Das 35. "Favoriten Festival" zeigte 21 Produktionen zum Thema Arbeit

mlzTanz- und Performance-Festival

An zehn Tagen präsentierte das Festival an verschiedenen Orten die gesamte Palette der performativen Künste und Darstellungen mit politischen wie gesellschaftlichen Fragestellungen

Dortmund

, 28.09.2020, 11:27 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es war in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderes Festival, das lange Zeit auf der Kippe stand und nun erfolgreich auf das zehntägige Programm zurückschauen kann: das "Theaterfestival Favoriten 2020". Die 35. Ausgabe des bundesweit ältesten Festivals für die Freien Darstellenden Künste realisierte in zehn Tagen 21 Produktionen mit über 70 Vorstellungen. Damit war es das erste, geballte Lebenszeichen der freien Szene nach der Corona-Zwangspause in NRW. "Wir hatten einfach zehn tolle Tage mit ganz viel positiven Rückmeldungen der beteiligten Künstler", so Olivia Ebert, die zusammen mit Fanti Baum nach 2018 das zweite Mal die künstlerische Leitung innehatte.

Das Thema "Arbeit" gesellschaftskritisch inszeniert

Alle zwei Jahre werden im Rahmen des Festivals unterschiedliche, freie Produktionen aus den Bereichen Tanz, Theater und Performance gezeigt – dieses Jahr ergänzt um thematische Diskussionsrunden, Lesungen und Kinofilme als Sonderformat "Masallah". Dabei hätte das Motto des diesjährigen Favoriten Festivals nicht besser passen können. Denn mit "While we are working" (Während wir arbeiten) drehte sich alles um den Themenkomplex der Arbeit. Ein zu Coronazeiten sehr sensibles wie wichtiges Thema, vor allem mit dem Blick auf die freie Kulturszene und somit alle beteiligten Künstler. Letztere dankten den beiden dafür, dass es final zu diesem Festival unter Realbedingen kam. "Wir wollten an der Idee des analogen Festivals festhalten, und das haben wir geschafft", unterstreicht Baum.

Erst Mitte Juli fiel die Entscheidung zur Austragung und trotz der hohen Mehrbelastung für alle, realisierte das Gesamtteam der Favoriten mit allen Coronaauflagen ein großartiges und innovatives Programm. Zu den Besonderheiten der Produktion zählte auch die neue Doppelbühne in der Halle des Depots, um Besucherströme zu entzerren. So wurde das Feld der Arbeitswelt in den zehn Tagen verschiedenst inszeniert. Dies geschah in der Form von Tanz, Theater, Ballett, Oper, Performances, szenischen Lesungen, Beteiligungsprojekten, Diskussionsforen oder auch Kinofilmen – an Orten wie dem Depot als Produktionszentrum, der Union Werkhalle, dem Domicil, dem DKH, dem Roxy, einer Gartenstadt-Wohnung sowie einem Cityleerstand. Der Facettenreichtum der Aufführungen war dabei ebenso interessant wie deren inhaltliche Darstellungen.

Vom Arebistlosenballett bis zum bunten Schlaflabor

So wurden im Kontext des Mottos "Arbeit" kollektive Arbeitsweisen präsentiert, die gesellschaftsrelevante Themen wie Rassismus, Sexismus, Wertigkeit der Arbeit, Kunst als Arbeit oder Streikformen künstlerisch umsetzten und sich der Frage widmen, was Arbeit überhaupt ist. So gab es beispielsweise die beteiligungsorientierte Performance-Inszenierung "Schlaflabor" des "Transnationalen Ensemble Labsa" in der Werkhalle des Union Gewerbehofs. Aufgebaut als offene Nähwerkstatt entstanden dort Kostüme, die später Teil der Aufführung wurden – die wiederum als farbenfrohes Schlaflabor die Rolle des Schlafens in der Alltags- und Arbeitskultur hinterfragte. Ein völlig anderer, dennoch nicht weniger innovativer wie außergewöhnlicher Ansatz verfolgte das "Erste Oberhausener-Dortmunder Arbeitslosenballett" von Thomas Lehmen in einem Leerstand neben der Petri Kirche.

Die performative Inszenierung "Schlaflabor" des "Transnationalen Ensemble Labsa" in der Union Werkhalle war sehr publikumsnah und höchst unterhaltsam.

Die performative Inszenierung "Schlaflabor" des "Transnationalen Ensemble Labsa" in der Union Werkhalle war sehr publikumsnah und höchst unterhaltsam. © Didi Stahlschmidt

Mit kritischem Blick auf die Zumutungen der Arbeitswelt tanzten sich Laien und Profis in die Herzen der Zuschauer. Der dortige Slogan "Wir machen alles für unsere Stadt – sogar Kunst!" brachte das Verhältnis des Favoriten Festivals für die Stadt gut auf den Punkt. Denn die diesjährige Ausgabe als Präsenskunst war ein wichtiges Lebenszeichen aus und für die freie Szene. Dazu kam das fast prophetisch anmutende Thema "Arbeit", das in seiner coronabedingten Doppeldeutigkeit auch den gesellschaftlichen Stellenwert der Kultur unterstrich.

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