Einige der Geimpften am Dortmunder Impfzentrum waren durchaus für Lockerungen - allerdings längst nicht alle. © Bastian Pietsch
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Debatte um Lockerungen: Für Dortmunder Geimpfte eine Frage der Gerechtigkeit

Sollten Menschen, die geimpft sind, von manchen Infektionsschutz-Auflagen befreit werden? Selbst unter frisch geimpften Dortmunder findet sich für diese Idee nicht nur Zustimmung.

Die verschiedenen und oft einschneidenden Einschränkungen zum Schutz vor dem Coronavirus sind Maßnahmen der Gefahrenabwehr. Sie schützen Individuen vor Ansteckungen und möglicherweise schweren Krankheitsverläufen und das Gesundheitssystem vor der Überlastung.

Was aber, wenn diese Gefahr bei manchen Menschen wegfällt, weil sie geimpft sind? Sollten dann auch die Einschränkungen für diese Menschen wegfallen? Diese Frage wird aktuell von Bundespolitikern diskutiert. Was denken aber diejenigen, die in Dortmund konkret betroffen wären?

Rund 130.000 Menschen in Dortmund haben laut der Kassenärztlichen Vereinigung mittlerweile mindestens eine Impfdosis bekommen. Sie würden im Zweifelsfall davon profitieren, wenn Geimpfte einige ihrer Freiheiten zurückbekommen würden. Nicht alle sind allerdings von der Idee angetan.

Geimpfte sehen ethisches Dilemma

Viele sind zwiegespalten, sehen das Geimpft-Sein durchaus als Anlass für Lockerungen, fänden eine entsprechende Regelung aber unfair denjenigen gegenüber, die noch keine Gelegenheit hatten, sich impfen zu lassen. Denn in Dortmund werden aktuell Personen vor allem aus der Prioritätsgruppe 2 geimpft. Menschen, die nur in Gruppe 3 oder 4 Fallen, müssen sich noch gedulden.

„Ich glaube, dass man lieber solidarisch zusammen halten sollte und alle die gleichen Rechte haben sollten“, sagt beispielsweise eine frisch geimpfte Dortmunderin am Dienstagmittag. „Es gibt so viele Leute, die noch nicht geimpft worden sind, man täte denen Unrecht, wenn die Geimpften jetzt ihre alten Rechte zu schnell zurückbekommen würden“, sagt ein anderer.

Ein Dortmunder findet Lockerungen „ethisch sehr schwierig“. Es sei natürlich angenehm für jeden, der sie bekomme, jedoch sei wichtig, dass erst jeder eine Möglichkeit bekommen habe, sich impfen zu lassen. Wer die Impfung dann ablehne, sei selbst Schuld. Lockerungen, bevor jeder eine Gelegenheit zur Impfung bekommen hat, fände er jedoch „unfair“.

Nur Rückkehr zur Normalität

Allerdings: Es geht bei den Lockerungen nicht etwa um Privilegien, sondern um eine Rückkehr zur Normalität. „Man bekommt einfach seine Rechte, die beschnitten wurden, wieder zurück, weil ja der Grund für diese Beschneidung nicht mehr besteht“, sagt ein geimpfter Dortmunder.

Ein anderer betont: „Wenn es tatsächlich einen 80-, 90-prozentigen Schutz gibt, dann ist die Bewegungsfreiheit ja auch sinnvoll. Ich fände es in Ordnung, wenn die Lockerungen eintreten würden.“

Eine Dortmunderin findet „auf der einen Seite ist es schon richtig, dass die Leute, die geimpft sind, ihre Rechte zurück bekommen. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch, dass das ungerecht denen gegenüber ist, die noch kein Impf-Angebot erhalten haben.“

Eine auffallend moralische Debatte

Die meisten der Geimpften in unserer kleinen Stichprobe haben sich offenbar Gedanken zum Für und Wider der Lockerungen für Geimpfte gemacht. In einer Pandemie, in der viele gesellschaftliche Debatten maßgeblich entlang von Zahlen verlaufen, ist diese eine auffallend moralische.

Keiner der Befragten hat zum Beispiel Sorge geäußert, dass Lockerungen für Geimpfte möglicherweise Auswirkungen auf die Inzidenz haben könnten. Ebenso wie niemand gefragt hat, wie der Impfstatus kontrolliert werden sollte und wie dabei der Datenschutz aussehen sollte. Für die Dortmunder Geimpften dreht sich die Frage nach Lockerungen vor allem – und mindestens eben so wichtig – um Gerechtigkeit.

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Redaktion Dortmund
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Bastian Pietsch

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