrlichen Worten.

Dortmund

, 26.04.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Was war das für eine Woche in den Dortmunder Schulen. Die Öffnung nach fast sechs Wochen Unterbrechung hat Pädagogen zu Hygiene-Managern gemacht. Das hat so viel Uneinigkeit im sonst per Definition staatstreuen Schulsystem offen gelegt, wie kaum ein Thema zuvor.

An der Debatte in Dortmund zeigt sich: Von allen Teilen des Betriebssystems unserer Gesellschaft kommt die Bildung am schlechtesten durch die Corona-Krise. Obwohl die Beteiligten vor Ort in den vergangenen Tagen ihr Bestes gegeben haben.

Gesellschaft im Widerspruch zwischen Shutdown und Normalisierung

Daran zeigt sich beispielhaft der Widerspruch, in dem sich die Gesellschaft gerade zwischen Shutdown und Normalisierung bewegt.

Die Streit-Konstellation ist komplex. Schulleiter und Schulverwaltung in Dortmund und vielen anderen NRW-Städten kritisieren das Schulministerium und fühlen sich im Stich gelassen. Dazwischen steht die Bezirksregierung als Puffer.

Viele Dortmunder Lehrer lernen gerade eine andere Seite des Beamtentums kennen: Sie müssen Anweisungen ausführen, von denen sie womöglich nicht überzeugt sind. Falls sie aus Gründen, die bisher nie eine Rolle gespielt haben, zur Risikogruppe gehören, dürfen sie vorerst gar nicht mehr arbeiten.

Von der Seite rufen Eltern nach gesundheitlichem Schutz und verlässlicher Struktur bei der Betreuung ihrer Kinder. Eltern, deren Arbeitgeber gerade ebenfalls in Richtung Normalisierung streben und Leistung einfordern.

Die Schüler rufen um Hilfe - manche kündigen eine Streik an

Mitten in diesem Knäuel an Interessen rufen die Schüler um Hilfe, die berechtigterweise geltend machen, dass auch sie unter der Situation leiden. Die ersten Schritte zurück in den Schulalltag sind sie mit großer Vernunft mitgegangen. Ob das so bleibt? Zu den Prüfungsterminen im Mai haben einige Dortmunder Schüler einen Streik angekündigt.

Bis zum 30. April gibt das Ministerium den neuen Strukturen jetzt Zeit, um sie danach neu zu bewerten. Die Zeit dürfte kaum für aussagekräftige Ergebnisse reichen. Weder, was die gesundheitlichen Folgen, noch, was pädagogische Konzepte angeht.

Es steht dann aber schon die nächste Stufe der Normalisierung an, wenn ab dem 4. Mai auch Grundschulen für die Viertklässler wieder öffnen sollen.

Die Kriterien, die bis März für Schule galten, gelten jetzt nicht mehr

Es ist an der Zeit, sich einer Sache klar zu werden: Schule nach den Kriterien, wie sie noch bis Mitte März galten, wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Schuldezernentin Daniela Schneckenburger und andere hatten zuletzt schon angedeutet, dass sie regulären Unterricht bis zum Beginn der Sommerferien am 29.6. für ausgeschlossen halten.

Und dann? Die Abschlüsse verschenken, das Schuljahr abbrechen und die 6- bis 18-Jährigen sollen zusehen, wie sie ihre Tage rumkriegen? So einfach kommen wir da nicht wieder raus.

Viele Eltern sind jetzt schon an ihren zeitlichen und nervlichen Kapazitätsgrenzen. Die Kinder leiden besonders unter den sozialen Einschränkungen. Es gibt viele, denen das selbstständige Lernen schwer fällt.

Es muss ein Notsystem geben - aber vor allem braucht es Modelle für die Zukunft

Für die nächsten Wochen braucht es deshalb weiterhin ein Notsystem. Schule ist auch dafür da, Struktur zu schaffen – fällt das weg, trifft das in erster Linie diejenigen, die besonders darauf angewiesen sind.

Es darf jetzt aber vor allem nicht derselbe Fehler passieren wie nach der Schließung der Schulen am 16. März, als es verpasst wurde, ein Szenario für den Wiedereinstieg zu entwerfen.

Alle Akteure im Bildungswesen müssen sich deshalb jetzt der Frage stellen, wie das Schulsystem auch nach den Sommerferien ab Mitte August unter den neuen Schutzbedingungen funktionieren kann. Dabei sollte es möglichst bald nicht mehr nur um Seife und Papiertücher gehen, sondern auch um pädagogische Konzepte.

Die Krise hat die Digitalisierung nicht nach vorne gebracht, sondern vor allem gezeigt, wo es noch hakt

Die Hoffnung, dass die Krise zum digitalen „Boot Camp“ für Lehrer und Schüler wird und das Klassenzimmer ersetzt, hat sich bisher jedenfalls nicht erfüllt. Es wird eher deutlich, dass Dortmund zwar schon vergleichsweise gut ausgestattet ist, aber Vieles noch in Ansätzen stecken bleibt. Das gilt für die Lehrer ebenso wie für die Schüler, die nicht in wenigen Wochen aufholen können, was über Jahre versäumt worden ist.

Zwar gibt es viele Geschichten von selbstständigen Jugendlichen, die mit eigener Lernmotivation auf allen Kanälen funktionieren. Oft unerzählt bleiben aber die Geschichten von Kindern, für die viel zusammengebrochen ist. Denjenigen ohne Zugang zu elektronischen Medien und mit geringem Bildungsstandard in der Familie.

Kinder, wie es sie in Dortmund zu Tausenden gibt. Die ohnehin schon ausgeprägte Bildungsungerechtigkeit in Dortmund wird durch die Corona-Krise nur noch sichtbarer.

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