Digitale Lehre an der Uni: Hören die mir zu? Oder holen die sich Kaffee?

mlzEin TU-Professor berichtet

Für Hochschullehrer birgt das digitale Lehren neue Herausforderungen – technische und zwischenmenschliche. TU-Professor Andreas Hoffjan berichtet von den ersten Wochen des Corona-Semesters.

Dortmund

, 06.05.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Drei Stunden Online-Vorlesung, eine Stunde Videokonferenz mit Mitarbeitern, eine Skype-Sprechstunde mit drei Studenten und eine Generalprobe für eine digitale Dissertationsprüfung – ein Tag aus dem Corona-Semester von Prof. Dr. Andreas Hoffjan.

Der Lehrstuhlinhaber für Unternehmensrechnung und Controlling an der TU Dortmund mag danach nicht mehr seinem Bildschirm gegenübersitzen. Die mit dem Sommersemester am 20. April gestartete Lehre per WLAN statt Hörsaal und Seminar hat Vorteile, aber sie schlaucht auch. Und nicht nur das.

„Die Atmosphäre und Stimmung im Hörsaal fehlen komplett“, berichtet der 52-jährige Wissenschaftler, der Vorlesungen vor bis zu 700 Studierenden hält. Online könne er nicht – wie sonst – feststellen, ob die Studierenden aufmerksam zuhören, vorzeitig gehen oder am Ende klatschen. „Man sieht keine Gesichter, hört keinen Geräuschpegel, man sieht nur eine Teilnehmerliste, weiß aber nicht, holen die sich Kaffee oder schreiben die Mails.“ Fragen stellen Studierende per Chat und nicht zwingend unter ihrem Klarnamen.

Soziale Komponente kommt zu kurz

Nicht nur für ihn, sondern auch für die Studenten komme die gesamte soziale Komponente zu kurz, sagt Hoffjan. „Eine Vorlesung ist für Studenten auch ein Event, da kommt man zusammen, macht Kontakte klar, organisiert Partys.“

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Technisch habe alles bisher gut geklappt, so der Hochschullehrer, „wenn nicht, lag das nicht an der IT-Abteilung der TU Dortmund, sondern am individuellen Unvermögen oder an der Qualität des Netzes.“ Bei 700 Leuten in einer Vorlesung habe man auf der anderen Seite auch einen „Zoo von Endgeräten“. Probleme habe es zum Beispiel mit Apple-iPads gegeben.

Auch wenn Studenten ihre Mikros nicht stumm schalten, gibt es unangenehme Rückkopplungen oder alle anderen Kommilitonen hören statt Hoffjans Worten das Rascheln von Papierunterlagen. Um technische Probleme dieser Art schnell auszuschalten, habe er bei den ersten beiden Veranstaltungen immer jemanden neben sich sitzen gehabt, berichtet Hoffjan. Die Studierenden hätten sich zudem per Chat untereinander geholfen.

Komfort für die Netflix-Generation

Man müsse sich eben „eingrooven“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Schließlich entdeckten Studierende wie Dozenten durch die digitale Lehre auch ganz neue Möglichkeiten. Er halte montagmorgens die erste Vorlesung in der Fakultät. Die Studierenden fänden es super, dass sie die Vorlesungen nun zeitunabhängig im Netz abrufen könnten. Hoffjan: „Ich habe die ersten zwei Wochen nur live gestreamt, dann sahen wir uns aber gezwungen, das entsprechend umzustellen.“ Die Netflix-Generation sei den Komfort eines Video-Abrufs gewöhnt.

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„Ich denke, wenn Corona vorbei ist, wird man Dinge davon mitnehmen“, sagt der Hochschullehrer. Zum Beispiel mussten Doktoranden, die häufig schon woanders in der Republik oder darüber hinaus einem Job nachgingen, bislang für das abschließende Kolloquium extra noch einmal nach Dortmund kommen. „Für manche war das mit einem erheblichen Aufwand verbunden.“ Das geht aber auch online.

Kontrolle mit Quizfragen

Mit Videokonferenzen, die in der Wirtschaft gang und gäbe seien, und Online-Veranstaltungen ließen sich ebenso in der Wissenschaft Dinge abbilden und gemischte Teams einrichten. „Das ist auch ein Beitrag zur Internationalisierung.“

Auch wenn Prof. Hoffjan in seinen Vorlesungen keine Studierenden direkt ansprechen kann, nutzt er doch eine Möglichkeit, um festzustellen, wie viele bei der Vorlesung live anwesend waren und was tatsächlich hängengeblieben ist. Das Instrument hat er auch bei seinen herkömmlichen Vorlesungen eingesetzt: Er stellt am Ende Quizfragen. Mit Live-Abstimmung.

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