Branche in doppelter Coronavirus-Not: Reisebüros drohen hohe Rückzahlungen

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Die Reisebranche hat die Corona-Krise sehr stark erwischt. Reisebüros wie das von Thorsten Eustrup in Dortmund leiden nicht nur, weil im Moment kaum Reisen gebucht werden.

Lütgendortmund

, 28.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Thorsten Eustrup (43) gehört das Reisebüro Köhler in Lütgendortmund. Ihm platze der Kragen, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion: Das Coronavirus hat eine ganze Branche tief in die Krise gestoßen. Blitzartig.

Eine Reisewarnung gilt praktisch global: Menschen in Deutschland sind angehalten, das Land nicht zu verlassen. Nicht einmal in deutsche Touristenregionen sollen sie noch fahren. Die Bundesregierung unternimmt enorme Anstrengungen, um alle deutschen Urlauber aus der ganzen Welt zurückzuholen.

Die Ausbreitung des Virus soll gestoppt werden. Dabei nimmt man wirtschaftliche Schäden in Kauf. Die Tourismusbranche hat rund drei Millionen Angestellte in Deutschland. Es gibt offiziellen Angaben zufolge mehr als 10.000 stationäre Reisebüros in Deutschland mit rund 300.000 Mitarbeitern.

„Wir stecken in einer Sondersituation“

Bei Tui Travel Star an der Limbecker Straße stört Inhaber Thorsten Eustrup vor allem eines: „Alle berichten über Umsatzeinbrüche beim Friseur, Massage, Beauty, Eventgewerbe“, sagt er. „Ich glaube, Mitbürger und Regierung verstehen nicht, dass wir in den Reisebüros in einer Sondersituation stecken.“

Zum Friseur geht man, kommt mit geschnitten Haaren wieder raus und bezahlt die erbrachte Leistung. Beim Reisebüro lässt man sich Angebote zeigen, eine maßgeschneiderte Reise ausarbeiten, die Buchung vornehmen. Wer rausgeht, darf sich zwar auf die Reise freuen, tritt sie aber in der Regel erst in Monaten an.

„Zu dem Zeitpunkt ist ein Großteil an Provisionen für unsere Leistung geflossen“, sagt Eustrup. Zurecht, denn er hat sie ja mit der Beratung gegenüber dem Kunden vollständig erbracht. Das Problem: Bei einer Absage einer Pauschalreise ist eine Rückzahlung fällig. Der Kunde bekommt sein Geld, für ihn ist das gut. Aber Reisebüros müssen ihre Provision an die Reiseveranstalter zurückzahlen - trotz erbrachter Leistung.

Hinzu kommt: Es gibt so gut wie keine neuen Buchungen. Einige Optimisten und Stammkunden buchen derzeit Reisen zu Weihnachten oder für nächstes Jahr. Aber der Großteil wartet ab. Niemand weiß, wie lange die Sperren bleiben.

Plakativer Restaurant-Vergleich

Eustrup zieht einen plakativen Vergleich: „Ich kann nicht die Leistung, die ich im Restaurant erhalten habe, nach einigen Monaten zurückfordern. In der Tourismusbranche ist das ein einzigartiges Phänomen.“

29 Reisebüro-Verbände und -Kooperationsnetzwerke haben darum jetzt über den Dachverband der Tourismuswirtschaft (BTW) einen Brandbrief an die Bundesregierung formuliert. Darin fordern sie, statt der derzeit üblichen Barauszahlung der Kundengelder bei gebuchten Reisen eine Gutschein- oder Notfonds-Lösung zu schaffen, „um Liquidität in den durch die Krise angeschlagenen Unternehmen zu halten“.

Andere Nachbarländer, so Eustrup, handhaben das schon anders: In Belgien, den Niederlanden oder Italien werde das Geld nicht zurückgezahlt. Die Anzahlung oder Vollzahlung wird als Gutschein zurückgegeben. Der Reisebetrag wird staatlich gesichert und muss binnen zwölf Monaten beim Reisebüro wieder eingesetzt werden für eine neue Buchung. „Das prüft gerade auch die Bundesregierung“, so Eustrup, der seine ganze Hoffnung in diese Lösung setzt.

Extrem hohe Rückforderungen befürchtet

Reiseveranstalter Tui, mit dem er rund 60 Prozent seines Umsatzes macht, bietet inzwischen an, Reisen auf einen anderen Termin umzubuchen, auch ins nächste Jahr. Ziel ist: Der Kunde soll nicht stornieren, das Geld soll nicht zurückfließen. „Was ich zurzeit nicht verdiene, kann ich ja berechnen“, sagt Eustrup. „Aber was ich noch zurückzahlen muss, ist nicht klar. So entstehen eventuell extrem hohe Rückforderungen, für die unsere Rücklagen niemals reichen.“

Er habe mit einigen Kunden genau darüber zuletzt öfter gesprochen: „Viele sagen: Wenn ich eine Gutschrift mit einer Gültigkeit von 12 oder 24 Monaten habe, dann ist das kein Problem für mich.“ Denn viele wüssten ja selbst nicht: Kriegen sie dieses Jahr noch Urlaub? Müssen sie selbst vielleicht in Kurzarbeit? „Darum ist die eigene Unsicherheit groß“, so Eustrup. „Für unsere Branche wäre es besser, wenn alle einen Beitrag leisten.“

Thorsten Eustrup vom Reisebüro Köhler in Lütgendortmund: „Golfkrieg, 11. September, Condor-Pleite: Aber das waren eine Region, ein Land, ein Veranstalter - diesmal aber ist es die ganze Welt.“

Thorsten Eustrup vom Reisebüro Köhler: „Golfkrieg, 11. September, Condor-Pleite: Aber das waren eine Region, ein Land, ein Veranstalter - diesmal aber ist es die ganze Welt.“ © Eustrup

Selbst kann er solche Vereinbarungen nicht treffen. „Die Rechtslage muss erst geändert werden“, sagt Eustrup. Für ihn ist das existenziell: Bei ihm im Büro, Familiengeschäft seit über 50 Jahren, arbeiten fünf Personen. Er, seine Frau, eine Vollzeitkraft zwei Jahre vor der Rente, eine Auszubildende, ein Minijobber. Diese Konstellation, als Familienbande abhängig zu sein, sei bei privaten freien Reisebüros üblich.

Kurzarbeit für mehr als ein halbes Jahr?

Sie alle sind in Kurzarbeit. Die ist beantragt, Fördergeld aus den Hilfspaketen auch. Wie lange wird die Branche brauchen, um ein gewisses Level wieder zu erreichen? Mit Kurzarbeit rechnet Eustrup mit sechs bis acht Monaten - mindestens. Das Geschäft ist geschlossen, aber per Telefon und über andere Kanäle erreichbar. Er arbeitet im Home Office und ohne konkrete Arbeitszeit.

Der Golfkrieg, der 11. September: erschütternde Ereignisse fürs Lütgendortmunder Reisebüro. Auch wenn einzelne Veranstalter pleite gehen, ist das schlecht. „Aber das waren eine Region, ein Land, ein Veranstalter - diesmal ist es die ganze Welt“, so Eustrup.

So ist die rechtliche Lage

  • Nach einer rechtlichen Einordnung der Allianz der Reiseveranstalter (asr) handelt es sich immer dann um eine Pauschalreise, wenn mindestens zwei Hauptreiseleistungen in einem Paket gebucht wurden. Dazu zählen auch Kreuzfahrten und Tagesreisen, die mehr als 500 Euro kosten.
  • Vor Reiseantritt können sowohl der Reiseveranstalter als auch der Reisende wegen unvermeidbarer, außergewöhnlicher Umständen kündigen. Das ist im Bürgerlichen Gesetzbuch geregelt.
  • Eine Stornoentschädigung kann der Reiseveranstalter nicht geltend machen.
  • Auch der Reiseveranstalter kann eine Reise absagen, wenn aufgrund der Epidemie ein deutlich erhöhtes Ansteckungsrisiko besteht.
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