Ein Dortmunder Quarantäne-Tagebuch - Tag 1: Und plötzlich bist du nur noch daheim

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Corona - das bedeutet für viele Dortmunder auch: Quarantäne. Es genügt der bloße Kontakt zu einem Erkrankten. Wie das ist, berichtet unsere Autorin täglich in diesem Tagebuch. Tag 1: der Anruf.

von Felicitas Bachmann

Dortmund

, 24.03.2020, 19:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

8.30 Uhr, Müslizeit. Das Gesundheitsamt ruft an. Vor fünf Tagen hatte mein Mann einen geschäftlichen Termin, einer der Gesprächspartner ist Corona-positiv getestet. Jetzt werden die Kontaktpersonen „stillgelegt“. Für uns bedeutet das neun Tage Quarantäne (5 plus 9 = 14 = Inkubationszeit) – und zwar für beide, und das ab sofort. „Haben Sie Haustiere zu versorgen?“, wird noch mal fürsorglich nachgefragt. Haben wir nicht. Und dann sitzen wir da, alleine und das für eine längere Zeit.

Nur gut, dass wir gerade erst im Wohnmobilurlaub geübt haben, wie man wochenlang auf engstem Raum zusammen wohnt. Und bei uns ist es nicht mal eng, wir haben einen Garten und – seit die Kinder ausgezogen sind – eigentlich viel zu viele Zimmer. Der Kühlschrank ist auch noch recht gut gefüllt. Also erstmal keine Panikreaktionen. Im Scherz hatte man eh schon mit den Nachbarn gesprochen, wer für wen was einkaufen kann.

Aber halt, um 9 Uhr wollte der Kundenservice kommen und endlich die Umluft im Herd reparieren. Mist! Ich versuche jemanden an die Strippe zu kriegen und sage ab. Mein Versuch, gleich einen neuen Termin auszumachen für nach der Quarantäne, scheitert allerdings. Die wissen eh noch nicht, wie es weitergeht.

Ist es schlimm?

Nächster Akt: Ein paar Whats-App-Mitteilungen an die Familie. Die Reaktionen sind schnell: „Oh mein Gott, was habt ihr für Symptome, ist es schlimm?“ Das werden wir noch öfter hören. „Wir haben gar keine Symptome, wir müssen nur vorsorglich zu Hause bleiben, falls sich noch Symptome zeigen.“

Das Wetter ist gut, heute stand für mich eh Gartenarbeit an, prima, mein Mann kann jetzt gleich mithelfen! Ich überschlage nochmal im Geiste die Lebensmittelsituation und stelle fest, dass wir für die gemütliche Kaffeepause gar keine Kuchenreste in der Tiefkühltruhe oder wenigstens Kekse haben. Doch im Vorratskeller findet sich noch eine Backmischung „Obstboden“ und eine Dose Birnen.

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Nun gut, die Backmischung war eigentlich nur bis 2011 haltbar (wollte ich nicht immer mal den Vorratskeller aufräumen?) – aber was soll bei Mehl, Zucker, Backpulver schon schlecht werden? Im Nu ist der Mürbeteig angerührt, verbrennt leicht im nicht hundertprozentig funktionierenden Herd und die Birnen reichen auch nicht für den ganzen Tortenboden. Also werden die Löcher im Belag noch mit einer Banane und ein paar TK-Himbeeren gefüllt. Natürlich habe ich nur noch roten Tortenguss, ebenfalls leicht über dem Verfallsdatum, aber darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.

Glücksgefühle in der Garage

Nach drei Stunden im Garten schmeckt das Quarantäne-Machwerk ziemlich gut – so ein bisschen fühlt es sich nach Pioniergeist, Campingküche und total kreativ an. Und beim Wegräumen der Gartengeräte gibt’s dann gleich noch ein zweites Glücksgefühl. Immer schon wollten wir die Garage mal aufräumen, aber am Wochenende macht man ja lieber was anderes. Wie im Rausch stapeln wir Blumentöpfe, sortieren mehr als die Hälfte der gesammelten Bälle von diversen Fußball-, Handballcamps und Weltspartagen aus, trennen uns von drei Kinderschaufeln – die verbleibenden zwei reichen auch erstmal für die noch gar nicht vorhandenen Enkel aus – und sind um 7 Uhr abends erschöpft, aber sehr zufrieden mit dem ersten Tag Quarantäne.

Die Quarantäne, über die in diesem Beitrag gesprochen wird, hat am 19.3. begonnen. Wir starten jetzt mit dieser Reihe mit täglichen Berichten.

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