Altenheim-Betreiber bittet Angehörige, erst nach Muttertag zu kommen

mlzEnde der Corona-Isolation

Am Muttertag können Angehörige erstmals nach Wochen wieder Seniorenheim-Bewohner besuchen. Dortmunds Heim-Betreiber glauben, dass die Corona-Isolation gar nicht so schlimm für die Senioren war.

Dortmund

, 08.05.2020, 08:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Pagodenzelt hinter der Ecke vom Eingang ist aufgebaut. Darin eine Kübelpflanze, zwei Tische und zwei Stühle. Die trennende Plexiglaswand wird erst am Freitag eingezogen – ansonsten sind die Vorbereitungen für den Besuch am Muttertag (10. Mai) im Minna-Sattler-Zentrum, einem Awo-Seniorenheim in Dortmund-Brünninghausen, sehr weit gediehen.

Auf dem Parkplatz neben dem Zelt fahren Lothar und Jutta Leinweber vor. „Die Seniorenheime sind ab Muttertag ja wieder geöffnet. Können wir also meine Schwiegermutter besuchen?“, fragt Jutta Leinweber die leitende Pflegekraft Melanie Schwarz-Krueger.

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Auch Tage nach Muttertag nutzen

Ja, können sie, aber nur einer und erst nach Anmeldung auf der Terminliste. Zehn Termine sind schon vergeben. Mit rund 30 rechnet Einrichtungsleiter Hans van Dormalen. Er habe in einem Brief an die Angehörigen appelliert, die Tage nach Muttertag für einen Besuch zu nutzen.

Lothar und Jutta Leinweber, hier im Gespräch mit der leitenden Pflegekraft Melanie Schwarz-Krueger, freuen sich schon auf das Treffen mit ihrer Mutter an Muttertag.

Lothar und Jutta Leinweber, hier im Gespräch mit der leitenden Pflegekraft Melanie Schwarz-Krueger, freuen sich schon auf das Treffen mit ihrer Mutter an Muttertag. © Oliver Schaper

Auch wenn Leinwebers zwischenzeitlich mit Hilfe des Pflegepersonals per Skype Kontakt hatten – das Ehepaar kann es kaum erwarten, Mutter Emilie Leinweber wiederzusehen. „Sie ist am 18. März 98 Jahre alt geworden, und genau ab dem Tag durften wir nicht mehr rein“, erzählt Lothar Leinweber, „das war sehr traurig“.

Essen mit Abstand: Blick in den Speisesaal des Minna-Sattler-Seniorenzentrums.

Essen mit Abstand: Blick in den Speisesaal des Minna-Sattler-Seniorenzentrums. © Oliver Schaper

Im Speisesaal dagegen ist an diesem Donnerstag (7.5.) alles wie vor Corona. Nur, dass die Stühle an den Tischen weiter auseinander stehen. Hier zumindest ist von Depression, Vereinsamung und Traurigkeit nichts zu spüren, mit denen die Politik die kurzfristige Teilöffnung zum Muttertag begründet.

Hofkonzerte

„Das ist eine Diskussion, die wir nicht nachvollziehen können“, sagt Hans van Dormalen und liegt damit auf einer Linie mit anderen Trägern von Altenzentren. „Der Leidensdruck ist bei den Angehörigen, nicht bei den Bewohnern“, unterstreicht auch Tobias Berghoff, Pflegewissenschaftler und Vorstand der Caritas Dortmund. „Die Mitarbeiter machen einen Riesenjob und unternehmen so viele Dinge mit den Heimbewohnern.“

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Die Argumente der Politik für die Öffnung klingen fast so, als ob die Heime die Schließung begrüßt hätten, um restriktiv gegen die Bewohner vorzugehen, ärgert sich auch Hans van Dormagen: „Es war von vornherein unser Anspruch, das Leben für unsere Bewohner weiter möglichst normal zu gestalten.“

Zur Freude der Besucher gab es Eis wie aus einem Eiscafé.

Zur Freude der Besucher gab es Eis wie aus einem Eiscafé. © Oliver Schaper

Gemeinschaftsveranstaltungen mit größeren Gruppen auf engem Raum sind derzeit zwar nicht möglich, „doch wir haben überlegt, was wir dagegen setzen können“, so der Einrichtungsleiter. Vier Hofkonzerte – unter anderem mit Fred Ape und Susan Kent – und ein Outdoor-Gottesdienst haben bislang für Kurzweil gesorgt. Am Donnerstag war Alleinunterhalter Markus Janik da, von dem sich die Bewohner Schlager wünschen durften.

Eiscafé im Atrium

Viel Freude hätten die Bewohner auch mit dem Eiscafé gehabt, das Pfleger und Betreuer im Atrium aufgebaut hatten, berichtet Sozialarbeiterin Heike Hagemann. Eiswerk habe die Geräte dafür kostenlos zur Verfügung gestellt. „Wir haben eine Eiskarte gebastelt und die entsprechenden Eissorten besorgt. Die Mitarbeiter der Betreuung haben dann die Bestellungen aufgenommen“, erzählt Heike Hagemann.

Einrichtungsleiter Hans von Dormalen mit der Liste der für Muttertag angemeldeten Besucher.

Einrichtungsleiter Hans von Dormalen mit der Liste der für Muttertag angemeldeten Besucher. © Oliver Schaper

Das Minna-Sattler-Zentrum hat einen wichtigen Standortvorteil. Das Gelände, auf dem sich die Bewohner, soweit noch mobil, bewegen können, ist 20.000 Quadratmeter groß – Platz für Sport und Bewegung. Auch Blümchen wurden gemeinsam gepflanzt.

Wegen der Ansteckungsgefahr sollten die Bewohner allerdings auch auf dem Gelände bleiben. Dass sie nicht mehr zum Einkaufen in den benachbarten Lidl konnten, sei ein schwerer Einschnitt gewesen, sagt Hans van Dormalen. Um den Druck rauszunehmen, haben die Mitarbeiter einen Kiosk auf dem Gelände aufgebaut und versucht, all das zu beschaffen, was die Bewohner sonst auch einkaufen.

Einkaufen am Kiosk

Anfangs habe es Stress gegeben mit Bewohnern, die trotz der dringenden Bitte, das Gelände nicht zu verlassen, zum Lidl gegangen seien. Danach hieß es für sie 14 Tage Quarantäne auf dem Zimmer.

So konnte bislang sichergestellt werden, dass es bislang - wie in den weitaus meisten Dortmunder Seniorenheimen - keine Corona-Fälle im Minna-Sattler-Heim gab. „Die meisten Bewohner haben auch gar nicht das Bedürfnis, das Gelände zu verlassen“, sagt Melanie Schwarz-Krueger, „sie halten auch möglichst untereinander Abstand.“

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Abstand halten heißt es auch am Muttertag. Die Besucher werden auf dem Parkplatz empfangen, zum Zelt begleitet, während Pflegekräfte gleichzeitig die Bewohner zum jeweils vorab desinfizierten Treffpunkt bringen. Hans van Dormalen: „Ich bin recht zuversichtlich, dass wir auch das managen können.“

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