Corona-Drama: „Wir Reisebüros haben Angst vor den Sommerferien“

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Rettungsschirm statt Sonnenschirm: Storno-Flut, Umbuchungen, Kurzarbeit – viele Reisebüros in Dortmund kämpfen um ihre Existenz. Sie schimpfen nicht nur auf die Politik.

Dortmund

, 08.05.2020, 11:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Mail-Postfach im Reisebüro Stoffregen an der Kampstraße quillt über. Büroleiter Michael Draeger arbeitet die Mails der Reihe nach ab. Über 300 sind es an diesem Donnerstagmorgen, dem Tag nach neuerlichen Lockerungs-Verkündungen. Von Hilfen für die Reisebüros war da wieder nicht die Rede.

„Wir werden vergessen. Es hat sich auch eine Woche nach der ersten bundesweiten Demonstration noch nicht einmal der Hauch einer Perspektive ergeben“, sagt Michael Draeger. Seit Wochen verkauft er, wie seine Kolleginnen und Kollegen auch, kaum eine Reise. „Es hagelt nur Stornos“, sagt er. Allein unter den über 300 Mails am Donnerstagmorgen sind 167 von Kunden, die ihre gebuchten Reisen stornieren wollen.

„Darum kümmere ich mich und wickle das ab. Ich telefoniere jedes Mal mit dem Kunden und dem Reiseveranstalter – und verdiene daran nichts. Wir sind die einzigen Dienstleister, die nicht einen Cent verdienen“, sagt Michael Draeger.

Reisebüros müssen ihre Provisionen zurückzahlen

Weil er nicht kampflos miterleben will, wie die Reisebüros sterben, ist er in Dortmund Mitorganisator der bundesweiten Demonstrationen „Rettet die Reisebüros“ geworden. Am vergangenen Mittwoch (6. Mai) sprach er zum zweiten Mal zu symbolträchtiger Uhrzeit um fünf vor zwölf auf dem Friedensplatz. 50 Vertreter von Reisebüros aus Dortmund und Umgebung waren dabei und unterstützten seine Forderung: „Wir brauchen einen eigenen Rettungsschirm. Es geht um 10.000 Betriebe mit 40.000 Angestellten in Deutschland.“

Mit leeren Koffern demonstrierten Vertreter von Reisebüros mittwochs auf dem Friedensplatz und machten auf ihre Existenzangst aufmerksam.

Mit leeren Koffern demonstrierten Vertreter von Reisebüros mittwochs auf dem Friedensplatz und machten auf ihre Existenzangst aufmerksam. © Reisebüro Stoffregen

Bis zum 14. Juni gilt derzeit die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. „Ich habe allein am Mittwochnachmittag Reisen im Wert von 15.300 Euro storniert. So geht das jeden Tag. Ende März waren es an einem Tag mal Stornierungen über 72.000 Euro“, sagt Michael Draeger und wagt gar nicht den Blick nach vorne.

Das Hauptgeschäft mit den Sommerferien, das kommt ja erst noch. Sollten Auslandsreisen auch im Juli nicht möglich sein, droht eine gewaltige Storno-Flut. „Wir haben Angst vor den Sommerferien“, sagt Michael Draeger.

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Mit zum Organisationsteam der Dortmund-Demos gehört auch Gabi Quiatek, Inhaberin eines Reisebüros in Hörde. „Das Wort ‚zurückzahlen‘ ist für die Reisebüros zu einem Horrorwort mutiert“, sagt sie und erklärt: „Die Reisebüros, die im Auftrag der großen Reiseveranstalter, wie z.B. TUI, FTI Touristik, AIDA, alltours oder Schauinsland Reisen vermitteln, müssen ihre Provisionen, die sie für bereits vor Monaten geleistete Arbeit erhalten haben, zurückzahlen oder bekommen diese gar nicht mehr.“

Reisebüros: Urlaub in Deutschland ist keine Lösung

Kritik gibt es an der Politik der Bundesregierung, die nur TUI oder die Lufthansa im Blick habe. „Niemand scheint zu wissen, dass mit den Staatshilfen, die z.B. TUI erhalten hat, nicht gleichzeitig ein Ausgleich an die Reisebüros verbunden ist“, sagt Gabi Quiatek. „Wir bekommen nur Provisionen, wenn wir im Auftrage der Veranstalter bei den Kunden für Gutscheine werben. Gutscheine, die nicht abgesichert sind. Gutscheine, die den Reisebüros nicht im geringsten helfen und für die Urlauber schnell wertlos werden können.“

Mit vielen Telefonaten und langem Warten in der Hotline eines Reiseveranstalters hat Michael Draeger zum Beispiel für eine Familie versucht, eine Osterferien-Reise in die Türkei in eine Ägypten-Reise in den Herbstferien umzubuchen.

„Der Veranstalter hat es nicht geschafft, das ja schon vorhandene Geld entsprechend umzubuchen. Der Kunde hat immer wieder Mahnungen bekommen – und sich natürlich an mich gewendet, nicht an den Veranstalter. Das zeigt: Unsere Politiker sind der Meinung, mit der Milliardensumme an TUI wären auch die Reisebüros gerettet. Das ist ein fataler Trugschluss. Von den Veranstaltern bekommen wir nichts. Wir dürfen nicht von anderen abhängig sein“, sagt Draeger.

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Für Gabi Quiatek ist das zermürbend. „Jeder im Reisebüro, vom Inhaber über die Angestellten bis hin zum Auszubildenden muss mit ansehen, wie Tag für Tag Reisen storniert werden. Jede Buchung, die rückabgewickelt wird, ist eine weitere Stufe hin zur Arbeitslosigkeit und ein Schritt ins Nichts. Jedes der Dortmunder Büros hat seine Angestellten in Kurzarbeit – fast alle zu 100 Prozent“, sagt sie.

Der Heimaturlaub in Deutschland, der von Politikern jetzt beworben werde, sei keine Lösung, meinen die beiden Reiseexperten. „Man möchte keine Sommerferien Handtuch an Handtuch, doch man stelle sich einmal vor, wie es denn wäre, wenn alle Deutschen im eigenen Land Urlaub machen. Die Kapazitäten gibt es gar nicht“, sagt Michael Draege. Und Gabi Quiatek fügt hinzu: „Es sind zweifellos die Auslandsreisen, die das Rückgrat der deutschen Reisewirtschaft bilden und damit die Existenzgrundlage auch unserer Dortmunder Reisebüros.“

Zur Sache

Demo auf dem Friedensplatz

  • Nach bisher zwei Demonstrationen rufen die Organisatoren von „Rettet die Reisebüros“ am Mittwoch, 13. Mai, zur nächsten Demo auf.
  • Beginn der Demonstration ist um 11.55 Uhr auf dem Friedensplatz.
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