„Das Haus war voll mit Nazi-Kram“: Dortmunder verwandeln eine Bruchbude in einen Wohn-Traum

mlzSerie „So wohnt Dortmund“

Ina Feierabend liebt alles, was alt ist, ihre größte Inspiration sind englische Landhäuser. In ihrem Fachwerkhaus in Lanstrop hat sie sich richtig ausgetobt. Der Anfang war schwer.

Dortmund

, 09.02.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zu den ersten Dingen, die Ina Feierabend und ihr Mann taten, als sie ihr Haus gekauft hatten, gehörte es, im Garten ein paar Gräber zu schaufeln.

Der Inhalt dutzender Einmachgläser fand in diesen Gräbern seine letzte Ruhe. Eingelegtes Gemüse aus den 60er Jahren, Marmelade aus den 70ern, jahrzehntelang aufbewahrt im Keller des Hauses in Lanstrop - für schlechte Zeiten.

Schlechte Zeiten, die im Leben der alten Besitzer nicht mehr kamen. Also fiel die Notration dem Ehepaar Feierabend in die Hände.

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Auch Möbel hinterließen die alten Besitzer, außerdem Geschirr, Küchengeräte, Kleider und alles, was sich sonst im Leben eines Menschen in einem Haus sammelt. Durch das Esszimmer kam man nur seitlich durch, so voll gestellt war es.

„Für mich war das Haus eine einzige Schatzgrube“, erzählt Ina Feierabend heute mit leuchtenden Augen. Seit 25 Jahren wohnt sie mit ihrer Familie in dem alten Fachwerkhaus in Lanstrop. Als sie und ihr Mann das Haus, das 1899 gebaut wurde, kauften, stand es bereits acht Jahre lang leer.

Es war das Jahr 1995, und in dem Haus gab es keinen Warmwasseranschluss, keine Steckdosen, keine Heizung. „Seit der Vorkriegszeit wurde hier nichts getan“, schätzt Feierabend.

Ina Feierabend und ihr Sohn Til in ihrem Fachwerkhaus in Lanstrop. Die geteilte Tür ist eines der vielen Einzelstücke, die das Haus der Familie so besonders macht.

Ina Feierabend und ihr Sohn Til in ihrem Fachwerkhaus in Lanstrop. Die geteilte Tür ist eines der vielen Einzelstücke, die das Haus der Familie so besonders macht. © Stephan Schuetze

Zwei Frauen hatten hier zuletzt gewohnt, erzählt sie weiter. Zum Schluss hätten sie sich völlig isoliert, niemanden mehr ins Haus gelassen. Geheizt wurde mit dem Holzofen, für warmes Wasser musste der Badeofen angeschmissen werden.

Immer wieder geht es zur Müllkippe

In nur sechs Monaten machten Ina Feierabend und ihr Mann das Haus wieder bewohnbar. Dabei dauerte es allein drei Monate, bis alle Leitungen, die ein modernes Haus braucht, verlegt waren.

Fast täglich fuhren sie zur Mülldeponie, nach und nach leerte sich das vollgestopfte Haus. Dabei behielten die zwei auch vieles: die Vitrine im Esszimmer, eine alte Waage, ein Kästchen mit der aufgestickten Aufschrift „Kragen Manschetten“.

Diese alte Kiste ist eines der vielen Stücke, die Ina Feierabend nach dem Kauf in dem Haus fand. „Das Haus war eine Schatzgrube für mich“, sagt sie.

Diese alte Kiste ist eines der vielen Stücke, die Ina Feierabend nach dem Kauf in dem Haus fand. „Das Haus war eine Schatzgrube für mich“, sagt sie. © Stephan Schütze

Direkt in den Container wanderten dagegen das alte Geschirr und die alten Doktortaschen mit den Hakenkreuzen darauf. „Das Haus war voll mit Nazi-Kram“, erzählt Ina Feierabend. Sogar Verbandsmaterial mit NS-Symbolen fand sie im Keller. Bei den alten Besitzern kam eben nichts weg.

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Dem Keller, in dem sie die Einmachgläser fanden, gab das Ehepaar den Spitznamen „Frankensteins Vorratskammer“. Auch alte Flaschen mit selbstgemachtem Sirup standen hier, der Inhalt so verschimmelt, dass er wie Würstchen aussah.

Jeder Urlaub bringt neue Inspiration

Als Küche, Schlafzimmer und Bad fertig waren, zogen die zwei ein. Schritt für Schritt eroberten sie sich das Haus zurück. Sogar den Anbau, ein alter Stall mit eingestürztem Dach, der im Hause Feierabend nur „die Ruine“ hieß, nahmen sie irgendwann in Angriff. Darin brachten sie unter anderem das Zimmer von Sohn Til unter, der ein Jahr nach dem Umzug geboren wurde.

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Mittlerweile ist Ina Feierabend im Haus fertig, an der Einrichtung soll sich nichts mehr ändern. Dabei ist sie eigentlich eine Sammlerin. Aus jedem England-Urlaub bringen sie und ihr Mann nicht nur Deko- oder Möbelstücke, sondern auch neue Ideen und Inspirationen mit.

Der skurrile Einrichtungsstil der Engländer hat es ihr angetan. Egal, welche Regeln es bei der Inneneinrichtung gibt: „Die Engländer kümmern sich überhaupt nicht darum“, schildert sie begeistert. „Die streichen einen winzigen Raum dunkelgrün - und trotzdem hat es was.“

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Im quirligen Fachwerkhaus von Ina Feierabend gibt es keine Einrichtungs-Regeln

Seit 25 Jahren wohnen Ina Feierabend und ihre Familie in einem Fachwerkhaus in Lanstrop. Das uralte Haus wieder bewohnbar zu machen, war ein ganzes Stück Arbeit - jahrzehntelang ist das Haus nämlich nicht renoviert worden. Ein Glück, dass das Herz von Ina Feierabend bei Antiquitäten und Altem erst richtig hochschlägt.
04.02.2020
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Ina Feierabend und ihr Sohn Til in ihrem alten Fachwerkhaus. Die Haustür mit dem oberen Teil, das sich öffnen lässt, ist eines von vielen Einzelstücken, mit dem Ina Feierabend ihr Haus ganz individuell gestaltet hat. © Stephan Schütze
Über 100 Jahre ist das Haus der Familie Feierabend in Lanstrop schon alt. Als die Familie das Haus 1995 kaufte, hatte es bereits viele Jahre leer gestanden. © Stephan Schütze
Die moderne Küche kombiniert Ina Feierabend mühelos mit dem gemütlichen Vintage-Stil des Esszimmers. © Stephan Schütze
Die Idee für die Kaminecke rechts kam ihr und ihrem Mann bei einem ihrer vielen England-Urlaube. Der englische Einrichtungsstil hat es den beiden angetan. Die Vitrine gehörte schon den Vorbesitzern des alten Fachwerkhauses. © Stephan Schütze
Das Wohnzimmer der Familie Feierabend. Das Lichtelement über dem Sofa ist ein uralter Scheunenbalken, durch dessen Hohlräume Ina Feierabend eine Lichterkette gefädelt hat. © Stephan Schütze
Der Wohnstil englischer Landhäuser hat es Ina Feierabend und ihrem Mann angetan. © Stephan Schütze
In kleine Details kann Ina Feierabend genauso viel Liebe und Energie stecken wie in große bauliche Veränderungen. © Stephan Schütze
Diese alte Kiste für Manschettenknöpfe ist eines der vielen Dinge, die die Vormieter Ina Feierabend und ihrem Mann hinterlassen haben. "Das Haus war für mich eine Schatzgrube", erzählt sie heute. Mit ihrer Liebe zu Altem war das Haus genau das richtige für sie. © Stephan Schütze
Diese alte Waage ist ebenfalls ein Relikt der Vorbesitzer. © Stephan Schütze
Die große Fensterfront ist das neue Herzstück des Hauses. Sie gibt den Weg auf den großen Garten und den Teich frei. Genau wie das Haus war auch der Garten beim Einzug der Feierabends sehr chaotisch. © Stephan Schütze
Das Fachwerkhaus der Feierabends wurde 1899 gebaut. Als Ina und ihr Mann das Haus 1995 kauften, stand es schon viele Jahre leer - und die letzte Renovierung lag Jahrzehnte zurück. Einen Anschluss an die städtische Kanalisation gab es beispielsweise nicht. © Stephan Schütze
Das alte Boot stammt von einem Autofriedhof an der Bornstraße, den die Stadt vor ein paar Jahren auflöste. Heute ziert es den Garten der Familie. Einen Bus vom selben Schrottplatz übernahm damals übrigens der Junkyard in der Nordstadt. © Stephan Schütze
"Schön ist, was gefällt" - das ist Ina Feierabends Einrichtungsmotto. Die Schaufensterpuppe fiel ihr eher zufällig in die Hände: Feierabend engagiert sich in einer Lüner Kleiderkammer. Dort wollte man die Dame aus Plastik loswerden. © Stephan Schütze
Im Sommer ist dieser Teich ein eigenes kleines Schwimmparadies. Ina Feierabend und ihr Sohn springen hier gerne rein - nur ihr Mann stört sich an den Fröschen und Lurchen, die darin leben. Bis zu zwei Meter tief ist der Schwimmteich an der tiefsten Stelle. © Stephan Schütze
Einen "Faulenzergarten" nennt Ina Feierabend ihren Garten. Jahre hat es gedauert, das verwilderte Biotop der Vormieter mit seinen umgestürzten Bäumen auf Vordermann zu bringen. Aufwendige Blumenbeete, die viel Pflege benötigen, braucht sie da nicht mehr. © Stephan Schütze
Wann immer es geht, macht Ina Feierabend Dinge selber. Wenn Sohn Til als Kind aus der Schule kam, fand er seine Mutter häufig im Garten, wo sie gerade an einem neuen Projekt werkelte. © Stephan Schütze
Seit einigen Jahren hält Ina Feierabend Bienen. Aus dem Wachs stellt sie unter anderem Wachstücher her - eine nachhaltige Alternative zu Alu- und Frischhaltefolie. Wie man Wachstücher anfertigt, lehrt sie auch an der Volkshochschule. © Stephan Schütze

Im Esszimmer hat sie zwei unterschiedliche Tapeten kombiniert, auch die Stühle an dem alten Esstisch sind zusammengewürfelt. Der Vintage-Essbereich geht in die Küche über, ein ganz modernes Stück in knallrot. Ein Einrichtungs-Konzept hat Ina Feierabend immer, nur mit den Regeln hält sie es ähnlich wie die Engländer.

„Schön ist, was gefällt“, sagt sie.

Das Herzstück des Gartens lädt zum Schwimmen ein

Das Highlight der Wohnküche ist noch ganz neu: Im Juni 2019 ließ die Familie eine riesige Fensterfront zum Garten einbauen. Wo früher eine massive Hauswand war, öffnet sich der Wohn- und Essbereich nun in Richtung des großen Gartens.

Hier sitzt Ina Feierabend nun und beobachtet die Vögel, die im Vogelhäuschen ein und aus gehen. „Ich komme jetzt in dieses Alter“, sagt sie und lacht.

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Sobald Til schwimmen gelernt hatte, legten die Eltern im Garten einen Schwimmteich an: mit Seerosen, Badehäuschen und kleinem Steg, in der Mitte bis zu zwei Meter tief. Er ist das Herzstück des großen Gartens.

Ina Feierabend nennt ihn einen „Faulenzer-Garten“. Blumenbeete, die viel Pflege benötigen, hat sie schon lange nicht mehr. Stattdessen gibt es hier einen meditierenden Frosch zu sehen, der neben einer Schaufensterpuppe auf einer Bank sitzt.

Zu dem Fachwerkhaus gehört ein großzügiger Garten. Links im Bild ist das alte Boot zu sehen, das die Familie einst von einem Schrottplatz in der Nordstadt rettete.

Zu dem Fachwerkhaus gehört ein großzügiger Garten. Links im Bild ist das alte Boot zu sehen, das die Familie einst von einem Schrottplatz in der Nordstadt rettete. © Stephan Schütze

Ein altes Motorboot steht ein paar Meter weiter. Nachdem es jahrelang auf einem Autofriedhof an der Bornstraße gestanden hatte, fand es im Garten der Feierabends ein neues Zuhause. Es ist auch ein Symbol für die Rastlosigkeit von Ina Feierabend, für Ihre Suche nach ständig neuen Projekten. „Jedes Mal sagen wir uns: ‚Jetzt reicht's!‘“, erzählt Feierabend.

Und dann kann die Familie es doch nicht lassen. „Das mit dem Boot - das war völlig unnütz“, fast schimpft Ina Feierabend auf sich selbst. „Wir mussten uns einen Hänger leihen, wir mussten uns Ketten für den Transport besorgen.“

„Und dann“, erzählt sie weiter, „brauche ich erstmal ein langes Rheumabad.“ Und jedes Mal, wenn Ina Feierabend so in der Badewanne liegt, sagt sie sich: „Jetzt reicht's wirklich.“ Bis die nächste Idee kommt. Oder das nächste alte Schmuckstück auftaucht.

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