Ingrid Behrendt-Fuchs und ihre Kollegen von der Dortmunder Telefonseelsorge merken, dass die schlimmste Belastung durch die Corona-Pandemie für viele Ratsuchende die Einsamkeit ist. © Jessica Will
Telefonseelsorge Dortmund

Corona verstärkt Suizid-Gedanken und Ängste: „Menschen sitzen in der Falle“

Viel mehr Menschen mit Suizid-Gedanken und depressiven Ängsten wenden sich während des Lockdowns an die Telefonseelsorge Dortmund. Was belastet die Menschen am meisten? Und was kann helfen?

Am 1. November griff der zweite Corona-Lockdown – schon eine Woche später ließen sich die Einschränkungen am Anrufaufkommen bei den Telefonseelsorgen in Deutschland ablesen: Der Bedarf an Gesprächen nahm deutlich zu. 15 Prozent der Anrufe hatten Corona als Thema.

Der bundesweite Trend lässt sich auf Dortmund übertragen: „Corona ist im April als Thema hochgeschossen, dann im Sommer wieder ganz heruntergegangen und aktuell geht es wieder stark hoch“, so Ingrid Behrendt-Fuchs, Leiterin der Dortmunder Telefonseelsorge.

Einsamkeit als Folge der Pandemie

Corona direkt sprechen viele der Anrufer nicht explizit an, sondern die Folgen der Pandemie: „Das Thema Einsamkeit hat in den Lockdown-Phasen deutlich zugenommen“, sagt Michael Hillenkamp, ebenfalls hauptamtlicher Mitarbeiter der Telefonseelsorge,

Die durch die Kontakteinschränkungen bedingte Einsamkeit verschärft insbesondere bei Menschen, denen es auch vorher schon nicht gut ging, die emotionale Situation: In Chats und Mails kommen die Themen Suizid und depressive Ängste aktuell extrem viel vor, so Ingrid Behrendt-Fuchs.

Einzelne Statistiken zu den Themen gibt es nicht, aber die Vermutung liege nahe, dass das an der „bedrückenden Corona-Situation“ liege. „Das Leben wird enger, jeden Tag“, fasst sie die Gefühlslage der Ratsuchenden zusammen.

Besuchsverbote sorgten für erschütternde Anrufe

Ein konkretes Thema habe bei den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie für besonders emotionale Anrufe gesorgt: Das Besuchsverbot in Pflegeheimen während des ersten Lockdowns.

„Die Zeit, als man nicht in die Altenheime kam, das war dramatisch. Natürlich hat dann hier der ein oder andere angerufen und gesagt, ich weiß nicht, wem ich das erzählen kann“, so Michael Hillenkamp. „Am erschütterndsten war es, wenn Menschen ihre sterbenden Angehörigen nicht mehr besuchen konnten“, sagt Ingrid Behrendt-Fuchs.

Das Gefühl, nicht für die Liebsten da sein zu dürfen, beschäftige viele Anrufer. „Soziale Kontakte sind das wichtigste – in Krisen ganz besonders. Die natürliche Reaktion von Freunden, wenn es einem schlecht geht, ist doch: Lass uns mal treffen und ein bisschen quatschen. Und genau das geht nicht“, so Hillenkamp.

Soziale Kontakte und kleine Begegnungen fehlen

Zudem habe er den Eindruck, der lange Zeitraum der Einschränkungen zermürbe die Menschen: „Die Geduld ist erschöpft, es geht einem auf den Nerv. Es ist viel mehr Druck im Karton, weil es so unabsehbar ist. Man weiß nicht, was noch passiert.“

Letztlich gehe das jedem so, man spürt, dass soziale Kontakte weniger werden: Beim Einkaufen verzichtet man auf die kleinen Gespräche zwischendurch, Vereinstreffen finden nicht mehr statt, die Menschen gehen auf Distanz.

Wenn die Grundvoraussetzungen aber schon schlecht sind, psychische Erkrankungen vorliegen, körperliche Einschränkungen die Bewegungsfreiheit hemmen oder Ängste vorliegen, werde es besonders schwierig.

Große Angst vor Ansteckung führt zur Isolation

Anrufer hätten teils große Ängste: „Die Menschen dürfen ja raus, aber sie tun es nicht mehr – viele Menschen haben Angst, zum Bäcker zu gehen, weil sie fürchten, sich zu infizieren“, so Behrendt-Fuchs. Besonders bei älteren Menschen mit Vorerkrankungen sei das sehr nachvollziehbar. „Aber die sitzen dann in der Falle, sitzen in ihrer Wohnung und haben keine Abwechslung mehr.“

Ein Allheilmittel gibt es nicht: „Es ist eine Zeit der Einschränkung, das ist klar“, sagt Michael Hillenkamp. „Es kann aber schon eine Entlastung sein, wenn ich darüber reden darf, dass ich Ängste habe, dass ich es schrecklich finde, meine Mutter im Altenheim nicht besuchen darf. Und ich auch mal weinen kann, weil ich das nicht ertrage.“

Vielen Anrufern helfe es sehr, die Probleme und Gedanken dazu auszusprechen: „Wenn sie Dinge aus ihrem Leben erklären, müssen sie die innerlich sortieren – dadurch klärt sich schon einiges“, so Hillenkamp. Das gelte besonders für Menschen, die nicht chronisch Probleme haben, sondern die in eine Krise reingeraten sind, für die ihnen im privaten Umfeld der richtige Gesprächspartner fehle.

Wiederentdecken, was gut tut und für Ablenkung sorgt

Ansonsten ist der Ansatz der Telefonseelsorge ressourcenorientiert: Jeder Mensch wisse im Grunde gut, was ihm gut tue, so Behrendt-Fuchs. Man helfe, diese Ressourcen wieder in den Blick zu nehmen. Das kann eine ganz einfache Sache sein, wie zur Beschäftigung einen Kuchen zu backen.

„Was würde Ihnen gut tun? Was können Sie machen, um aus der Einsamkeit herauszukommen?“ seien entsprechende Leitfragen. Helfen könne es, nicht planlos in der Einsamkeit auszuharren, sondern sich bewusst einen Plan zurecht zu legen, was man machen kann.

Toll sei es, wenn Menschen sich selbst beschäftigen könnten, zum Beispiel mit Tagebuch schreiben. „Aber wir haben auch ganz schlichte Anrufer, da geht nur durchhalten, das ist schwierig“, so Hillenkamp.

Manchmal hätten Anrufer aber auch überraschende Ideen, auf die man selbst nicht kommen würde: „Manche entdecken echte Talente: Zum Beispiel wie früher in der Schule wieder zu klöppeln. Das macht eigentlich kein Mensch mehr – aber jetzt dann vielleicht doch.“

Telefonseelsorge Dortmund

24 Stunden und 365 Tage erreichbar

  • Die Telefonseelsorge Dortmund ist unter den Telefonnummern 0800/1110111 oder 0800/1110222 rund um die Uhr erreichbar. Auch eine Beratung per Mail oder Chat ist möglich unter https://online.telefonseelsorge.de
  • Die Mitarbeiter wollen Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützen, sind dabei für alle Problem offen und respektieren die Situation des Anrufers. Den Anrufern wird absolute Anonymität und Verschwiegenheit garantiert. Anrufe aus dem Festnetz und vom Handy sind kostenfrei.
Über die Autorin
Redakteurin
1983 im Münsterland geboren, seit 2010 im Ruhrpott zuhause und für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Ich liebe es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem: zuzuhören.
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Jessica Will

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