Besuchsverbot im Pflegeheim: 95-Jährige fragt ständig nach ihrem Heinz

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Besuche in Pflegeheimen für Senioren sind seit Wochen für Angehörige tabu. Das dient dem Schutz der 6000 Bewohner. Doch es hat gravierende Folgen für den Alltag vieler Familien.

Dortmund

, 03.04.2020, 17:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mal eben kurz schauen, wie es der Mutter, dem Vater oder dem Ehepartner geht: Für Tausende Dortmunder ist das wegen der Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus nicht mehr möglich. In Senioreneinrichtungen gilt seit Mitte März ein Besuchsverbot, schon seit Februar gibt es Einschränkungen. Denn die Bewohner sind besonders gefährdet.

Das Besuchsverbot greift massiv in gewohnte Abläufe vieler Dortmunder ein. Einer von ihnen ist Heinz Rudnick (67) aus dem Stadtteil Bittermark. „Ich darf meine Tante Marianne im Pflegeheim nicht mehr besuchen“, sagt er. Dies mache der 95-Jährigen sehr zu schaffen - und ihm auch.

Dortmunder sorgt sich um seine 95-jährige Tante

„Bei den Besuchen blüht sie regelrecht auf. Das ist ihre letzte Freude. Als der Kontakt zu anderen Heimbewohnern noch möglich war, spürte man immer die Freude, wenn man sich mit ihnen unterhielt oder sie in das Gespräch mit einbezog.“ Die 95-Jährige verstehe die Situation. „Aber es ist trotzdem sehr bitter“, sagt ihr Neffe.

Als einzige Verbindung bleiben das Telefon und handgeschriebene Briefe mit Oster-Grüßen. „Skypen kann ich mit einer 95-Jährigen nicht“, sagt Heinz Rudnick.

Tante Marianne frage regelmäßig, wann sie „ihren Heinz“ denn sehen könne. Die ehrliche Antwort lautet: Das kann im Moment niemand sagen.

Unruhe und Desorientierung: Viele Pflegeheim-Bewohner belastet die Situation

Laut Katrin Moormann, Sprecherin der Arbeiterwohlfahrt Dortmund, belastet die Situation der vergangenen vier Wochen viele Bewohner. „Unruhe und Desorientierung nehmen zu. Es besteht die Gefahr, dass sich der Gesundheitszustand durch weniger Bewegung und Mobilität verschlechtert“, sagt Katrin Moormann.

Zudem steige der Pflegebedarf, weil Therapien wie Krankengymnastik wegfallen. „Pflegekräfte sind nun auch Ersatz für die reduzierten Sozialkontakte der Menschen“, sagt Katrin Moormann. Das erhöhe die Belastung zusätzlich.

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In den städtischen Seniorenheimen beobachtet Martin Kaiser viel Kreativität im Umgang mit den aktuellen Regeln. Angehörige kommunizierten über Botschaften an den Fenstern oder über Briefe mit Bewohnern. Viele Einrichtungen nutzten Videotelefonie über Tablets, um den Bewohnern den Blick nach außen zu bewahren. Mitarbeiter helfen den Senioren beim Einrichten der Verbindungen.

In den sechs Dortmunder Awo-Einrichtungen wurden die Betreuungszeiten bis in die Abendstunden ausgeweitet. Zudem organisieren einige Seniorenzentren Balkonkonzerte für die Bewohner.

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Denn neben den Verwandtenbesuchen sind auch andere gemeinschaftliche und für die Bewohner Sinn und Struktur stiftende Aktivitäten wie gemeinsames Singen oder Basteln im Moment nicht möglich.

Angehöriger fragt sich: Schadet die Isolation mehr, als sie nutzt?

Heinz Rudnick hält die komplette Isolation von Senioreneinrichtungen dennoch für „kontraproduktiv, wenn nicht sogar gefährlich“. Er befürchtet, dass die fehlenden sozialen Kontakte größeren Schaden auslösen könnten als kontrollierte Besuche nach strengen Abstands- und Hygieneregeln.

Martin Kaiser, Geschäftsführer der acht städtischen Seniorenheime, hält dem entgegen, dass die Abschottung der Einrichtungen im Augenblick die einzige Möglichkeit sei. „Das Virus kann nur von außen hineingebracht werden. Wir schützen damit die Bewohner vor einer Ansteckung“, sagt er.

Verständnis bei Angehörigen - aber es gibt auch Versuche, das Besuchsverbot zu brechen

Bei den Angehörigen von Bewohnern beobachten die Dortmunder Heimbetreiber bislang überwiegend Verständnis für die Maßnahmen. Für die Awo-Seniorenzentren schildert Katrin Moormann allerdings auch diese Beobachtung: „Leider gibt es sehr vereinzelt uneinsichtige Angehörige, die versuchen sich unbefugten Zutritt zu verschaffen, zum Beispiel durch Einstieg über Balkone im Erdgeschoss.“ Vereinzelt gebe es schriftliche Beschwerden an die Seniorenzentren zum Besuchsverbot.

In NRW gab es bisher mehr als 30 Tote in Pflegeheimen. In Köln starben innerhalb weniger Tage fünf Personen an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus. In Wolfsburg und Würzburg kam es in einzelnen Einrichtungen zu Dutzenden Todesfällen infolge eines Covid-19-Ausbruchs. Die Ansteckung ging hier auf das Pflegepersonal zurück.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz mit Sitz in Dortmund hatte zuletzt Verantwortungslosigkeit beim Schutz von Pflegeheimen in der Coronakrise kritisiert. Die Stiftung fordert unter anderem Tests bei Personal und mehr Schutzmaterial.

In den Dortmunder Seniorenheimen herrschen neben dem Besuchsverbot strenge Hygieneregeln. So gibt es unter anderem flächendeckend Eingangsschleusen für das Personal, alle Lieferketten sind so verändert worden, dass es keinen Kontakt zu Bewohnern gibt.

Alte Menschen wissen, wann die Zeit ist, um Ruhe zu bewahren

Der Geschäftsführer der städtischen Seniorenheime meint: „Im Moment herrscht eine ruhige Stimmung. Viele der Bewohner haben noch den Krieg erlebt. Sie wissen, wann die Zeit ist, um Ruhe zu bewahren.“ Der Zustand sei noch eine Weile auszuhalten. „Aber wir hoffen, dass wir irgendwann unsere Häuser wieder öffnen können.“

Heinz Rudnick versucht den Kontakt zu seiner Tante Marianne in dieser schwierigen Zeit so gut es geht aufrechtzuerhalten. „Ich hoffe, dass die Einsamkeit nicht zu einem depressiven Schub bei ihr führt“, sagt der 67-Jährige.

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