Soul-Legende Curtis Mayfield bei seinem Auftritt in der Live Station in Dortmund im April 1990. © Oskar Neubauer
Unvergessene Dortmunder Konzerte

Curtis Mayfield spielte vor dramatischem Unfall in der Live Station

Der Auftritt von Soul-Legende Curtis Mayfield im April 1990 gehört zu den Sternstunden der Live Station am Hauptbahnhof in Dortmund. Er zeigt: Große Abende sind auch in kleinen Hallen möglich.

Der 3. April 1990 ist der Tag, an dem einer der ganz Großen der Musikgeschichte in Dortmund ankommt. Curtis Mayfield (1942-1999) spielt mit seiner Band in der Live Station. Der Club an einem Nebengleis des Hauptbahnhofs steht damals fest im Kalender vieler Künstler.

Dass es gelingt, Curtis Mayfield hierher zu holen, nach Meinung vieler Experten schon damals einer der einflussreichsten und technisch besten Gitarristen und Sänger der jüngeren Musikgeschichte, ist allerdings außergewöhnlich. Das Interesse an dem Konzert ist entsprechend groß.

Mit der Band The Impressions und solo mit „Move on up“ oder „Superfly“ hatte er die Entwicklung der Soulmusik maßgeblich beeinflusst. Der US-Amerikaner ist 1990 mit 48 schon im mittleren Musikeralter und kommerziell nicht mehr so erfolgreich wie in den 60er- und 70er-Jahren.

Aber zahlreiche Tributes, Samples und Tourneen in der ganzen Welt zeigen: Er ist immer noch „Curtis“, der Mann, der den Soul (mit)erfunden hat.

Respekt und hohe Erwartungshaltung bei Musikern im Publikum

Der Respekt und die gleichzeitig hohe Erwartungshaltung sind im Raum spürbar, in den sich gut 600 Menschen drängen. Oskar Neubauer, damals als Fotograf für die Ruhr Nachrichten und als Musikfan vor Ort, erinnert sich: „Es waren enorm viele Dortmunder Musiker im Publikum, die alle sehen wollten, wie er wirklich spielt. Das sieht man sonst selten.“

Der Fotograf Oskar Neubauer in seiner Zeit als Volontär bei den Ruhr Nachrichten.
Der Fotograf Oskar Neubauer in seiner Zeit als Volontär bei den Ruhr Nachrichten. © Oskar Neubauer (Archiv) © Oskar Neubauer (Archiv)

Curtis Mayfield trägt an dem Abend die für ihn so stilprägende schwarze Mütze auf dem Kopf und die runde Brille auf der Nase, die Hemdsärmel sind hochgekrempelt. „Er hat auf jede Deko verzichtet. Da waren nur er und die Band“, sagt Oskar Neubauer.

„Durch die Nähe im Club konnte man von jeder Position aus spüren, was er für eine Ausstrahlung hatte“, sagt er.

„Superfly“, Kopfstimme und politische Botschaften

Curtis Mayfield gibt dem Dortmunder Publikum direkt am Anfang den Überhit „Superfly“ von 1972. Er gibt ihm sein Gitarrenspiel, das oft im Hintergrund bleibt, aber dann plötzlich so präsent wird, dass den Hobby-Gitarristen in der Live Station der Atem stockt. Die Band bildete die stabile Soul-Basis und hält sich in den richtigen Momenten zurück.

Er gibt dem Publikum auch diese sanfte Kopfstimme, mit der er tiefgründige Geschichten mit wichtiger Botschaft erzählt. Mayfield ist mit fast 50 nicht müde, mit seinen Songs Ansagen gegen Rassismus und Unterdrückung in den USA zu machen.

Der Künstler und seine Musik spielen eine wichtige Rolle für die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Er gehörte mit Songs wie „Keep On Pushing“ oder „We Are The People Darker Than Blue“ zu den ersten, die explizit über Missstände sangen. Bis zu seinem Tod blieb Mayfield engagiert.

Der Abend hat eine spirituelle Note

In Dortmund hören ihm die Menschen zu. Fotograf Oskar Neubauer erinnert sich, dass das Konzert phasenweise eine spirituelle Note bekommen habe. „Die Menschen haben sich umarmt und berührt. Die Stimmung erinnerte an einen Gospel-Gottesdienst, nur dass es dafür zu rockig war.“

Es ist Curtis Mayfields letzte Europa-Tournee. Denn sein Leben verändert sich nur vier Monate nach dem Auftritt in Dortmunder auf so plötzliche wie dramatische Weise. Bei einem Open-Air-Auftritt in Brooklyn wird er am 13. August 1990 von einer herabstürzenden Scheinwerfer-Traverse getroffen.

Den Unfall vor den Augen von 10.000 Zuschauern beschrieb Mayfield einige Jahre später so: ,Hier kommt Curtis Mayfield‘, schrie der Ansager, und ich nahm die Stufen hinauf zur Bühne. Oben angekommen ging ich drei oder vier Schritte. Doch dann lag ich plötzlich völlig flach auf dem Boden – ohne Gitarre, ohne Schuhe, ohne Brille, völlig gelähmt.“

Drei Wirbel sind gebrochen, der 48-Jährige ist vom Hals abwärts gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Er kann nie wieder Gitarre spielen. Trotzdem produziert er weiter Musik. Doch sein Gesundheitszustand verschlechtert sich nach und nach. Am 26.12.1999 stirbt er an den Folgen der Lähmung und einer fortgeschrittenen Diabetes-Erkrankung.

Eines von vielen unvergessenen Konzerten in der Live Station

Es gibt Dortmunder Musiker, die es rückblickend als Ehre empfinden, einen Musiker dieser Kategorie live in ihrer Stadt erlebt zu haben. Für Dortmunder Soul-Fans waren die Bühnenbretter in der Live Station spätestens ab diesem Moment heiliger Boden.

Der Besuch von Curtis Mayfield in „West-Germany“ steht für viele legendäre Konzertabende, die vor allem die 80er- und 90er-Jahre in dem ehemaligen Pornokino in der Live Station prägten. Die Liste der Namen, die hier auf der Bühne standen, ist lang und prominent bestückt.

Der Eingang zur Live-Station am Dortmunder Hauptbahnhof.
Der Eingang zur Live-Station am Dortmunder Hauptbahnhof. © Knut Vahlensieck (Archiv) © Knut Vahlensieck (Archiv)

Udo Lindenberg steht darauf. Schließlich hatte Steffi Stephan, Lindenbergs Bassist die Live Station überhaupt erst aus der Taufe gehoben. Die Ärzte und Helge Schneider spielen hier in ihrer Frühphase, aber auch zahlreiche Reggae-Acts wie Jimmy Cliff und vieles, was in diesen Jahren als Avantgarde gilt.

Teilweise finden hier bis zu 25 Konzerte pro Monat statt. Fast 2000 werden es gewesen sein, als die Live Station 2009 schließen muss, weil in den Umbauplänen für den Hauptbahnhof kein Platz mehr für Konzerte und Disko ist.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth

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