Corona hat mehr Menschen bedürftig gemacht – ein Tag bei der Dortmunder Tafel

Soziale Einrichtung

Die Dortmunder Tafel ist seit 17 Jahren eine Hilfe für Menschen, die mit wenig Geld auskommen müssen. Ein Tag in der Zentrale im Dortmunder Norden zeigt, was die Arbeit wertvoll macht.

Dortmund

, 11.03.2021, 17:19 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Lebensmittelausgabe in der Zentrale der Dortmunder Tafel in der Nordstadt.

Die Lebensmittelausgabe in der Zentrale der Dortmunder Tafel in der Nordstadt. © Oliver Schaper

In den acht Filialen der Dortmunder Tafel können Menschen mit geringen finanziellen Mitteln zu einem Preis von 2 Euro einkaufen. Finanziert wird das ausschließlich über Privatspenden und Großsponsoren. Doch die Dortmunder Tafel ist viel mehr als nur eine Lebensmittelausgabe.

Sie ist ein Kosmos von der Größe eines mittelständischen Unternehmens. In diesem erhalten Menschen, die hier arbeiten, eine Struktur und eine Perspektive. Dahinter steht eine Logistik, in der große Mengen Nahrungsmittel bewegt und vor der Vernichtung bewahrt werden.

Alles, damit Menschen Lebensmittel bekommen können, die sie sich sonst nicht leisten könnten.

350 Menschen kommen in zehn Gruppen

Allein gut 350 solcher Menschen sind es im Verlaufe eines kühl-windigen März-Mittwochs an der Straße Osterlandwehr, wo die Dortmunder Tafel ihre Zentrale hat.

Die Menschen kommen in zehn Gruppen an die kleine Straße zwischen Borsigplatz und Westfalenhütte. Das System rolliert, damit jeder einmal morgens dran ist, wenn es die größte Auswahl an Waren gibt.

Man kennt sich hier nur noch mit Maske und Abstand. Vor der Pandemie war es kommunikativer. Aber es ist dennoch lebendig.

Vielen ist anzumerken, dass der Gang zur Tafel zur Routine zählt. Eine Frau kommt mit ihrem etwa dreijährigen Sohn am Vormittag hier an. Sie gehe offen damit um, dass sie das Angebot nutze, erzählt sie.

Ein Mann kauft Lebensmittel bei der Dortmunder Tafel.

Ein Mann kauft Lebensmittel bei der Dortmunder Tafel. © Oliver Schaper

„Ich habe selbst zwei Jahre dafür gebraucht, bis ich so weit war zu sagen: Wenn es so etwas gibt, kann ich es annehmen, wenn finanziell nicht so viel möglich ist. Es hilft sehr und ich brauche mich dafür nicht zu schämen.“

Für manche ist es Routine sich hier anzustellen, für andere eine Überwindung

Es sei eine Überwindung, sich hier anzustellen, weil sie wisse, dass es Menschen gebe, denen es noch schlimmer gehe.

Aber es gehe ihr vor allem darum, ihren Kindern etwas Besonderes zu ermöglichen. „Ihnen auch gesunde Lebensmittel anzubieten, die ich sonst nicht kaufen könnte“, sagt sie.

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Von etwas „Besonderem“ hat ihr Sohn erwartbar eine etwas andere Vorstellung. Einen Schokoladen-Nikolaus knabbernd läuft der blondgelockte Junge mit der blauen Brille wenig später mit seiner Mutter durch den Laden. Kurz vor dem Ausgang staubt er noch ein Schoko-Croissant ab.

Blaubeeren, Äpfel und Gemüse landen trotzdem im Trolley. „Auch, wenn die Kinder nicht alles mögen, sollen sie es trotzdem probieren“, sagt die Mutter.

Die Zahl der Berechtigten für einen Ausweis ist gestiegen

Pauschal 2 Euro kostet ein Einkauf aktuell bei der Dortmunder Tafel. Der Preis konnte zuletzt noch einmal gesenkt werden, weil durch neue Großsponsoren viele Lebensmittel zur Verfügung stehen.

Der Kreis der Berechtigten für einen Tafelausweis wurde noch einmal erweitert. Denn die Corona-Krise hat mehr Menschen „bedürftig“ gemacht. So sind hier auch Studenten zu sehen, deren einzige Einnahmequelle in der Gastronomie oder in einem anderen Minijob weggebrochen sind.

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Es wird außerdem deutlich: Menschen mit Migrationsgeschichte machen hier in der Nordstadt einen hohen Anteil der Kunden aus.

Auffällig viele ältere Menschen stehen an der Tafel-Zentrale Schlange.

Hohe Hemmschwelle bei alleinstehenden älteren Frauen

„Bei älteren alleinstehenden Frauen ist die Hemmschwelle häufig sehr hoch. Es ist für sie ein Grauen, sich hier zu melden“, sagt Ute Schröer. Bei ihr laufen seit sieben Jahren die zentralen Telefon- und Mailanfragen zusammen und sie koordiniert zudem auch den Kreis der rund 350 Ehrenamtlichen.

Ute Schröer leitet die Telefonzentrale der Dortmunder Tafel und koordiniert die Ehrenamtlichen.

Ute Schröer leitet die Telefonzentrale der Dortmunder Tafel und koordiniert die Ehrenamtlichen. © Oliver Schaper

Es sei dann wichtig, ihnen zu vermitteln, dass es kein Makel ist, die Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn es gehe auch darum, sich gelegentlich Dinge zu leisten, die im Supermarkt zu teuer sind und dann einige Euro für sich selbst übrig zu haben. An diesem Tag gibt es Eis und Hot-Dog-Pakete von Ikea.

Der Kundenverkehr läuft flüssig über einen kurzen Scan des Tafel-Ausweises, die Ausgabe geht zügig voran. Vor der Tür ist Zeit für einen kurzen Plausch unter Bekannten.

Hinter der Lebensmittelausgabe steht eine große Logistik

Was von außen nicht sichtbar ist, ist der Weg, auf dem die Kartoffeln, Sahnejoghurts oder Roggenbrote in die Trolleys, Taschen und Rucksäcke der Kunden kommen.

79 Menschen sind in sogenannten Arbeitsgelegenheiten, kurz „AGHs“, bei der Dortmunder Tafel angestellt. Zusammen mit dem Vorstand des Dortmunder Tafel e.V., mehreren hauptamtlichen Mitarbeitern und Ehrenamtlichen sind sie Teil des Getriebes.

Hinter der Lebensmittelausgabe steht eine Transportlogistik, in der tonnenschwere Lkw und Elektrofahrzeuge bewegt werden, um Dortmund zum Umverteilzentrum für Tafeln in ganz NRW zu machen. Die Zusammenarbeit mit großen Firmen wie Atlas und Bloedorn ermöglicht große Lagerkapazitäten.

Viele Mitarbeitende berichten glaubhaft von einer positiven Stimmung

Ob Lagerhelfer, Laden-Chef oder Koch für die Belegschaft: Viele Mitarbeitende betonen im Gespräch glaubhaft die gute Stimmung untereinander. „Man hat das Gefühl, dass man am richtigen Ort ist“, sagt Ute Schröer.

Dabei sind ihre Geschichten sehr unterschiedlich. Einige sind ehemalige Tafel-Kunden, andere haben nach Jahrzehnten in Berufen wie Gastronomie oder Pflege Rückschläge erlitten und finden hier eine neue Perspektive. Manche tragen Geschichten von Sucht oder Fluchterfahrungen mit sich herum.

Aber viele berichten übereinstimmend von derselben Erfahrung: zu spüren, wie es anderen Menschen hilft, wenn sie ihre Arbeit machen. Das motiviert auch dann weiterzumachen, wenn das Stimmengewirr im Laden anstrengend wird.

RN+

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