Zahnarzt-Mundschutz gegen Corona? „Wie ein Tennisschläger, der eine Ladung Reis abwehren soll“

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Wegen der hohen Ansteckungsgefahr für die Praxis-Belegschaft mit dem Coronavirus sieht ein Dortmunder Zahnarzt nur eine Lösung: Die Behörden sollen die Zahnarztpraxen dicht machen.

Dortmund

, 27.03.2020, 08:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zahnärzte, Augenärzte oder Hals-Nasen-Ohrenärzte stehen an vorderster Front, wenn es um das Risiko geht, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Und sie stecken im Zwiespalt: Sie müssen die Versorgung der Patienten sicherstellen, aber auch ihre Mitarbeiter schützen. Doch wenn die notwendige Schutzkleidung nicht zu bekommen ist, ist dieser Spagat nicht zu schaffen.

Der Dortmunder Zahnarzt Dr. Stefan Smolen kann mit seiner Gemeinschaftspraxis nicht für alle Kollegen sprechen, aber das Problem hautnah aus seiner Praxis beschreiben.

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Ein Mindestabstand, sagt er, könne weder bei der zahnärztlichen Behandlung noch bei der Pflegekraft oder beim Hals-, Nasen-, Ohrenarzt eingehalten werden. „Viel schwerwiegender ist aber bei der zahnärztlichen Behandlung die Tatsache, dass aufgrund der höchst infektiösen Aerosolbildung – kleinste Tröpfchen mit Viren vermischt, die in der Luft stehen bleiben – eine nicht kalkulierbare Gefahr für das zahnmedizinische Personal besteht, denen keine Covid-19-Schutzkleidung wie ein FFP3-Mundschutz zur Verfügung steht beziehungsweise gestellt wird“, berichtet Dr. Smolen. Der derzeit zur Verfügung stehende Mundschutz gleiche aufgrund der Porengröße „einem Tennisschläger, der eine Ladung Reis abwehren soll“.

Im Gewissenskonflikt

Dr. Smolen vermisst zudem eine genaue Anweisung der Zahnärztekammer, wie mit dem Problem umzugehen ist. Von dort komme lediglich die Information, es solle nur eine Notfallbehandlung gewährleistet werden. Eine normale Behandlung, die verschoben werden kann, solle nicht mehr durchgeführt werden.

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„Heißt ,soll’ nun ,muss‘ oder ,wäre ratsam‘“, fragt sich der Zahnarzt: „Darf keine weitere Behandlung durchgeführt werden? Letzteres bedeutet für viele Zahnärzte das wirtschaftliche Aus, da aufgrund einer fehlenden behördlichen Anordnung wie bei Friseuren et cetera auch die rechtliche Grundlage von Ersatzansprüchen nicht gegeben ist.“

Zahnärzte befänden sich dementsprechend in einem Gewissenskonflikt, so Smolen: „Auf der einen Seite die gesicherte Notfallversorgung der Patienten zu gewährleisten und auf der anderen Seite als Arbeitgeber die Fürsorgepflicht für die Mitarbeiter und deren Angehörige.“

Schutzkleidung für die Notdienste

Deshalb wünsche seine Praxis sich eine behördliche Schließung der Praxen unter Aufrechterhaltung der Notfalldienste, die mit entsprechender Schutzkleidung ausgestattet werden.

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Wie viele andere Dortmunder Praxen auch habe seine eigene Praxis mit den Mitarbeitern, die auch teilweise unter Vorerkrankungen litten oder ältere Familienangehörige zu Hause pflegten, ein Notfallkonzept bis zum 19. April abgestimmt. Smolen: „Ein Behandler und eine Mitarbeiterin haben sich freiwillig bereit erklärt, eine tägliche, dreistündige Notfallbehandlung anzubieten. Aber eine klare, für alle Seiten bezüglich der Gesundheit zufriedenstellende Lösung, kann unseren Erachtens nur eine behördliche Anordnung erwirken.“

Finanzielle Absicherung

So deutlich allerdings formulieren es die Zahnärztekammer Westfalen-Lippe und die Kassenzahnärztliche Vereinigung nicht. Sie fordern lediglich in einer gemeinsamen Presseerklärung von der Politik, die längst notwendigen Voraussetzungen zur Versorgung der Patienten zu gewährleisten.

„Dazu gehört neben der Verfügbarkeit von Schutzausrüstung zwingend wegen eines Einbruchs der Patientennachfrage auch eine finanzielle Absicherung der Zahnarztpraxen zur Sicherung ihrer Existenz, damit die Versorgung der Patienten auf dem erforderlichen Niveau fortgesetzt werden kann und Arbeitsplätze erhalten werden können“, heißt es in der Erklärung.

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