Hilfsangeboten für Obdachlose und Arme in Dortmund droht der Zusammenbruch

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Die Coronakrise trifft die Ärmsten der Armen besonders hart: Obdachlose haben es derzeit auf Dortmunder Straßen noch schwerer als sonst. Auch wichtige Hilfsangebote drohen wegzubrechen.

Dortmund

, 17.03.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Michael hat eine Decke über seine Beine gelegt. Er sitzt auf dem Steinpflaster des Westenhellwegs, in seinem Rücken eine Mülltonne, vor sich einen Papp-Kaffeebecher. Seit drei Monaten lebt er auf Platte, sagt er, seit er seine Wohnung verloren hat: Knast, Leistungsbezüge gestrichen, lange Geschichte. Jetzt bettelt er tagsüber, um Geld für einen Schlafplatz in der Notschlafstelle und für Essen zusammenzubekommen.

Michael hat harte Monate hinter sich. Doch seit ein paar Tagen sei alles noch ein Stück schwerer geworden, erzählt der 51-jährige Dortmunder: „Vorher habe ich im Schnitt meine 10 bis 20 Euro am Tag gemacht, das reichte. Jetzt schaffe ich das nicht mehr.“

Michael (51) ist seit drei Monaten obdachlos. Tagsüber bettelt er auf dem Westenhellweg.

Michael (51) ist seit drei Monaten obdachlos. Tagsüber bettelt er auf dem Westenhellweg. © Thomas Thiel

Das Coronavirus ist nicht nur eine Gefahr für die Gesundheit, es ist auch ein Gift für die gesellschaftlichen Abläufe. Menschen gehen sich aus dem Weg, sollen den Kontakt zueinander meiden. Das ist gut, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen - und schlecht für die Ärmsten in der Gesellschaft, die auf Hilfe anderer angewiesen sind. Nächstenliebe ist schwierig in Zeiten, in denen der Nächste ständig im Verdacht steht, einen anstecken zu können.

Nicht nur sei der Westenhellweg leerer als sonst, erzählt Michael. Auch die Menschen, die noch unterwegs sind, machen einen größeren Bogen um Michael: „Ich komm mir manchmal vor, als hätte ich die Seuche“, sagt der Obdachlose. Bis vor Kurzem hätten ihm vor allem ältere Passanten Geld in die Hand gegeben - „das ist vorbei.“

Eine besonders perfide Folge des Coronavirus ist dabei, dass die Pandemie selbst diejenigen ausbremst, die sich aktiv um Obdachlose kümmern. Etwa die Kana-Suppenküche in der Nordstadt, die seit 30 Jahren kostenlose Mahlzeiten kocht, inzwischen für 200 bis 300 bedürftige Menschen pro Öffnungstag.

Mindestens sechs bis acht, eher zehn ehrenamtliche Mitarbeiter sind nötig, um die mittägliche Essensausgabe in den Räumen an der Mallinckrodtstraße zu bewältigen. Am Montag (16.3.) fanden sich nur vier - die Suppenküche blieb zu. „70 bis 80 Prozent unserer Mitarbeiter sind über 60 Jahre alt und gehören zur Risikogruppe“, sagt Bernd Büscher, Mitglied im Kana-Leitungskreis.

Gast-Haus: Schließung der Waschküche ist „Katastrophe“

„Die Lage ist sehr kritisch“, sagt auch Katrin Lauterborn, Geschäftsführerin der ökumenischen Wohnungslosen-Initiative „Gast-Haus statt Bank“ an der Rheinischen Straße. Sie beziffert den Anteil der Ü-60-Jährigen unter ihren rund 250 Ehrenamtlern auf etwa 50 Prozent. „Immer mehr sagen aus Angst vor einer Ansteckung ab“, berichtet sie.

Die Wäschekammer, in der sich Obdachlose mit frischer Kleidung eindecken und duschen konnten, musste das Gast-Haus bereits einstellen - eine „Katastrophe“, wie Lauterborn sagt -, ebenso alle weiteren Beratungsangebote.

Noch kann das Gast-Haus immerhin Obdachlose mit Nahrung versorgen, wenn auch nur durch eine provisorische Essenausgabe am Eingang des Seelsorge-Raums, bei der eine selbst-montierte Plexiglasscheibe sowohl Ehrenamtler als auch Obdachlose vor den potenziellen Viren des anderen schützt. Die eigentlichen Räume des Gast-Hauses bleiben wegen Ansteckungsgefahr geschlossen.

Am Montagvormittag verteilten die behandschuhten Ehrenamtler auf diese Weise über 300 Lunchpakete an Obdachlose. Im Franziskanerkloster im Kaiserviertel schnürten die Ehrenamtler des Bruder-Jordan-Werks auf ähnliche Weise 60 Frühstückspakete. Auch die Kana-Suppenküche in der Nordstadt entschied in einer Krisensitzung am Montagabend, ihren Mittagsbetrieb in der abgespeckten Version der Essensausgabe nach draußen erst einmal weiterzuführen.

Tafel schließt die meisten ihrer Filialen

Eine andere feste Institution des sozialen Netzes in Dortmund schafft das nicht mehr: Die Tafel schließt ab Dienstag ihre Filialen in Hörde, Körne, Wickede, Scharnhorst, Dorstfeld und Huckarde. Nur noch die Ausgaben in der Haydnstraße und der Osterlandwehr bleiben geöffnet.

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Für Katrin Lauterborn ist die derzeitige prekäre Lage der Hilfsvereine ein untragbarer Zustand: „Ich weiß nicht, wie lange wir das noch gewährleisten können.“ Sie befindet sich nach eigener Aussage in Gesprächen mit der Stadt, um staatliche Unterstützung bei der Versorgung der Bedürftigen zu bekommen: „Das Wichtigste ist, erst einmal den Hunger zu stillen.“

Obdachloser: Will nur keinen anderen anstecken

Wobei das eigentlich nicht reicht: Schließlich sind Obdachlose häufig durch das Leben auf der Straße stark geschwächt und haben nicht selten Lungenkrankheiten, was sie zu einer Coronavirus-Risikogruppe macht.

Der Dortmunder Obdachlose Michael, der auf dem Westenhellweg bettelt, nimmt die erhöhte Gefahr, schwer an der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 zu erkranken, mit Gleichmut: „Wenn ich‘s bekomm‘, dann bekomm‘ ich‘s. Ich möchte es einfach nur schnell wissen, damit ich andere nicht anstecke.“

Straßenmagazin

Bodo stellt Straßenverkauf seines Magazins ein

Als Vorsichtsmaßnahme gegen das Coronavirus stellt der Wohnungslosen-Hilfsverein Bodo mit sofortiger Wirkung den Straßenverkauf seines gleichnamigen Magazins ein. Betroffen sind rund 200 Verkäufer im Raum Bochum, Dortmund, Herne, Witten und Hagen. Um die Einnahmeverluste der meist obdachlosen Verkäufer zu lindern, bietet Bodo eine digitale Solidaritätsausgabe für 5 Euro zum Herunterladen an: www.bodoev.de
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Die Polizei Dortmund appelliert wegen des Coronavirus an die Dortmunder, nur in absolut nötigen Fällen Polizeiwachen aufzusuchen. Alle anderen Anzeigen sollen ab sofort schriftlich erfolgen.

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