Kampf gegen das Coronavirus trägt hysterische Züge: Bitte das Hirn auf Empfang schalten!

mlzKlare Kante

Die Angst vor dem Coronavirus führt zu krassen Überreaktionen, meint unser Autor in seinem Kommentar. Er rät: Vergesst den Weltuntergang und wascht euch lieber gründlich die Hände!

Dortmund

, 07.03.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wir werden alle sterben. Das ist sicher. Aber dass uns allen in den nächsten Wochen das Coronavirus den Garaus macht, bezweifle ich stark. Allerdings: Wenn ich mich so umschaue in diesen Tagen, gewinne ich den Eindruck, dass ich ziemlich allein bin mit meiner Gelassenheit. Vielleicht habe ich fatalerweise nur noch nicht begriffen, dass da gerade die Pest ausgebrochen ist? Oder mindestens Ebola?

Wenn einer hüstelt oder ihm die Nase läuft, werden Schulen und Kitas geschlossen. Atemschutzmasken sind ausverkauft. Die Bundesregierung greift ein, verbietet ihren Export. Menschen stehlen Desinfektionsmittel und hamstern Lebensmittel.

Muss ins Gefängnis, wer nicht in die Ellenbeuge niest?

Konzerte, Theateraufführungen und Messen werden abgesagt, Kongresse verschoben und Feste gestrichen. Derweil fallen die Aktien. Bund und EU denken über Konjunkturprogramme nach, um die Folgen der Corona-Pest abzufedern.

Was kommt als nächstes? Werden alle Züge und Busse gestoppt, Fußballspiele und überhaupt sämtliche Mannschaftssportarten verboten? Alle Läden, Fabriken, Betriebe, Kitas, Schulen, Unis und Büros, alle Kinos, Kneipen, Discos, Restaurants, Fitnessbuden, Bäder, Zoos und Museen geschlossen? Alle privaten Feiern untersagt? Wird ein Ausgangsverbot verhängt? Brechen wir die Beziehungen zu Ländern mit hohen Infektionsraten ab? Landet im Gefängnis, wer nicht in die Ellenbeuge niest?

Das sagen die Fakten

Noch vor wenigen Wochen hätte ich all das für völligen Blödsinn gehalten. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher. Der Umgang mit dem Virus trägt Züge des Irrationalen, und ich möchte schreien: Hört auf mit diesem Unfug, schaltet das Hirn auf Empfang und schaut auf die Fakten!

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Ja, Covid-19, die durch das Coronavirus ausgelöst werden kann, ist eine neue, schwere Lungenkrankheit. Gegen das Virus gibt es weder eine Impfung noch gezielt entwickelte Medikamente. Zu allem Unglück verbreitet sich das Virus auch noch rasch. Das ist schlimm. Es gibt keinen Grund, dieses Virus auf die leichte Schulter zu nehmen. Weltweit sind bereits mehrere tausend Menschen an ihm gestorben.

Informieren ja, Panik schüren nein

Deshalb ist es richtig, über diese Krankheit aufzuklären und Hinweise zu geben, wie man sich schützen und bei einem Verdacht verhalten soll. Auch darüber zu informieren, wie sich Ärzte, Apotheken, Krankenhäuser und Behörden wappnen, ist in Ordnung. Die Unsicherheit der Menschen ist groß, und der kann man nur durch Information begegnen. Das ist auch die Aufgabe von uns Journalisten, die dabei die Balance halten müssen zwischen zwei Polen: Informieren ja, Panik schüren nein.

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Allerdings erwecken viele Maßnahmen, die jetzt ergriffen wurden, bei mir den Eindruck einer völligen Überreaktion. Niemand, der – wo auch immer – Verantwortung trägt, will in den Verdacht geraten, er hätte durch Laschheit Menschenleben gefährdet. Und wir Journalisten stecken in der Zwickmühle. Selbst wenn wir Maßnahmen für überzogen halten, müssen wir berichten. Sonst setzen wir uns dem Vorwurf aus, Wichtiges zu verschweigen.

Corona ist kein Killer-Virus

Dabei, und jetzt kommen wir zu Fakten, die derzeit gerne überlesen werden, ist Corona nach allem, was man bisher weiß, kein Killer-Virus. Es ist am ehesten mit einem Grippe-Virus zu vergleichen. So verläuft eine durch das Virus ausgelöste Krankheit in mehr als 80 Prozent der Fälle leicht, in 14 Prozent der Fälle schwer und in weniger als fünf Prozent kann es lebensbedrohend werden. Noch ist unklar, wie hoch die Sterblichkeit ist. Im Moment gehen die Wissenschaftler davon aus, dass sie höher ist als bei einer normalen Grippewelle. Wieviel höher, ist völlig offen. Sicher ist, dass vor allem alte und geschwächte Menschen schwer erkranken.

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Das ist auch bei einer Grippe so. An ihr sterben jedes Jahr in Deutschland tausende Menschen. So gibt das renommierte Robert-Koch-Institut die Zahl der Grippe-Toten etwa für das Winterhalbjahr 2017/18 in Deutschland mit 25.100 an. In der aktuellen Grippesaison sind bisher rund 120.000 Menschen an Grippe erkrankt. Seriöse Zahlen zu den Todesfällen gibt es noch nicht. Im Vergleich zu alledem ist die Zahl der Corona-Patienten noch immer minimal. Und: Haben Sie je davon gehört, dass Schulen oder Kitas geschlossen wurden, weil jemand die Grippe hatte? Haben Sie in den vergangenen Jahren von abgesagten Konzerten, Festen und Fußballspielen gehört, weil man sich dort leicht mit dem Grippevirus anstecken könnte? Eben.

Auch in Dortmund wird es weitere Fälle geben

In diesen Tagen kam in der Uniklinik Aachen der Verdacht auf, dass sich eine Pflegekraft mit dem Coronavirus infiziert haben könnte. Doch statt – wie andernorts – alle Kontaktpersonen auch ohne Symptome in Quarantäne zu schicken, weigerte sich die Uniklinik, das zu tun. Dann könne man die Arbeit gleich einstellen. Stattdessen sollen alle im Haus die Hygieneregeln einhalten und beim Auftreten von Symptomen den Arzt einschalten. Mir scheint das ein kluges Vorgehen zu sein.

Die Zahl der Corona-Infizierten, das ist absehbar, wird weiter steigen. Auch in Dortmund gibt es erste Fälle, weitere werden folgen. Wahrscheinlich wird es – wie bei einer Grippe – auch hierzulande Tote geben. Das ist sehr bedauerlich. Trotzdem sollten wir unser Leben weiterleben, nicht in der Gegend rumniesen, auf Händeschütteln und Bussi-Bussi-Umarmungen verzichten und regelmäßig die Hände waschen. Also vergesst den Weltuntergang und ab zum Waschbecken!

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