Schulleiter Norbert Dr. Rempe-Thiemann (r.) und sein Stellvertreter Tobias Zabel führen die Schule am Hafen in der Dortmunder Nordstadt. Das Foto ist im August 2019 entstanden. © Stephan Schütze (Archiv)
Schule und Corona

„Das Ministerium hat keine Ahnung, was in den Schulen passiert“

Auf den Schulen liegt in Corona-Zeiten ein besonderer Fokus. Doch wie erleben eigentlich Schulleiter die vergangenen Monate? Welche Sorgen, Fragen und Ängste plagen sie? Ein Gespräch.

Aktuell 25 Corona-Fälle (Stand 24.11.) – darunter Schüler und Lehrer: Die Hauptschule am Hafen hat es besonders schwer erwischt. Insgesamt 120 Schüler sind in Quarantäne und 18 Lehrer erkrankt – wegen Corona, aber auch unter der Grippe leiden einige Lehrkräfte.

Nicht die einzige Sorge für Schulleiter Norbert Rempe-Thiemann und seinen Stellvertreter Tobias Zabel in diesen Corona-Zeiten. Sie erleben vieles, das vorher nie da gewesen ist, bekommen zahlreiche Fragen gestellt und müssen sich immer wieder um die Gesundheit von Schülern, Lehrern aber auch um ihre eigene Gedanken machen.

Noch vor dem Corona-Ausbruch an ihrer Schule haben sie der Redaktion von ihrem Alltag einer Hauptschule in der Nordstadt berichtet – doch ihre Meinung hat sich dadurch nicht geändert. Besonders drei Problemfelder haben sie ausgemacht.

„Ministerin hat exklusive Erkenntnisse“

Gerade die Vorgaben der Landesregierung bereiten große Bauchschmerzen. „Bei uns gibt es Institutionen, die meinen, sie wüssten es ganz besonders gut. Und die uns sehr eng vorschreiben, wie wir zu arbeiten haben, obwohl sich bei uns an der Schule – und da spreche ich für viele Lehrer und Schulleiter – die Nackenhaare sträuben, weil wir so arbeiten müssen, wie wir es aus eigener Überlegung niemals tun würden“, sagt Rempe-Thiemann.

Dazu fügt er an: „Aber wahrscheinlich verfügen die Ministerin oder auch der Ministerpräsident über exklusive Erkenntnisse, die uns nicht zur Verfügung stehen.“

An einem konkreten Beispiel macht der Schulleiter klar, wie weit das Ministerium und die Schulen vor Ort auseinander liegen. Er bezieht sich dabei auf den ersten Lockdown im Frühjahr.

„Als die Schulen wieder geöffnet wurden, verkündete die Ministerin gegenüber den Eltern, dass diese sich wieder an die Schulen wenden könnten, da die Schulleitungen wieder vor Ort seien. Da ist mir fast der Kit aus der Brille gefallen, weil ich gedacht habe: ‚Die Frau hat überhaupt keine Ahnung, was in den Schulen passiert.‘“

Tobias Zabel und Norbert Rempe-Thiemann haben von ihrem Alltag in Corona-Zeiten erzählt.
Tobias Zabel (l.) und Norbert Rempe-Thiemann haben von ihrem Alltag in Corona-Zeiten erzählt. © Maximilian Konrad © Maximilian Konrad

Im Lehrerkollegium habe man sich selbstverständlich auch in den Osterferien damit auseinandergesetzt, wie es weitergehe. Man habe mit den Schülern und Lehrern Kontakt gehabt. „Und dann muss ich mir – Entschuldigung – aber solch einen Unsinn aus dem Ministerium anhören“, kommentiert Rempe-Thiemann und ergänzt: „Eigentlich kann man über das, was auf der höheren administrativen Seite passiert, nur mit Humor nehmen.“

Sein Kollege Tobias Zabel meint: „Oft ist es so, dass wir an der Basis nicht gefragt werden. Insgesamt führt das zu großem Frust. Es ist überhaupt nicht mehr nachvollziehbar, dass da irgendwo eine Gemeinsamkeit zwischen denen da oben und uns ist.“

„Entsetzte Reaktion der Lehrkräfte“

Die ständig wechselnden Vorgaben führen auch zur großen Verunsicherung bei der Lehrerschaft. „Mal ist das, was das RKI empfiehlt, die Leitlinie, mal aber auch überhaupt nicht. Das sorgt für Unruhe – auch privat. Meine beiden Kinder waren schon dreimal in Quarantäne und haben inzwischen Angst, zur Schule zu gehen, weil sie sagen: ‚Es dauert nicht lange und dann bin ich schon wieder in Quarantäne für 14 Tage‘“, sagt Zabel.

Auch die zum Beginn der Corona-Zeit verbreitete These, dass die Schulen keine Infektionsherde sind und dort nur wenige Menschen erkranken, habe sich als sehr gewagt herausgestellt, meinen die beiden. Problematisch bewerten sie dabei besonders, dass die Ansteckungsgefahr kaum kommuniziert wurde.

„Mittlerweile ist die Infektionsrate an Schulen höher als in der Gesamtbevölkerung. Das ist uns lange Zeit verschwiegen worden und hat zu einer entsetzten Reaktion der Kolleginnen und Kollegen geführt. Alle verspüren ganz viel Druck. Viele Lehrer und Lehrerinnen fühlen sich missbraucht für ein epidemiologisches Experiment“, erzählt Rempe-Thiemann.

Zabel bringt seinen Ärger auf den Punkt. Wenn beim dauerhaften Anstieg der Zahlen und bei der geringen Nachvollziehbarkeit gleichzeitig von der Schule als sicheren Ort gesprochen werde, der keine große Quelle für Infektionen sei, „dann fühlt man sich als Lehrkraft aber auch als Vater für dumm verkauft. Dies führt natürlich auch nicht zur einer Stabilisierung der Situation an den Schulen, sondern es gibt zunehmend Lehrkräfte, die Angst haben, hier zu arbeiten.“

„Positiv Getestete treiben sich auf der Straße rum“

Und auch mit den Sorgen der Schüler und Eltern muss sich die Schulleitung auseinandersetzen. Zumal in der Nordstadt besondere Umstände herrschen: 90 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund und über 80 Prozent erhält Sozialleistungen.

Leider seien die Schüler und Eltern nicht unbedingt dafür bekannt, sich außerhalb der Schule an alle Hygienevorschriften zu halten, berichtet Zabel. „Wir haben hier Eltern, die eigentlich in Quarantäne sein müssen, die hier vorsprechen und kein Verständnis für die Maßnahmen haben. Immer wieder berichten auch Kinder, dass sie Mitschüler auf der Straße sehen, die positiv getestet wurden.“ Das führe dazu, dass viele Eltern ihr Kind nicht mehr zur Schule schicken wollen, weil sie Angst vor einer Ansteckung haben.

Da zuletzt auch immer mehr Schüler erkranken, steige unter ihnen aber die Sensibilität für Corona. Tobias Zabel erzählt: „Einige haben Schiss, andere stellen Fragen: ‚Wie lange kann ich nicht zur Schule kommen? Wann muss ich das nächste Mal raus aus der Klasse?‘ Für einige Schüler ist gerade auch die Quarantäne sehr belastend – vor allem für die, die in schwierigen Verhältnissen leben.“

Über den Autor
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Gebürtiger Brandenburger. Hat Evangelische Theologie studiert. Wollte aber schon von klein auf Journalist werden, weil er stets neugierig war und nervige Fragen stellte. Arbeitet gern an verbrauchernahen Themen, damit die Leute da draußen besser informiert sind.
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Maximilian Konrad

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