Prof. Carsten Watzl ist Immunologe am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der TU Dortmund. Er beschäftigt sich intensiv mit der Corona-Schutzimpfung. © Privat
Corona-Impfung

Corona-Impfung als Gefahr? 11 häufige Gerüchte und Sorgen im Faktencheck

Im Kampf gegen die Pandemie gibt der Impfstart vielen Menschen Hoffnung – andere sind skeptisch. Wir haben mit dem Dortmunder Immunologen Prof. Dr. Carsten Watzl über die häufigsten Sorgen gesprochen.

Carsten Watzl ist Biologe und leitet den Forschungsbereich Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo). Zudem ist er Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.

Er könne die Unsicherheit vieler Menschen in Sachen Corona-Impfungen nachvollziehen. „Noch nie hat einer von uns so eine Pandemie erlebt und wie sie die Welt aus den Angeln hebt.“ Einige Zweifler würden sich nicht mit Argumenten überzeugen lassen, aber das sei die Minderheit. „Verunsicherte hingegen suchen nach Informationen – und da sehe ich es als Aufgabe der Wissenschaft, sachlich aufzuklären“, sagt Carsten Watzl. Hier klärt er zu den 11 häufigsten Gerüchten und Sorgen auf.

1) „Die Nebenwirkungen sind unklar.“

Nein: „Wir wissen jetzt schon recht viel über die Nebenwirkungen – und was nicht auftritt“, sagt Carsten Watzl. Im Aufklärungsmerkblatt von Deutsches Grünes Kreuz und Robert-Koch-Institut (RKI) zur Impfung mit dem mRNA-Impfstoff werden folgende Nebenwirkungen genannt: Schmerzen an der Einstichstelle (mehr als 80 Prozent), Abgeschlagenheit (mehr als 60 Prozent), Kopfschmerzen und Frösteln (mehr als 30 Prozent), Gelenkschmerzen (mehr als 20 Prozent), Fieber und Schwellung der Einstichstelle (mehr als 10 Prozent). Diese Reaktionen treten kurz nach der Impfung auf und sind nach ein bis zwei Tagen wieder weg.

Die Geimpften aus der klinischen Studie sind mindestens zwei Monate lang nach der letzten Impfung beobachtet worden. Das klinge nach einem kurzen Zeitraum, sagt Carsten Watzl, aber die Immunreaktion sei nach zwei Monaten abgeschlossen: Das Vakzin ist aus dem Arm verschwunden. Auch bei anderen Impfstoffen würden nach drei Monaten keine häufigen Nebenwirkungen mehr auftreten.

Wer jetzt auf die Nachrichten aus Großbritannien deutet: In klinischen Studien werden Allergiker, die ständig ein Notfallset bei sich tragen müssen, als Testpersonen ausgeschlossen. Bei genau solchen Allergikern sind in Großbritannien nach der Impfung allergische Reaktionen aufgetreten. „Die Impfung ist sicher“, sagt Watzl.

2) „Die Wirksamkeit ist nicht belegt.“

Doch. Klinische Studien haben die Wirksamkeit der Impfung belegt – mit einer Effektivität von 95 Prozent. An der Studie von Biontech/Pfizer beispielsweise nahmen 43.500 Probanden in weltweit 152 Studienzentren teil. Die eine Hälfte wurde geimpft, die anderen Testpersonen bekamen ein Placebo. „Für eine statistische Signifikanz brauchte man 170 Fälle von Infizierten. Dieser Wert war schnell erreicht.“

Als Infizierter galt, wer einen positiven PCR-Test plus Symptome aufwies. Bei der Auswertung hat sich gezeigt: Es gab 162 Infizierte in der Placebo-Gruppe, aber nur 8 unter den Geimpften. „Wenn ich also als Geimpfter dem Virus ausgesetzt bin, habe ich einen 95 prozentige Chance, dass ich nicht krank werde. Das ist schon sehr, sehr gut.“ Im Falle der Masernimpfung liege dieser Wert bei 98 Prozent.

Dr. Bernhard Schaaf (o.l.), Marc Raschkle (o.r.) und Prof. Carsten Watzl im Gespräch über den neuen Impfstoff.
Dr. Bernhard Schaaf (o.l.), Marc Raschkle (o.r.) und Prof. Carsten Watzl im Gespräch über den neuen Impfstoff. © Ruhr Nachrichten © Ruhr Nachrichten

Was die Studie tatsächlich nicht zeigt, ist, ob man asymptomatisch das Virus in sich tragen könnte – trotz Impfung. Deshalb sind Wissenschaftler vorsichtig und raten dazu, weiterhin Maske zu tragen und Abstand zu halten.

„Das heißt aber nicht, dass wir glauben, dass die Impfung nicht richtig wirkt“, sagt Carsten Watzl. „Wenn ich als Geimpfter das Virus trotzdem in mir tragen sollte, ist die Viruslast meines Erachtens deutlich reduziert – nur vielleicht nicht null.“ Es gibt zurzeit keinen anderen Schutz wie etwa Medikamente. Antivirale Mittel sind laut dem Immunologen nicht so leicht herzustellen.

3) „Nach der Impfung muss man immer noch Maske tragen, was bringt es also, mich dem Risiko auszusetzen?“

Ich selbst bin nach der Impfung mit ziemlich großer Sicherheit geschützt. Selbst wenn ich mich nochmal infizieren sollte, entwickele ich wahrscheinlich keine Symptome. Die Dauer des Schutzes ist aber tatsächlich noch unbekannt.

Es kann sein, dass die Impfung aufgefrischt werden muss – allerdings nicht wie bei der Grippe jedes Jahr, sagt Watzl. Denn bei der Grippe wird im Prinzip jedes Jahr gegen ein neues Virus geimpft. So stark kann sich das Coronavirus von seiner Struktur her nicht verändern.

Aber was ist mit meinem Umfeld? Mit denen, die sich derzeit nicht impfen lassen können wie beispielsweise Schwangere und Säuglinge? „Wir bräuchten eine Impfquote von 60 bis 70 Prozent, bis wir auf den Mund-Nasen-Schutz verzichten können. Denn solange es noch ungeimpfte Menschen gibt, müssen wir auf Nummer sicher gehen“, sagt Carsten Watzl.

4) „Die DNA wird durch den Impfstoff verändert.“

Nein. „Der Impfstoff aus mRNA kann das Erbgut nicht verändern, so wie Diesel keinen Benziner antreiben kann“, sagt Carsten Watzl. Denn mRNA gelangt nicht in den Zellkern. Die DNA wird also nicht umgeschrieben. „Es ist wissenschaftlich ausgeschlossen.“

Die Impfung funktioniert so, dass die krankmachende Komponente des Coronavirus weggelassen wird. Gezeigt wird dem Immunsystem nur das Spike-Protein, das ist das mit den roten Spitzen, die wie eine Krone aussehen. Mithilfe dieses Proteins dockt es an Zellen im Körper an. „Das Immunsystem hat die tolle Eigenschaft, dass, wenn es einmal reagiert hat, es sich das Fahndungsfoto sozusagen merkt und beim nächsten Mal schneller und stärker reagieren kann.“

5) „Das Zulassungsverfahren lief zu schnell.“

Es lief schnell, ja, aber: Das sollte es ja auch. Die ganze Welt hat fieberhaft nach einem Mittel gesucht. Und beim Zulassungsverfahren ist nichts ausgelassen worden. Die gleichen Behörden und Regularien waren beteiligt, die Berichte sind öffentlich einsehbar.

„Normalerweise beginnt eine klinische Studie, man sammelt Daten, fährt irgendwann einen Lkw mit Ordnern zur Behörde, die brauchen ein bis zwei Jahre zum Lesen“, sagt der 49-Jährige. „Hier waren die Behörden sehr früh mit den Impfstoffentwicklern in Kontakt, es gab viel Dialog, bestehende Fragen konnten direkt einfließen, die Behörden haben zusätzliche Leute engagiert und Überstunden gemacht.“

Alles wurde kontrolliert: vom Herstellungsverfahren über die Dokumentation bis zur klinischen Studie und dem toxikologischen Gutachten. „Und selbst nachdem ein Impfstoff zugelassen ist, schauen die Behörden immer noch drauf.“

Aus immunologischer Sicht ist das Coronavirus übrigens relativ einfach aufgebaut. „Wir reden ja nicht von HIV“, sagt Carsten Watzl. Es gibt zwar schon Mutationen, aber da sich das Spike-Protein ja immer noch an seinen Rezeptor auf den Körperzellen binden muss, kann es sich gar nicht so stark verändern wie beispielsweise die Grippe.

6) „Die Menschen dienen gerade als Testpersonen.“

Nein. Carsten Watzl sagt: „Jedes Land musste für sich überlegen: Was ist unser Impfziel? In Deutschland wollen wir Todesfälle durch das Coronavirus vermeiden. Und wer stirbt am ehesten? Über 80-Jährige. Wenn es genug Impfdosen gäbe, müsste ich nicht priorisieren. In anderen Ländern wird zuerst das medizinische Personal geimpft, weil das Gesundheitssystem nicht überlastet werden soll, und aus PR-Gründen die Politiker. Hier will kein Politiker einem 80-Jährigen die Impfdosis wegnehmen.“

7) „Welche Langzeitschäden auftreten können, ist unklar.“

Das stimmt. Bei nahezu jeder Impfstoffzulassung werden im Nachhinein noch kleine Nebenwirkungen entdeckt. Aber: Richtige Impfschäden entstanden in der Medizingeschichte meist durch Lebendimpfstoffe wie bei der Pockenimpfung. Der Trend geht in der Forschung generell davon weg, aber auch insgesamt nimmt die Zahl der verursachten Schäden ab.

Prof. Carsten Watzl gab zur besten Sendezeit im ZDF seine Einschätzung zum Impfstoff ab. © RN © RN

Das Grundübel, sagt Carsten Watzl, sei das fehlende Vertrauen in die Wissenschaft. Niemand könne komplexe Themen wie die Entwicklung eines Impfstoffs mit Laienwissen verstehen. „Ich setze mich auch ins Auto, ohne im Detail zu verstehen, wie es funktioniert – da vertraue ich dem Hersteller oder Händler.“

8) „Die Impfung könnte mich unfruchtbar machen.“

Nein. Die Impfung schädigt definitiv nichts an der Keimbahn, also den Zellen, die für die Fortpflanzung wichtig sind. „Dass man da unfruchtbar werden sollte – ich wüsste nicht, wie das gehen sollte. Man kann es eigentlich ausschließen.“

Dass Schwangere erst mal nicht geimpft werden, ist nichts Ungewöhnliches: Wissenschaftler wollen kein Risiko eingehen beim ungeborenen Leben.

Carsten Watzl erklärt: „Bei Impfstoffstudien wird vor jeder Injektion ein Schwangerschaftstest durchgeführt. Aber einige Frauen werden immer davor (sodass die Schwangerschaft noch nicht nachweisbar war) oder danach schwanger. In der Biontech/Pfizer-Studie waren es 30 bis 40 von 43.500. Die Kinder sind noch nicht geboren, aber es wird natürlich genau hingeguckt, und bislang gibt es keine Hinweise, dass hier Probleme vorliegen.“

Was man aber weiß, ist: Eine Covid-19-Infektion kann vermehrt zu Frühgeburten führen und eine längere Nachversorgung des Säuglings im Krankenhaus erforderlich machen. Zwar werden Schwangere nicht geimpft, aber das Umfeld sollte geimpft werden, um einen indirekten Schutz für Mutter und Säugling zu erreichen.

9) „Ich will erst mal abwarten, das ist sicherer.“

In England sind mittlerweile 800.000 Menschen geimpft, in den USA über eine Million. Trotzdem ist die Impfbereitschaft laut einer Umfrage der Uni Heidelberg in Deutschland gesunken. Im Sommer lag sie bei 55 Prozent. Aber damals war ein Impfbeginn auch noch in weiter Ferne. Anfang Dezember ist sie auf 46 Prozent gesunken. „Jetzt ist es einigen Leuten wohl zu schnell gegangen“, sagt Watzl.

Es kommt auch darauf an, woher die Menschen ihre Informationen beziehen: Einige Gruppierungen verbreiten vor allem über Social Media Gerüchte, die zu Verunsicherung führen können und sollen.

Er sei jedoch Optimist, sagt der Immunologe: „Wenn die Leute jetzt sehen, hier und da treten Nebenwirkungen auf, aber: Die Menschen fallen nicht um wie die Fliegen. Dann werden sie wissen, dass die Impfung sicher ist. Und vor allem, wenn ihr direkter Nachbar erst mal geimpft ist, werden sie sich überzeugen lassen.“

10) „Corona sehe ich für mich nicht als Gefehr.“

Das altruistische Argument ist: Die Impfung nutzt nicht nur mir, sondern der Gesellschaft. Aber selbst bei einer absolut egoistischen Risikoabschätzung ergibt es noch Sinn, sich impfen zu lassen.

Nehmen wir an, der Tod wäre die schlimmste Folge. Dann stirbt selbst die beste Altersgruppe mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,06 Prozent an einer Covid-19-Infektion. Die seltenen Nebenwirkungen führen bei der Impfung nicht zum Tode oder zu bleibenden Schäden.

Als schwere unerwünschte Nebenwirkungen wurden bei der Biontech/Pfizer-Studie vier Fälle gezählt. „Da hatte zum Beispiel einer eine Schulterverletzung, weil die Nadel falsch gesetzt wurde, und einmal kam es zu einer Lymphknotenschwellung.“

Das ist also kein Vergleich zu der Sterberate und den drastischen Nebenwirkungen beim Coronavirus. „Das Virus hat eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, dich zu treffen. Auch bei den Jüngsten. Die Impfung gewinnt also gegen das Virus.“ Denn man kann auch als 20-Jähriger an Covid-19 sterben.

Oder sein Leben lang Abstand halten und für immer FFP2-Masken tragen. Das Virus werde uns jedenfalls nicht verlassen, sagt Watzl. „Die Impfung ist die beste Lösung.“

11) „Biontech? mRNA? Nie gehört, kann ja nix sein.“

Erstmal: Ja, das Mainzer Unternehmen Biontech hat sich eigentlich der Krebsforschung verschrieben – auf Basis von mRNA. Auf der Suche nach einem Krebsmedikament haben die Wissenschaftler eine Impftechnologie entwickelt, die jetzt für die Corona-Schutzimpfung zum Einsatz gebracht wurde.

mRNA-Impfstoffe sind quasi der Tesla unter den Automobilen. Ja, sie sind neu und die Branche hat lange Zeit auf Totimpfstoffe und Lebendimpfstoffe – oder Diesel und Benziner – gesetzt. Aber: Genbasierte Impfstoffe lassen sich viel schneller entwickeln. Der Körper stellt hierbei die Impfantigene nämlich selbst her. Der genetische Code basiert auf vier Buchstaben – die wurden für den mRNA-Impfstoff einfach durchgewürfelt.

Ein Klinikmitarbeiterin bereitet die Impfung vor. © dpa © dpa

„mRNA-Impfstoffe konnten auch deshalb so schnell entwickelt werden, weil wie bei einem Programm für Phantombilder die Elemente schon alle im Baukasten vorhanden waren. Sie mussten nur anders angeordnet werden“, sagt Carsten Watzl. Seine Prognose: Bis zum Sommer 2021 werde eine Handvoll Impfstoffe auf dem Markt sein, darunter auch solche mit abgetöteten Viren.

Pandemie endet frühestens 2022

Selbst wenn genügend Menschen in Deutschland geimpft sind, ist die Pandemie noch nicht vorbei, sagt der Immunologe. Seine Prognose: Im Frühjahr 2021 gibt es weniger Todesfälle, im Sommer werden die Infektionszahlen sinken, und dann geht es im Herbst darum, dass sie nicht mehr ansteigen. Wenn das ausbleibt, würden wir wissen, dass die Epidemie bei uns in Europa vorbei sei.

„Weltweit rechne ich dafür aber mit 2022“, sagt der 49-Jährige. „Denn die reichsten Länder haben sich gerade die meisten Impfdosen gesichert. Und die mRNA-Impfstoffe sind für einen Einsatz in Afrika nicht geeignet. Im ganzen Kongo gibt es beispielsweise nur einen Freezer (Kühlschrank), der -70 Grad erreicht. Da braucht es einen anderen Impfstoff.“

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Sarah Bornemann, Jahrgang 1986, arbeitet seit Oktober 2013 als Redakteurin in der Dortmunder Lokalredaktion. Sie hat Journalistik in Leipzig sowie Germanistik und Soziologie in Münster studiert. Für das Volontariat bei Lensing Media kehrte sie nach sieben Jahren ins Ruhrgebiet zurück.
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